M U S I K Das Klavier als Körper
Eine "afrikanische" Pianistin aus Zürich: Irène Schweizer wird 60 - und in ihrer Heimat gefeiert
Sie hat das europäische Instrument afrikanisiert. Sie begreift das Klavier über die Tastatur hinaus als Klangkörper, der überall berührt, gestreichelt, geschlagen werden kann. Sie vermag so formbewusst zu improvisieren, dass spontane Ideen über den Moment hinaus Gestalt bewahren. Sie fügt kleine, farbige Motive, die mal an Ragtime, mal an Bartók, mal an die Savanne erinnern, zu rhythmischen Kaskaden, bis alle im Saal unwillkürlich mit dem Kopf wippen. Irène Schweizer ist in der Welt der Improvisation ein Begriff.
Nun wird sie 60, am 2. Juni, und in ihr Erstaunen über das abrupte Verstreichen der Jahre mischt sich die Freude über einen neuen Höhepunkt ihrer Karriere. Sie wird ausgiebig gefeiert: auf zwei Festivals im Mai, einem exklusiven Abend im Zürcher Schauspielhaus (am 10. Juni) und mit mehreren Plattenveröffentlichungen - in der Schweiz, aus der sie stammt und in der sie lebt.
Den Anfang macht das Festival ihrer Heimatstadt Schaffhausen, wo sie zur Mittagszeit solo spielt (16. Mai) und für den Abend des nächsten Tages eine Carte blanche bekam: Freie Partnerwahl. Sie wollte nur Han Bennink, mit dem sie seit Jahrzehnten gemeinsam auftritt, den schrulligen Holländer am Schlagzeug. Er brüllt, wirft mit Stöcken, gestikuliert, markiert den wilden Mann. Sie dagegen hockt fast grauemausartig da, gibt ihren Humor allein musikalisch zu erkennen, mit jener strengen Haltung, die sie sich in ihrem früheren Beruf als Sekretärin angeeignet hat: "Ich habe einen Anschlag wie eine elektrische Schreibmaschine."
In Schaffhausen hatte man sich eigentlich noch einen zweiten Auftritt für den Abend vorgestellt, in anderer Besetzung - doch Irène Schweizer winkte ab. Nach dem Spiel mit Bennink werde sie zu nichts mehr in der Lage sein. Gut, dann möge sie sich doch gemütlich zurücklehnen und jemanden für sie spielen lassen. "Ich überlegte hin und her, dann habe ich gefragt, ob ich mir auch einen Film wünschen könne." So kommt es, dass in Schaffhausen Straight No Chaser zu sehen sein wird, jene grandiose Dokumentation über das Leben von Thelonious Monk.
Irène Schweizer verehrt Monk, den Pianisten, Don Cherry, den Trompeter, Johnny Dyani, den Bassisten, Ed Blackwell, den Schlagzeuger. In Gedanken leben sie fort und erinnern an das, was zählt in der Musik. "Nicht Virtuosität", sagt Irène Schweizer. "Poesie."
Dem Ideal der technischen Perfektion eifert sie seit langem nicht mehr nach. Statt allein zu Haus Läufe zu üben, guckt sie sich lieber eine Ausstellung an oder geht schwimmen im See.
Überhaupt entspricht ihr Lebenswandel wenig dem Klischee. "Die Nächtedurchsauferei" der männlichen Kollegen missfiel ihr schon in frühen Jahren. Das ewige Herumreisen "in Autos ohne Heizung" - passé. Zürich ist das Zentrum ihres Wirkens. "Seit 23 Jahren lebe ich in derselben Wohnung", sagt sie, selbst etwas verwundert; ihre Dynamik erwächst aus Beständigkeit. Auch "das Flatterhafte" ist ihr suspekt: stets mit neuen, ihr unbekannten Musikern zu spielen.
Auf dem Uncool-Festival am Ufer des Lago di Poschiavo (über Himmelfahrt, 24.-26. Mai) wird sie mit alten Bekannten zu hören sein. Mit Pierre Favre, Schlagzeug, und Rüdiger Carl, Akkordeon sowie Klarinette, holt sie zu feinen, hintergründigen, gelegentlich folkloristisch angehauchten Improvisationen aus. Mit dem Damentrio Les Diaboliques lässt sie die feministischen Volten vergangener Jahre wiederauferstehen. Der Sängerin Maggie Nichols gefiel es, gelegentlich als hysterische Hausfrau mit dem Besen über die Bühne zu fegen, während die Bassistin Joelle Leandre laute Schreie ausstieß. Manchem Mann im Publikum wurde dabei ganz anders; manchem Festivalveranstalter auch.
Irène Schweizer will nichts zurücknehmen aus jener Lila-Latzhosen-Zeit, "es gibt ja leider heute noch Festivals, zu denen nicht eine Musikerin eingeladen wird". Ihre ersten Soloalben hießen programmatisch Wilde Senoritas und Hexensabbat; nach fast 25 Jahren werden sie diesen Sommer vom Zürcher intakt-Label als Doppel-CD wiederaufgelegt.
Auch der dritte Auftritt beim Uncool-Festival bleibt in der Familie: mit dem Schlagzeuger Andrew Cyrille, der lange für Cecil Taylor spielte. In den Sechzigern vergötterte sie diesen amerikanischen Free-Jazz-Pianisten. Sie hörte seine Platten, versuchte zu spielen wie er. Als sie ihn das erste Mal live erlebte, 1966 in Stuttgart, war sie so beeindruckt, dass sie ihr Klavier nicht mehr anrühren wollte. Es war die Krise einer 25-jährigen, äußerst begabten Musikerin, die ihre eigene Sprache noch nicht gefunden hatte.
Taylor: Berserker, Kraftmensch, Derwisch, Diva. Schweizer: nichts davon. Ein Mann und eine Frau, wie sie verschiedener nicht sein könnten. Und doch ist die Verwandtschaft spürbar, am deutlichsten bei den Platten: Beide Musiker haben, für Pianisten eher ungewöhnlich, etliche Klavier-Schlagzeug-Duos eingespielt, in drei Fällen sogar mit denselben Partnern. Beide haben ein besonderes Verhältnis zum Rhythmus. Der Amerikaner beschwört die Trommeln seiner indianisch-afrikanischen Ahnen; die Schweizerin erinnert sich an ihre Jugend im "Landhaus" zu Schaffhausen, dem elterlichen Saalbetrieb hinterm Bahnhof, wo Studenten Boogie-Woogie tanzten und neben dem Klavier ein Schlagzeug herumstand.
Wenn in diesen Tagen Irène Schweizers jüngste Platte erscheint, Chicago Piano Solo, dann wird das alles darin anklingen: Taylor, die Trommeln, Bartók, Boogie-Woogie, die Latzhosen, Schaffhausen ...
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