Giuseppe Sinopoli, der vor zwei Wochen und mindestens zwanzig Jahre zu früh starb, hat seine Hörer mit einer schwer zu fassenden Eigenschaft verwirrt, die man gern "intellektuell" nannte oder als "Nüchternheit" erlebte. Sie war umso auffälliger, da der Dirigent meist mit rauschverheißender Spät(est)romantik hantierte. Wagner, Mahler, Strauss. Bruckner seltener.

Aber gerade bei Anton Bruckner konnte man erkennen, wie Sinopoli idealerweise arbeiten wollte. Dem verschrobenen Österreicher stand er weniger als Dirigent gegenüber denn als Komponist zur Seite - in Material und Organisation so vertieft, dass Begriffe wie "Ausdruck" und "Atmosphäre" nebensächlich, fast läppisch wurden. Mit ihnen kommt man der Fünften Sinfonie sowieso nicht bei.

Sie wird seltener gespielt als die Dritte, Vierte, Siebte und die Neunte. Es fehlt da etwas zum Vertrautwerden. Was ihre Linien zusammen hält, ist weniger offenkundig, ihre Triumphe und Tröstungen gleichen Luftspiegelungen. Es ist ein Werk der Menschenferne, das Sinopoli 1999 mit der Sächsischen Staatskapelle aufführte. Den Konzertmitschnitt hat noch vor Sinopolis Tod die Deutsche Grammophon veröffentlicht (DG 469 527-2), und das erste Fortissimo nach einem fernen Beginn ist keineswegs ein "Weckruf", wie Hermeneutiker wähnen, sondern einfach eine Folge massiver, scharf punktierter Rhythmen.

Einem, der gern in Bildern hört, zeigen sie eine steile Basaltwand, aber keinen Weg.

Es wird ja auch kein Weg zurückgelegt. Selbst Bruckner komponierte selten so antidramatisch und abstrahierend wie hier, und Sinopoli versucht nie, Brücken zu bauen, die Gegend zu besiedeln. Er ist präzise, nicht kalt.

Die Befreiung von der Subjektivität wird nicht erkämpft, sondern genossen, mit wunderbaren, wie sich selbst überlassenen Details. Etwa das zarte Wechselspiel zwischen Flöte und Horn im ersten Satz, vogelfein vor großem, blassem Himmel, oder im letzten Satz die überdichte Kontrapunktik, die an filigranen Stellen wie eine Salzwüste glitzert. Ein besonderes Wunder ist das Adagio. Hinter all den Sequenzen ahnt man die kosmische Langeweile, vor der die Kunst uns schützt - aber kurz vor Schluss, beim aberwitzig weit hergeholten Neuansatz der Harmonik, präparieren die Dresdner so etwas wie ein Subjekt heraus: Auf einmal scheint die Musik sich selbst zu erblicken.

Eine seltsame Schwäche hat dieser außergewöhnliche Mitschnitt: Immer wieder verkürzt Giuseppe Sinopoli wichtige Pausentakte. Das passt nicht zur Genauigkeit. Wurde schlecht geschnitten? Vielleicht aber fürchtete der Dirigent in der Stille den Einbruch jener Leere, an die er sich in Tönen so nah heran wagte.