B I L D U N G Keimzelle für Exzellenz

Die erste deutsche Elite-Universität nach amerikanischem Muster soll Bremen im internationalen Wettbewerb an die Spitze bringen. Die hochverschuldete Stadt spendiert dafür 230 Millionen Mark

Eine Ansammlung schmuckloser Gebäudewürfel, außen Backstein, innen Tarnfarbe, verstreut über 30 Hektar maulwurfshügeligen Rasen, rundum geschützt von einer hohen Mauer - noch hat das Gelände seinen alten Kasernencharakter. Nun wühlen sich Bagger durch die künftigen Campus-Wiesen der Roland-Kaserne im Bremer Norden, denn schon in vier Monaten soll hier eine Universität entstehen, wie es in Deutschland keine zweite gibt: Die International University of Bremen (IUB) soll eine höchst exklusive Campus-Uni werden, an der ausgesuchte Studenten mit ebensolchen Professoren in einer Forschungs-, Lehr- und Lerngemeinschaft leben und arbeiten; privat, international, global vernetzt, allen Herausforderungen der Zukunft gewachsen und dennoch ganz im Geist Wilhelm von Humboldts. Sagt man.

Das ist wirklich neu - denn allen Neugründungen zum Trotz bietet Deutschland nicht das richtige Klima für Privatuniversitäten. Die einzige deutsche Privatuni, Witten/Herdecke, die bislang den Namen Universitas zu Recht trägt, wurde vor 18 Jahren gegründet. Die vielen neuen Business-, Manager- und Law-Schools hingegen trimmen ihre Absolventen in lediglich einem Fachbereich auf international ausgerichtete Karrieren.

An der IUB jedoch soll transdisziplinär gearbeitet werden. Ihr weites Fächerspektrum reicht von den Natur- über die Ingenieur- bis zu den Geistes- und Sozialwissenschaften. "Humboldt lebt", sagt der Gründungspräsident Fritz Schaumann. Sein Büro ist schon fast fertig. Glas, Stahl, helles Holz und kühle Farben nähren die Hoffnung, dass der militärische Muff auch auf dem übrigen Gelände weicht. Aber bis Anfang September? Der jetzt 55-jährige Schaumann war als Staatssekretär im Bundesbildungsministerium (mit FDP-Parteibuch) ewiger Zweiter hinter Ministern wie Jürgen Möllemann, Rainer Ortleb oder Karl-Hans Laermann. Als alter Hase lässt er sich eventuelle Planungsunsicherheit nicht anmerken. Er weiß genau, was jetzt zu tun ist - denn früher hat er in seinem Amt mitgeholfen, private Hochschulgründungen in Deutschland zu verhindern. Dabei war er schon immer ein heimlicher Sympathisant der Privaten, nur durfte er das nicht so deutlich zeigen. Heute, von der Amtspflicht befreit, ist der routinierte und vorsichtige Beamte von einst nicht wiederzuerkennen. "Kommen Sie im August wieder, und ich garantiere Ihnen, dann ist alles fertig": die Einzelzimmer für die ersten 100 Studenten, die Wohnungen für die Dozenten, die Seminarräume, Labors, die digitale Bibliothek und das Campus-Café.

Think big, stay small könnte die Devise der IUB lauten. Nicht mehr als 1200 Studenten sollen hier 2005 am Ende der Aufbauphase unter Anleitung von 100 Professoren studieren. Sie können ihren Bachelor-, später ihren Master- und PhD-Abschluss (Promotion) erlangen. Die Campus-Sprache ist Englisch, die Organisation amerikanisch mit einem Board of Governors, einem Aufsichtsrat an der Spitze, der über alle grundsätzlichen Fragen der Universität entscheidet wie die Berufung des Präsidenten und der Professoren. Vorbilder sind Harvard oder Stanford, die Partneruniversität ist die Rice University in Houston, Texas - im Ranking der 230 bedeutendsten US-Hochschulen stets auf den Plätzen 15 bis 20 zu finden.

Diese US-Lastigkeit ist gewollt und zugleich ein Symptom. Die Amerikaner drängen in das internationale Geschäft mit der Bildung, besonders auf den europäischen Markt. Sie eröffnen Filialen, machen Online-Studienangebote und dominieren im großen neuen Edu-Commerce. Überall entstehen privat-staatliche Kooperationen, allenthalben sprießen Centers, Departments, Institutes. In Bremen neben der IUB die German International School of Management and Administration, in Hamburg das International Center for Graduate Studies und in Hamburg-Harburg das Northern Institute of Technology oder das Gisma, Ausbildungsplatz für IT-Manager, in Hannover. Wer mithalten möchte im Wettbewerb um zahlungskräftige internationale Studenten, versucht aufzuspringen, bevor der US-Zug abgefahren ist. Die TU München und die RWTH Aachen kooperieren mit dem Massachusetts Institute of Technology (MIT), die FU Berlin mit der Stanford University. Selbst der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, der ungewöhnlich gut informiert ist über Edu-Marketing, verliert da allmählich den Überblick. "Wir wissen auch nicht mehr so genau, was da abgeht", sagt Programmmanager Volker Meyer-Guckel.

30 000 Mark Studiengebühren

Im Falle Bremens gingen 230 Millionen Mark ab, als Startkapital für die IUB aus einer angeblich leeren Stadtstaatskasse. Darf die öffentliche Hand so üppig eine private Elitehochschule finanzieren? Dass ausgerechnet Bremen, das auf einem Schuldenberg von 17 Milliarden Mark sitzt und seinen Hochschulen Studiengebühren oder die freie Studentenauswahl untersagt, eine Privatgründung mit Studentenauswahl und hohen Gebühren fördert, bedarf der Erklärung (siehe Interview mit Henning Scherf auf der nächsten Seite).

