Pfeffersäcke können auch anders
"Private Schätze": Wie Hamburger Kaufleute Kunst sammelten
Gertrud Troplowitz schätzte das Lieblingsbild ihres Mannes Oscar überhaupt nicht, und als er starb, übergab sie Picassos Absinthtrinkerin (1902) der Hamburger Kunsthalle. Wenn man das Porträt sieht, das der Regionalmaler Rudolf Schulte im Hofe von Frau Gertrud angefertigt hat, dann erstaunt einen diese Durchsetzungsfreude nicht, die auch die Reproduktion überlebt hat. Aber immerhin hatte es ja Zeiten gegeben, da diese beiden ungleichen Damen unter einem Dach im Großbürgerhaus in der Agnesstraße 1 hingen. Troplowitz, der erste deutsche Privatsammler, der ein Bild von Picasso kaufte (1914), war als armer, ehrgeiziger junger Mann, Dr. Phil. und Oberapotheker, aus dem schlesischen Gleiwitz nach Hamburg gekommen, hatte dem Apotheker Paul Beiersdorf seinen Betrieb abgekauft. Unter dessen Namen wurde dann die allererste Zahnpasta und 1911 die Nivea-Creme in die Umlaufbahn gebracht.
In der nicht zuletzt im Zusammenhang aktueller Sammler-Auftritte hochinteressanten Hamburger Ausstellung Private Schätze - über das Sammeln von Kunst in Hamburg bis 1933 ist keine von den beiden Damen zu sehen. Die eine geriet über die Enteignung durch die Nationalsozialisten und die Luzerner Auktion von 1937 ins Museum Bern, die andere ist mit ihrem Porträtisten im Meer des Mittelmaßes untergegangen. Der Fall Troplowitz fällt, zwischen den Weltmarken Picasso und Nivea, ein wenig aus dem hanseatischen Rahmen. Er ist aber ein besonders farbiger Hinweis darauf, dass hinter den Samtportieren von Hamburgs Häusern um die Jahrhundertwende gelegentlich doch mehr besprochen wurde als Im und Ex und Segeln (wobei hinzuzufügen ist, dass Hamburg im 18. und frühen 19. Jahrhundert ein Zentrum des europäischen Kunsthandels war) und mehr zu genießen war als Rotwein und Zigarren. In den Stadtvillen der Amsinck, Newman, Simm, Weber, Behrens, Blohm oder Hudtwalcker hing schon mal ein Munch über dem Plüschsofa und ein Picasso zwischen den Leuchtern einer Art von Anrichte. Neben den französischen Impressionisten, Menzel und Liebermann sammelte man auch Paula Modersohn-Becker, Nolde, Beckmann. Und dann gab es natürlich dunkel getäfelte Treppenhäuser voller mittelalter Holländer und Landschaften.
Es war nicht der unruhige, intellektuelle Aufbruchsgeist eines Harry Graf Kessler, der sich neue Lebensräume schuf, sondern eine oft vom Hamburger Museumsdirektor Lichtwark ("Auch in Deutschland besinnt sich der Reichtum darauf, dass er etwas leisten muss, um sich zu rechtfertigen") klug gesteuerte Alternative zu Handel und Wandel, die sich gelegentlich zur kleinen Leidenschaft, zum Ehrgeiz auswuchs und in vielen Fällen mäzenatische Folgen hatte. Und nicht jede Gattin war eine Gertrud. Wenn die Amsincks ihrem Haus An der Alster 85 neben Pferdestall, Wintergarten und Treibhaus auch noch eine Galerie hinzufügten und Konsul Eduard F. Weber im Sitzungszimmer seiner Bank in der Hermannstraße Menzel und die Schule von Barbizon aufhängte, dann wollte man wohl weniger prunken als im Kreis der Freunde und Geschäftsleute eine höhere Art von Bürgersinn entfalten. Einige der Sammlungen waren auch nach Anmeldung zu besichtigen. 1933 war alles vorbei.
Nicht so drastisch wie in Berlin, wo die Zahl der jüdischen Sammler und, dank der Tätigkeit der Museumsdirektoren Hugo von Tschudi und Ludwig Justi, der "entarteten" Kunstwerke größer war. Aber dennoch: Nivea blieb in Hamburg, die Absinthtrinkerin ist in Bern. Eine Geschichte, die nicht nur anhand von 180 Kunstwerken, sondern auch von Fotoalben, Manuskripten, Rechnungen und Briefen und vor allem in dem hervorragenden Kataloghandbuch zu verfolgen ist, das Ulrich Luckhardt und Uwe M. Schneede herausgegeben haben.
Hamburger Kunsthalle bis zum 17. Juni
Katalog 45,- DM
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 19/2001
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