MITTWOCH, 16. MAI 2001 Wasser, Kräuter und gute Worte
Das Frühstück, ein mittlerweile schon gewohntes Ritual: Wasser-Reis-Suppe, heißes Wasser und Kräutertee. Das abgekochte Wasser trinken wir inzwischen so selbstverständlich, als würde es seit Jahren zu unseren Trinkgewohnheiten gehören. Wir haben uns auch längst daran gewöhnt, es in 2-Liter-Thermoskannen den Tag über mit uns herumzuschleppen. Es muss, hatte Sonja erklärt, mindestens 15 Minuten lang kochen, damit es seine gesunde Wirkung optimal entfalten kann und so auch in die entferntesten Körperkanäle vordringt. Tatsächlich schmeckt es gar nicht übel. Und beim Gießen in den Becher scheint es fast ein bisschen ölig zu fließen. Wie auch immer, wenn es dem Kurerfolg dient, an ein bis zwei über den Tag verteilte Liter soll er nicht scheitern.
Nach dem Shirodara und den Schönheitsmassagen bittet Frau Kumari, die Ayurveda-Ärztin aus dem Krankenhaus in Diatalawa, zur ersten Konsultation. Auf die Waage stellen (zwei Kilo sind schon runter!), Blutdruck messen (alles normal). Die flotte Verdauung führt sie auf die Medikamente zurück. "Don´t worry". Neben der scheußlichen Abkochung hatten mir die Ärzte einen Kräuterwein verschrieben, der ebenfalls zweimal täglich esslöffelweise zu schlucken ist und ein feines braunes Pulver zur Regulierung meiner Doshas. Nach strengem Stundenplan sind die Heilmittel insgesamt sechsmal täglich einzunehmen. Die kleine, freundliche Singhalesin fragt mich nach dem Gesamtbefinden. Bisher geht's mir zumindest nicht schlechter und eigentlich fühle ich mich ziemlich gut. Dann also bis in 5 Tagen. Der Nächste bitte.
Zum Mittagessen dann die Überraschung: Vor uns auf dem großen Esstisch steht ein Silbertablett mit Reis und Gemüsecurry, das Küchenchef Nishanta für uns zubereitet hat. Nicht nur optisch ein Genuss, wie wir schnell feststellen. Vor allem, nachdem wir es mit Curry-, Kurkuma- und Chilipulver nach Belieben würzen durften. Schweigen und genießen.
Am Nachmittag um halb vier versammeln wir uns in der Kräuterküche des Gesundheitszentrums um Dr. Gamini. Er leitet das Ayurveda-Bezirkshospital in Diatalawa und ist mit Dr. Kumari verheiratet. Knapp 200 Zutaten für die Medikamente aus dem Kräutergarten der Natur stehen hier in blauen Plastikeimern auf Holzregalen. Sie enthalten ganze Pflanzen oder Teile davon: Blätter, Blüten, Knollen, Wurzeln, zerhackte Äste, getrocknete Früchte. Aus ihnen entstehen je nach Diagnose und Verschreibung die Abkochungen. Aus bis zu 10 unterschiedlichen Substanzen bestehen unsere Medikamente. Nach Jahrtausende alter Vorschrift werden die einzelnen Zutaten abgewogen - insgesamt 60 Gramm Kräuter pro Abkochung. Nachdem die Rezeptur mit einem langen Holzmörser in einem Bottich zerstampft wurde, muss sie in einem Tontopf solange köcheln, bis das Gebräu von 8 Tassen Wasser auf eine Tasse heruntergekocht ist. Besonders wirksam gelingt die Medizin, wenn sie mit ein paar guten Worten oder einem kleinen Gebet aufs Feuer gesetzt wird.
Für die Abkochungen der ZEIT-Reisenden werden ausschließlich Wasser und Kräuter verwendet. In schwereren Fällen ist es auch heute noch durchaus üblich, die Medizin mit Metallen wie Gold oder Quecksilber oder Diamanten anzureichern. Gekocht wird gern auch mal mit Butterfett, Kuhurin oder dem Urin gesunder kleiner Kinder, erzählt Dr. Gamini. Nun ja, in Indien sollen spezialisierte Urin-Kliniken ja große Heilerfolge verzeichnen. Uns jedenfalls reicht vorerst der Grad der Erfahrung unserer Ayurvedakur.
Der Ayurveda umfasst acht Hauptzweige, darunter Kinderheilkunde, Innere Medizin, Allgemeinmedizin und Chirurgie. Bereits vor 2000 Jahren operierte der berühmte Ayurveda-Arzt Sushruta mit ähnlichen Instrumenten, wie sie heutige Chirurgen verwenden. In seinen Schriften hat er eindrucksvoll einen Großteil der modernen Medizin vorweggenommen. So beschreibt er beispielsweise Methoden der Autopsie und der plastischen Chirurgie. Er vervollkommnete auch die Methode, Knochenbrüche mit Hilfe von Nägeln zu richten.
Unter den englischen Kolonialherren, die die westliche Medizin nach Indien und Sri Lanka brachten, wurden viele alte Schriften nach Europa geraubt oder verbrannt, die ayurvedischen Universitäten geschlossen. Erst nach der Unabhängigkeit erreichte die Naturheilkunde, die auf den Dörfern von den traditionellen Ärzten weiter betrieben wurde, eine neue Popularität - in Indien wie auf Sri Lanka. Forschungsinstitute für einheimische Medizin wurden eingerichtet und das Fach wird längst wieder an den Universitäten gelehrt. Wer Ayurveda-Arzt werden möchte, muss mit 6 Jahren genauso lange studieren, wie ein Student der westlichen Medizin. Die alte Tradition, das Wissen alter, erfahrener Ayurveda-Ärzte an deren Kinder oder Schüler weiterzugeben, stirbt allerdings auch auf Sri Lanka immer mehr aus. Inzwischen, sagt Dr. Gamini, haben einheimische und westliche Medizin ihren Frieden gefunden und arbeiten immer besser zusammen. "Dazu trägt sicherlich auch bei, dass Menschen wie Sie aus dem Westen zu uns kommen und sich nach den traditionellen, alten Methoden behandeln lassen."
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