SONNTAG, 27. MAI BIS MITTWOCH, 30. MAI 2001 Auf Buddha-Fahrt
Abschied von Greyones. Ein letztes Wunschfrühstück mit allen Köstlichkeiten der vergangenen zwei Wochen. Dann steigen wir in den Bus zu unserem Reiseleiter Nimal, der uns in den kommenden drei Tagen zu einigen der kulturellen Höhepunkte Sri Lankas geleiten soll. Zunächst kraxelt unser 20-Sitzer in endlosen Serpentinen durch den Gemüsegarten Sri Lankas hinauf bis nach Nuwara Eliya. Hier oben, 1.900 Meter über der heißen Küstenregion suchten einst die englischen Kolonialisten Schutz vor der Hitze in ihren Sommerresidenzen. Wir passieren betagte Villen im Kolonialstil und stilistisch daran orientierte Neubauten. Heute verbringt hier die singalesische Oberschicht der Insel ihren Urlaub, der Lebensstil bleibt der gleiche. Auf dem Golfplatz wird gerade bei den "Sri Lanka Mercedes Open" eingelocht. Vor dem Clubhaus parken S-Klassen, nagelneue BMW´s und schwere Jeeps gleich reihenweise. Wir fahren ein paar Meter weiter zum St. Andrews. Noch immer gibt es in Nuwara Eliya keinen geeigneteren Platz zum Higland Tea als auf der Terrasse des altehrwürdigen Hotels.
Eine spektakulärere Route als die Fahrt durch die Teeplantagen hinunter bis nach Kandy gibt es auf der Insel nicht. Wie ein grünes Fell aus ebenmäßigem Kunstrasen legen sich die Teeplantagen über die Bergkuppen und Täler. Soweit das Auge reicht. Über 200.000 Hektar. In mehr als 1.000 Fabriken wird der Tee noch heute genauso verarbeitet wie 1867, als die Engländer die ersten Teesträucher auf der Insel pflanzten. Ihnen fielen große Teile des Tropenwaldes, der bis dahin die ganze Insel bedeckte, zum Opfer.
Am späten Nachmittag erreichen wir Kandy, die letzte Königsstadt Sri Lankas und wichtiger Pilgerort für Buddhisten aus aller Welt. Im Zahntempel soll einer der Eckzähne Buddhas als größtes Heiligtum der Insel aufbewahrt sein. Um sieben Uhr reihen wir uns in die Schar der Gläubigen ein, um die Reliqie in Augenschein zu nehmen, die unter einer kleinen goldenen Stupa verborgen ist. Nur dreimal am Tag öffnet sich für eine Viertelstunde ein hölzernes Schiebetürchen, hinter der der religiöse Schatz verborgen ist.
Beim Candlelight-Dinner im Garten unseres Hotels Mahaweli Reach ist es dann mit ayurvedischer Zurückhaltung bei Einigen schnell vorbei. Hier ein Campari Orange vorweg, dort zwei Gläschen Rotwein zum Fisch vom opulenten Buffet. Schließlich endlich wieder eine Tasse Kaffee. Ein Lob auf die Standhaften, sie bleiben bei heißem Wasser, Reis und Curry.
Am Montag wartet der Höhlentempel von Dambulla. Auf dem Weg dorthin wird die Reisekasse in einem Gewürzgarten zu Teil kräftig erleichtert. Nach einer launig-professionellen Präsentation der verschiedenen Gewürzbäume werden wir mit einer herrlichen Kurzmassage perfekt zum Kauf animiert. Sandelholz- und Aloe-vera-Creme, Öle gegen Krampfadern, Rückenschmerzen und Haarausfall, Toniken zur besseren Verdauung und Steigerung der Potenz - alles gute und (hoffentlich) wirksame Produkte aus staatlich kontrollierter Produktion, nur maßlos überteuert. So hat am Ende selbst manch besonnener ZEIT-Leser (und Redakteur) mehr Dollars an der Kasse gelassen als geplant. Und unser einheimisches Reiseunternehmen eine satte Provision als Zubrot kassiert.
Zudem haben wir mehr Zeit hier gelassen, als geplant, steht doch heute ein sehr taffes Tagesprogramm an. Im Höhlentempel von Dambulla wird der 14 Meter lange, liegende Buddha inspiziert und fünfzig weitere vergoldete Statuen - diesmal sitzend in den verschiedensten Haltungen. Wenig beeindruckt vom heiligen Ort zeigen sich dessen Anwohner: Seelenruhig entlausen sich die Affen auf der Außenmauer, und lassen sich auch vom Klicken der Kameras nicht im Geringsten aus der Ruhe bringen.
Nach dem Reis-und-Curry-Lunch besuchen wir die zweite ehemalige Königsstadt Pollonaruwa. Hier zeigt sich wieder einmal der gewaltige Reichtum und die Hochkultur Sri Lankas, diesmal aus einer Zeit vor rund 1.000 Jahren. Pollonaruwa liegt an einem riesigen Stausee, Teil eines von den damaligen Königen angelegten, genialen Bewässerungssystems, das die Trockenlandschaften des Tieflandes in immergrüne Reisplantagen und Gemüsegärten verwandelte. Ein System das bis heute die Bevölkerung ernährt: 132.000 künstliche Seen bestimmen das Landschaftsbild Sri Lankas. Nicht ganz selbstlos war die damalige Anstrengung allerdings. Die gewaltige Stadtanlage mit Wohnhäusern für mehr als 10.000 Mönche zierten neben siebenstöckigen Palästen auch riesige Swimmingpools, in denen sich die hohen Herren verlustierten.
