DONNERSTAG, 17. MAI 2001 Haarschere und Rasierklinge
Neuer Morgen in Diatalawa. Beim Yoga geht es langsam etwas beweglicher zu. Zielgenau spürt jeder Einzelne von uns, in welchem Zustand sein Körpergerüst ist und an welchen Stellen die Gelenke und Sehnen sperren. Adieu, Wasser-Reis-Diät. Auf dem Frühstückstisch steht eine wohlschmeckende, grünfarbene Gemüsesuppe. Den Grünton verursacht Gotukula, ein spinatähnliches Blattgewächs, das stärkend fürs Gedächtnis wirken soll. Das kann niemanden schaden. Es folgt ein großes Stück saftigorangener Papaya. Diese Frucht haben die meisten bislang als Schönheitsmaske auf dem Gesicht kennengelernt.
Heute endet für alle bis auf einen die Shirodara-Behandlung. Ein letzter Ölguss auf die Stirn, und zwei Stunden später dürfen wir endlich wieder Haare waschen. Zum Mittagessen erscheinen die ersten ohne den vertrauten Turban. Nishanta hat nach einer Zitronengrassuppe zur Vorspeise für alle einen Burger aus Mungbohnen zubereitet. Dazu werden gekochter Kürbis und grüne Bohnen aus dem Garten von Greystones gereicht.
Es durftet köstlich und schmeckt hervorragend. Nach den drei Fastentagen meint man, den Geschmack der einzelnen Gemüse viel intensiver zu spüren. Und was hatte uns Birgit Heyn gestern abend noch erzählt? 50 Prozent der Verdauungssäfte werden durch die Sinnesorgane ausgeschüttet. An Verdauungssäften dürfte es heute Mittag bei keinem von uns mangeln.
Der Nachmittag ist frei. Auf einem Spaziergang zusammen mit Ravi, der seit neun Jahren für das Ayurveda-Resort arbeitet, gehen wir hinunter ins Dorf nach Diatalawa. Ravi muss zum Postamt. Ein kurzer Gang zum Schneider - binnen 35 Minuten wird eine Hose gekürzt. In der Zwischenzeit ein Besuch beim Friseur. Einmal schneiden und rasieren für 150 Rupees, umgerechnet 3,50 Mark. Das Ergebnis? Eine Art ceylonesischer Armeeschnitt mit kleiner Haartolle. Aber durchaus passabel, wie zumindest die Damen hinterher urteilen. Gern zahlt man den "Touristenpreis", kostet der Schnitt allein für Einheimische doch nur 35 Ruppees, nicht mal eine Mark.
Für die 5000 Einwohner Diatalawas sind wir alle hier oben auf unserer Wohlfühlinsel in Greystones unermesslich reich, die 6000 Mark für die dreiwöchige Reise entspricht mehr als drei Jahresgehältern eines Lehrers an der örtlichen Schule. Aber die Einwohner haben sich an die merkwürdigen Westler gewöhnt, die mit selbsgedrehten Turbanen durch den Ort wandeln, weder Bier noch Cola noch Kuchen oder Süßigkeiten anrühren - alles, was das Leben doch so schön macht. Die dort oben oberhalb des Ortes heißes Wasser schlürfen, abnehmen wollen, wo selbst im Vegetationsparadies Sri Lanka nicht alle Menschen genug zum Essen haben, und scheußliche Medikamente schlucken. Andererseits geben Sonja Kleiner und Norbert Fischer mit ihrem Ayurveda-Anwesen mehr als zwei Dutzend Einwohnern Arbeit und Einkommen, von dem ebenso viele Familien Diatalawas leben.
Ansonsten gibt es eine Textilfabrik mit 200 Angestellten, die schlecht bezahlte Arbeit auf den Teeplantagen, Dutzende kleiner Händler mit ihren Läden aus Bretterverschlägen und das Ausbildungslager der Armee. Viele Menschen in Diatalawa haben - wie auf der ganzen Insel - kein geregeltes Einkommen. Sie leben von Gelegenheitsarbeiten und dem Einkommen der Großfamilie. Auch hier oben in Greystones bekommen wir durch das dumpfe Grummeln und Grollen, knattern und knallen die Präsenz der Armee in wenigen Kilometern Entfernung mit. Die Geräusche erinnern daran, dass kaum 200 Kilometer entfernt der Krieg zwischen tamilischen Terrorkommandos und der ceylonesischen Armee mit unverminderter Härte ausgefochten wird. Über diesen Konflikt zu einem anderen Zeitpunkt mehr.
Trotzdem: Nach dem Abendessen versenken wir uns in der Yogahalle in friedliche Meditation. Bei der Entspanung hilft uns diesmal Dhrupad, die älteste Form der indischen Klassik. Der nur von einer Trommel und von Tembuura-Saiten begleitete Gesang wurde früher ausschließlich an den Höfen der indischen Mogul-Herrscher gespielt. Uns hilft er heute, vom Tagesgeschehen abzuschalten.
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