DONNERSTAG, 24. MAI 2001 Die letzte Ölung
Heute beginnen wir den Tag früh um sieben Uhr unter blauem Himmel. Im Garten vor der Villa haben wir uns im Kreis aufgestellt. Anstatt Yoga übt Evelyn heute mit uns Tai Chi, die alte chinesische Bewegungslehre. Mit langsamen Bewegungen dehnen und strecken wir unsere Glieder und fühlen uns zum Frühstück vollkommen erfrischt.
Dann heißt es für die meisten Abschied nehmen von den himmlischen Massagen. Einmal noch Abhyanga, einmal noch streichen Deepa, Nelka, Themiya & Co. mit einfühlsamen Händen rhythmisch synchron das Öl über unsere Körper vom Herz weg hinauf und wieder hinunter, einmal noch Entspannung pur. Und auch unsere "heißgeliebten" Abkochungen gibt es heute zum letzten Mal. Auf unserem Medikamententablett steht noch ein weiteres Glas mit einer erdigbraunen Abkochung. "Das trinkt Ihr bitte morgen früh um sechs", sagt Sonja. Morgen ist Abführtag, dann soll das Ama aus dem Körper gespült werden.
Am Nachmittag fahren wir die Serpentinen des Hochlandes hinunter, bis eine kleine Abzweigung zur "Needwood Tea Factory" führt. Dort wechseln wir das Gefährt und steigen von den Kleinbussen auf die Ladefläche des betagten Lasters der Teeplantage um. Schnaufend schleicht der alte Diesel den holprigen Weg hinauf und wir zählen jedes Schlagloch, das uns in die Glieder fährt.
Unseren Weg säumen Teepflückerinnen in ihren bunten Saris, auf ihrem Rücken riesige Bastkörbe voller grüner Teeblätter. Als wir das alte, spitzgiebelige Fabrikgebäude erreichen, stehen die Frauen schon Schlange vor der Waage. 12 Kilo muss jede von ihnen täglich in der Arbeitszeit zwischen sieben Uhr und halb vier abliefern. 125 Rupees, umgerechnet vier Mark, beträgt der karge Tageslohn. Für jedes zusätzliche Kilo bekommen die schmächtigen Frauen drei Rupees, knapp zehn Pfennig, extra. Nur Frauen pflücken den Tee, die Männer verrichten andere Arbeiten auf der Plantage. Alle Arbeiter sind Tamilen, von den englischen Kolonialherren einst ins Land geholt, um die schwere Arbeit auf den Teefeldern zu verrichten, zu der die Singhalesen nicht willig waren.
Trotz des weltweiten Preisverfalls bleibt der Tee eine Hauptsäule der ceylonesischen Wirtschaft und ein Hauptexportgut. Das gesamte Hochland rings um unser Ayurvedazentrum und bis hinunter nach Kandy ist praktisch eine einzige Teeplantage. Hier in Needwood hat sich im Produktionsablauf fast nichts verändert, seit der riesige weiße Holzbau vor 115 Jahren errichtet wurde. Geduldig erklärt uns Mr. Khan, seit vielen Jahren Produktionsleiter in Needwood, den Herstellungsprozess. Dieselben Maschinen wie damals rollen und zerkleinern die grünen Teeblätter, mit denselben riesigen Holzbrennern werden die Öfen geheizt, in denen der Tee getrocknet wird, dieselben Rüttelmaschinen wie vor der Wende ins 20. Jahrhundert sortieren den Tee in die verschiedenen Gütesorten. Aus 1000 Kilo Blättern - die Frauen pflücken immer nur die obersten, hellgrünen Blätter des Teebusches - entstehen so am Ende 250 Kilo Tee.
Needwood war die erste Plantage auf Sri Lanka, die 1985 auf biologischen Anbau umgestellt hat und exportiert inzwischen erfolgreich bis nach Deutschland. Sogar an Bord von SriLankan Airlines wird der Needwood-Tee verkauft. Wir dürfen die unterschiedlichen Qualitäten kosten, die sich in Farbe und Bitterkeit unterscheiden. Am Ende bestellen alle vom besten OP (Orange Pekoe), das Kilo zum Schnäppchenpreis von 14 Dollar.
Der Abend endet mit einer angeregten Diskussion über die ZEIT und ihren Wandlungsprozess. 80 Prozent der Teilnehmer sind Abonnenten und dem Blatt seit vielen Jahren treu. Mit vielen nützlichen Anregungen im Notizblock begibt sich der Redakteur nach zweieinhalb Stunden angeregten Diskurses unter das Moskitonetz.
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