Etwas ermattet erreichen wir gegen Abend unser Hotel Kandalama. Wie ein Lindwurm schmiegt es sich an den Berg, fünf Etagen, 1.000 Meter lang. Ein wunderbarer Platz für alle Naturfreunde. Auf den Green Globe, die höchste Umweltauszeichnung im asiatischen Tourismus, ist das Kandalama inzwischen abonniert. Als vorbildlich werden alljährlich die Naturexkursionen, das Müllmanagement und der angepasste Umgang mit der Umwelt ausgezeicnet. Gerne würden wir hier noch einen Tag länger verbringen. Alle unsere Zimmer blicken auf den See. Am morgen werden wir von einem Platzkonzert tropischer Vogelarten geweckt.
Über 1.000 Stufen wollen am Dienstag morgen bezwungen sein - auf dem Weg hinauf zum Felsen von Sigirya. Dank der neu gewonnenen Leichtigkeit schaffen alle, die es versuchen, den Marsch hinauf zu den Resten der Bergfestung hoch über der grün bewaldeten Ebene. Kaum vorstellbar, wie hier vor vielen hundert Jahren die gewaltigen Felsquader für den Palastbau hinauf gewuchtet wurden. Die Aussicht für die adligen Herrscher jedenfalls war früher wie heute einfach berauschend.
In Pinnawela, auf dem Rückweg nach Colombo; liegt die Elephant-Orphanage, das weltweit einzige Waisenhaus für die gewichtigen Dickhäuter. 58 Elefanten tummeln sich im grünen Fluss und posieren für die Objektive. Zweimal täglich werden sie - die jüngsten mit riesigen Milchflaschen - gefüttert. Von ihren Mahuts werden sie zu Arbeitselefanten erzogen und müssen später Steine wuchten oder Baumstämme tragen, bis zur Hälfte des eigenen Körpergewichts. Sie sind die teuersten Arbeitskräfte Sri Lankas, bis zu 100.000 Mark kostet ein ausgewachsener Arbeitselefant. Von den über 13.000 wilden Elefanten, die Mitte des 19. Jahrhunderts noch in den Wäldern der Insel lebten, sind nur noch 3.000 übrig geblieben, 800 Dickhäuter tun Dienst im Auftrag des Menschen. Weil die Engländer Platz brauchten für ihre Plantagen, wurden die schweren Kolosse zum Abschuss freigegeben. Seit der Tourismus blüht und wilde Tiere für die Urlauber ein Spektakel darstellen, stehen sie unter Schutz und können sich insbesondere in den Naturreservaten der Insel frei bewegen.
Von Pinnawela sind es noch zwei Stunden Fahrt, dann ist das Airport Garden Hotel am Flughafen erreicht. Ein letztes gemeinsames Abendessen und eine kurze Rast auf dem Zimmer. Dann heißt es kurz nach Mitternacht Abschied nehmen von Sri Lanka, dieser so wunderbaren Inseln mit so gewaltigen Problemen. Dutzende Strassensperren errinnerten uns auf unserer Rundreise an den gar nicht weit entfernten Krieg. Auch die neueste Friedensinitiative des norwegischen Außenministers Erik Solheim ist im Laufe unseres Aufenthalts gescheitert. Solange es auf beiden Seiten - sowohl bei der LTTE bis hinauf in höchste Kreise der Regierung - Menschen gibt, die sehr einträglich am Krieg verdienen, geben Sri-Lanka-Kenner, die es wissen müssen, dem Frieden keine Chance.
Wir haben trotzdem ein faszinierendes Land kennen gelernt, mit freundlichen, zuvorkommenden Menschen und einer berauschenden Natur. Bei unseren Begegnungen mit Menschen wie dem "freischaffenden Katholiken" Harry Haas oder Sagarika Delgoda von der Friedrich-Naumann-Stiftung in Colombo konnten wir Blicke hinter die Kulissen werfen, die vielen Besuchern verwehrt bleiben. In Greystones haben wir beim Ayurveda die für uns vorher so fremde Kultur am eigenen Leib erfahren und feststellen können, dass dahinter viel mehr steckt, als ein paar entspannende Wellness-Massagen. Unser letzter Dank gilt deshalb noch einmal den Menschen von Greystones. Sie haben uns ermöglicht, wirklich in Sri Lanka zu sein, fernab der austauschbaren Touristenghettos, von denen es an der Küste so viele gibt, ohne die "Money/schoolpen/Bonbon?"-Kinder und aufdringliche Beach-Boysw, ohne Horden geschäftstüchtiger Souvenirhändler der Tourismusrouten, die einem nicht von der Pelle rücken, bis man einen noch so kleinen Holzelefanten, einen Satz Postkarten oder eine geschnitzte Maske erworben hat.
Mit unvergesslichen Eindrücken im Kopf und versehen mit vielen guten Ratschlägen, wie westlicher Lebenstil und alte östliche Weisheit in Einklang gebracht werden könten, fahren wir nach Hause. Umsetzen kann es jeder nur für sich selbst und darüber entscheiden, wieviel dieser Lebensphilosophie jeder einzelne von uns zuhause übernehmen mag. So wie es der berühmte Ayurveda-Arzt Sushruta bereits vor mehr als 1.000 Jahren formulierte:
"Ayurveda - dieses Wissen vom Leben hat ewigen Bestand und bringt Gewinn, Ansehen und Glückseligkeit, ein langes Leben, ausreichend Lebensunterhalt und schließlich den Himmel ."
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