SONNTAG, 13. MAI 2001 Ayoboan, Sri Lanka!
Es ist genau 17:13 Uhr, als unser Bus nach endloser Kurverei in die Auffahrt der Greystones Villa einbiegt. Wir sind angekommen, endlich, nach sieben Stunden Fahrt von Colombo hinauf ins Hochland Sri Lankas, 1200 Meter über dem Meer. Vor uns liegt das Hauptziel unserer dreiwöchigen Projektreise: das Ayurveda Health Care Resort, mitten in den Teeplantagen. Vor uns liegen zwei Wochen Ayurveda im Hochland der Insel vor der Südspitze Indiens, zwei Wochen Selbsterfahrung durch die älteste Medizinlehre der Welt. Im Zuge der Wellness-Welle sind überall in Deutschland, Österreich und in den USA Ayurveda-Kliniken aus dem Boden geschossen. Die sanften Behandlungen versprechen Ruhe, Kraft und neue Energie, Stressabbau sowie die Heilung zahlreicher Zivilisationskrankheiten Aber könnte man Ayurveda besser erfahren, so die Idee, als an einem ihrer Ursprungsorte, auf Sri Lanka, wo Ayurveda seit über 2.000 Jahren Volksmedizin ist?
Eine Gruppe Zeitleser und ein Redakteur waren am vergangenen Mittwoch in den modernen Airbus von SriLankan Airlines gestiegen. Zehn Stunden später werden sie in Colombo vom Tropenklima empfangen. Schon auf der Gangway klebt das Hemd schweißnass am Körper. Der Monsun hat begonnen und die Küstenregion in eine feucht-schwüle Waschküche verwandelt. Erstmal richtig ankommen und ausspannen im Ranweli Holiday Village, einem Ökoresort auf einer kleinen Laguneninsel 70 Kilometer nördlich von Colombo. Dort treffen wir Sonja Kleiner, die unsere Ayurveda-Klinik in Diyatalawa leitet. Sonja übersetzt auch am Freitag bei den Konsultationen. Die beiden Ayurveda-Ärztinnen Dr. Karunadasa und Dr. Kumari schauen uns in die Augen, auf die Zunge und messen den Puls. Und notieren fleißig in ihre Notizbücher. Für jeden von uns wird es eine eigene, individuelle Behandlung geben, abhängig von unserer Konstitution und dem Zustand unserer Doshas, der Bioenergien. Diejenigen von uns, bei denen sie mehr aus dem Gleichgewicht geraten sind oder die über akute Beschwerden klagen, bekommen intensivere Behandlungen verschrieben, als diejenigen, die einfach nur regenerieren wollen. Was man mit uns am Kurort Diyatalawa anstellen wird, verraten die liebenswürdigen Damen leider nicht. Ein kleines Wunder ist in unseren ersten beiden Tagen auf Sri Lanka allerdings passiert: Wie von Zauberhand sind die Wolken vom Himmel gefegt. Nicht ein Tropfen Regen mitten in der Monsunzeit.
Samstag früh dann wieder hinein in den Bus. Die größte ayurvedische Medikamentenfabrik Sri Lankas wartet auf unseren Besuch. Mit den Anlagen von Bayer, Roche oder Ciba-Geigy hat das hier wenig zu tun: In einer riesigen Halle lagern Zweige, Rinden, Wurzeln. Insgesamt 1050 medizinische Pflanzen werden hier zu verschiedenen Medikamenten verarbeitet. Die Zutaten kommen aus den Wäldern der Insel, aber auch aus Indien oder dem Himalaya. Zum Teil mehrere Wochen köcheln Kräuterweine in riesigen Metallzubern, bevor sie für noch mal drei Wochen in Holzfässern fermentieren und dann in Flaschen abgefüllt werden. Woanders werden Rohstoffe pulverisiert, an altertümlichen Maschinen kleine, schwarze Pillen gedreht. Die Fabrik beliefert die unzähligen Ayurveda-Apotheken, die auf der Insel in fast jedem Dorf zu finden sind. Direkt nebenan liegt das nationale Ayurveda-Forschungsinstitut, deren stellvertretende Leiterin viele Jahre lang Chandra Karunadasa war. Sie führt uns in den Kräutergarten der weitverzweigten Anlage und in das Labor, wo mit neuen Kräutermedikamenten experimentiert wird. Erste Erfolge, erzählt die Ärztin, zeigten derzeit klinische Tests mit Mäusen, die auf ein neues Medikament gegen Leberkrebs ausgesprochen positiv reagierten. Im angegliederten Krankenhaus erleben wir dann die medizinische Wirkung der alten Heilkunde: In den Krankensälen begegnen wir Menschen, deren Beschwerden - Arthritis, Rheuma, Asthma - massiv gelindert wurden. Dafür müssen sie teilweise drei Monate in dem einfachen Hospital verbringen. Auf einer Pritsche sitzt ein junger Mann aus Colombo, der binnen drei Wochen von seiner Heroinabhängigkeit kuriert worden sei, berichtet er. Samt Entzugserscheinungen. Heute ist sein letzter Tag im Krankenhaus und er gelobt, das Teufelszeug nie wieder anzurühren. Es sei ihm sehr zu wünschen.
Kein Besuch Colombos ohne einen Abstecher ins altehrwürdige Galle Face Hotel, dem ältesten Hotel auf Sri Lanka. Ein Relikt aus kolonialen Zeiten, als sich das gesellschaftliche Leben der reichen Tee- und Kautschukkolonie unter diesen hohen Decken abspielte. Auch wenn der alte Glanz längst verblasst und ein Flügel seit Jahren stillgelegt ist: Das Gemüsecurry zum Lunch auf der zum Meer offenen Terrasse bleibt eine kulinarische Offenbarung. Und für einen Nightcup abends nach dem Dinner bleibt das Korbgestühl direkt am indischen Ozean eine erste Adresse. Die Verwunderung wäre gar nicht groß, würden sich jetzt Josef Conrad oder Sommerset Maugham auf einen Scotch oder einen Arrak dazugesellen. Beides übrigens Genüsse, die von morgen an strengstens verboten sein werden.
Heute abend dürfen wir jedoch noch einmal richtig zulangen. Auf dem Tisch im Esszimmer der Greystones Villa ist ein Dutzend Früchte dekorativ hergerichtet. Dazu die erste Kostprobe des köstlichen heißen Wassers, das uns die nächsten 13 Tage durch unsere Ayurveda-Kur begleiten wird. All you can eat. Das wird es in den kommenden Tagen nicht mehr geben. Die Frage, worauf man sich hier eingelassen hat, beschäftigt wohl jeden von uns, als wir auf unsere Zimmer gehen. Und wie wir uns in knapp zwei Wochen fühlen werden. Das werden wir sehen.
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