MONTAG, 14. MAI 2001 Öl auf unseren Haaren

Um acht Uhr morgens klingelt die Glocke. Suppiah, der alte Diener, schwingt das goldfarbene, gusseiserne Stück mit Hingabe. Genauso wie vor 60 Jahren für jenen englischen Kolonialbeamten, der die Villa Greystones 1907 als Sommerfrische errichten ließ. Der damalige Herr wusste sehr wohl, an welchem Platz dem schwülwarmen Monsun der Küstenregion am besten zu entrinnen war. Ein azurblauer Himmel empfängt uns auch heute morgen und eine milde Luft wie in der Toskana . Zeit zum Frühstück - um acht Uhr wie fortan jeden Morgen. Vor uns steht eine Schale dünner Wasser-Reis-Suppe, die uns noch zwei Tage begleiten wird. Nachdem wir sie andächtig gelöffelt haben, füllt der 83jährige Suppiah, der in seiner steifgebügelten, weißen Uniform mit einer riesigen Kanne um den Tisch schlurft, Kräutertee in die Tassen. "Iramisu Sir, very healthy." Der Tee aus der gleichnamigen einheimischen Wurzel, so erfahren wir, wirkt blutdrucksenkend, vermindert Fieber und Körperhitze - und reduziert die Bioenergien Vata und Pitta.

Nach dem Frühstück ist es Zeit für die ersten Anwendungen. Die kommenden drei Tage, solange unsere Wasser-Reis- und Gemüsesuppendiät dauert, bekommen wir Shirodara, einen Stirnguss aus warmen Öl. Er soll besonders die Schulter-Nackenpartie beruhigen und Vata ausgleichen, jene Bioenergie, die bei den meisten Kurgästen aus dem Westen am häufigsten gestört ist. Auf jeden Fall ist es himmlisch.

Wenig später liege ich auf dem hölzernen Behandlungstisch des Gesundheitszentrums, das wir nach einem Spaziergang durch den üppigen, tropischen Garten erreicht haben. Themiya und Thushara, die beiden jungen Masseure, dirigieren mit den Händen einen an Schnüren aufgehängten Tontopf, aus dem ein dünner Strahl warmen Öls über einen Docht auf meine Stirn rinnt. Durch die Pendelbewegungen fließt das Kräuteröl die rechte Schläfe oberhalb des rechten Ohrs entlang und wieder zurück, rechte Schläfe, linke Schläfe, linkes Ohr...ich habe jegliches Zeitgefühl verloren. Wunderbares Shirodara. Möge es niemals aufhören.

Nach einer halben Stunde werde ich sanft aus dem Halbschlaf geweckt. Ich erhalte ein Kopftuch über die eingeölten Haare und die Anweisung, bloß nicht den Kopf zu duschen oder Haare zu waschen, damit das Öl einziehen kann. So geschieht es, dass beim Mittagessen zur Gemüsesuppe Turbanträger mit den originellsten Kreationen den Tisch säumen. Nach dem Mittagessen ist dann Zeit für individuelle Schönheitsmassagen: Füße, Rücken, Gesicht. Papaya-, Gurken-, Sandelholz- und Avocadomasken. Um drei Uhr Nachmittags ist dann Zeit für eine weitere Runde Iramisu-Tee und nach dem Abendbrot um sechs (dünne Gemüsesuppe und Iramisu-Tee!) beginnt um Viertel nach sieben die erste Meditationsrunde mit Evelyn. Die Yoga-, Meditations- und Tai Chi-Lehrerin führt uns auf sanfte Weise in die Technik der Meditation ein.

Zum Abschluss unseres ersten Tages in Greystones vermittelt uns Birgit Hein, eine eigens für uns aus Wien angereiste Ayurveda-Expertin, die Grundbegriffe des ayurvedischen Systems. Es unterscheidet sich grundsätzlich vom Therapiesystem der Schulmedizin und verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz. Demnach besteht der gesamte Kosmos und damit auch jeder Mensch aus fünf Grundelementen: Feuer, Wasser, Erde, Luft und Raum. Die Elemente definieren auch die Doshas, die Bioenergien Vata, Pitta und Kapha, die in jedem Menschen in unterschiedlicher Zusammenstellung wirken. Sie bestimmen und regeln alle Funktionen des Körpers und des Geistes. Ist ihr Gleichgewicht gestört, so heißt es, fühlt sich der Mensch unwohl und wird krank. Dann kann eine Panchakarma-Kur Abhilfe schaffen. Wir sind noch ganz am Anfang. Einige plagt Kopfschmerz, andere schwermütige Gedanken oder Durchfall, vielleicht auch ausgelöst durch die grauslichen Abkochungen, die wir zweimal täglich in kleinen Schlucken trinken müssen. Müde sind wir fast alle. Und so gehen in fast allen Zimmern um 21 Uhr die Lichter aus.

 
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