Als Witten/Herdecke das Land NRW um ganze sechs Millionen Mark bat und Studiengebühren einführte, brauste die öffentliche Empörung hoch und stellte die Existenz der Hochschule infrage. Heute erscheint es selbstverständlich, dass ein Studienjahr an der IUB 30 000 Mark kosten soll - so viel wie das gesamte Studium in Witten/Herdecke.

Sogar der Universität Bremen, zumal ihrem reformfreudigen Rektor Jürgen Timm, ist das IUB-Projekt hochwillkommen. Um endlich von dem falschen Image "links und leistungsfeindlich" herunterzukommen, setzte sie sich die Konkurrenz vor die eigene Nase und will davon auch noch profitieren. Timm hat das "internationale Defizit" erkannt. Da er sich "nicht nur für die Uni, sondern für das Gesamtsystem der Wissenschaft um die Uni herum verantwortlich" fühlt, gab er den Anstoß.

Dabei half ihm sein Fachkollege, der prominente Bremer Mathematiker Ernst-Otto Peitgen. Er erinnerte sich an seine Zeit an der Rice University: "So etwas möchte man in Deutschland auch haben." Ein Wunsch, der in Texas ankam. Rice-Präsident Malcolm Gillis nämlich befürchtete ebenfalls, den Anschluss zu verpassen. Seine Universität ist zwar hoch angesehen, mit allein 2,3 Milliarden Dollar Stiftungsvermögen stark ausgestattet und für ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bekannt. Doch nicht zuletzt dank eines ultrakonservativen Gründers und einer entsprechenden Satzung (die bis 1967 farbige Studenten tabuisierte) blieb sie regional, wenn nicht gar provinziell. 97,5 Prozent der 4400 Studenten sind Amerikaner, die Hälfte davon aus Texas. Einigen würde Gillis gern auf Austauschbasis zu internationalem Schliff verhelfen.

Beim Andocken an einen europäischen Staatsbetrieb will sich Rice allerdings nicht dessen Probleme aufladen wie Diskussionen über Studiengebühren, Eingangsprüfungen, Globalhaushalte, Dienstrecht. "Vom deutschen Bildungssystem halten die bei Rice nichts", sagt Schaumann, "sie legen Wert auf private Verfasstheit und staatsferne Unabhängigkeit." Damit befinden sie sich in wunderbarer Übereinstimmung mit ihren Verhandlungspartnern. Denn auch der Bremer Rektor Timm freut sich, dass es nun klare Kooperationsverträge gibt und "nicht so ein halbstaatliches Gemauschel. Rice und Bremen sind Mutter und Vater der IUB."

Besser allerdings passt das Bild einer Menage-à-trois, von der alle drei profitieren wollen: Rice will mitmischen auf dem europäischen Bildungsmarkt, Bremen will mitschwimmen auf der ubiquitären Globalisierungswelle, die IUB will beides und obendrein den Beweis antreten, dass es eben doch funktioniert in Deutschland - privat, exzellent, international und "Humboldt" zu sein.

So weit die Vision. In der Realität geht es bei einer Universitätsgründung vor allem ums Geld. Weder die Staatsstütze noch die Studiengebühren, noch die zehn Millionen der Krupp-Stiftung reichen aus, um das jährliche Budget von 50 Millionen Mark abzusichern. Das Geld soll hauptsächlich aus den Erträgen eines - noch nicht voll vorhandenen - Kapitalstocks von 500 Millionen Mark fließen, aus Spenden, Forschungsaufträgen, Stiftungen. Vor allem beim Geldbeschaffen wollen die Deutschen von den Amerikanern profitieren - etwa vom US-Markt, auf dem Spenden wesentlich leichter fließen, und vom Know-how. Ferner könnten sie lernen, dass Fund-Raising keine ungeliebte Nebentätigkeit von Unipräsidenten, sondern ein Job für Profis ist. An der Rice University gehen 20 Prozent der gesammelten Mittel fürs Sammeln drauf - etwa für die Bezahlung der Akquisiteure. Denen ist es sogar gelungen, an die umkämpften Mittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Alexander von Humboldt-Gesellschaft zu kommen.

Spendenfreudige Absolventen der Universität kann die IUB natürlich noch nicht vorweisen. Dafür darf sie beim Fund-Raising mit Prominenz werben. Dem Aufsichtsrat der IUB gehören Hans-Dietrich Genscher, Hilmar Kopper, Wolfgang Frühwald, Lothar Späth und Ron Sommer an. An der Spitze steht der Physiker Reimar Lüst, ehemals Präsident der Humboldt-Gesellschaft. Mit dem bisherigen Leiter des Max-Planck-Instituts für extraterrestrische Physik in Garching Gerhard Haerendel und dem Berliner Politikwissenschaftler Max Kaase hat die IUB außerdem für ihre beiden Schools Gründungsdekane von internationalem Rang gewonnen, die in diesen Wochen Berufungsverhandlungen mit künftigen Professoren führen.

Denn obwohl die Dozenten der IUB alle nur befristete Verträge für maximal fünf Jahre erhalten, nicht verbeamtet werden und auch nicht mehr verdienen als ihre staatlichen Kollegen, rennen die Bewerber die IUB-Türen ein: Auf 27 angebotene Stellen bewarben sich 1500 Hochschullehrer. Und worüber sich Kaase besonders freut: "Es sind weder die Anfänger noch die alten Hasen, sondern die Generation der 40-Jährigen, oft mit Auslandserfahrung, die nun in Deutschland wieder Fuß fassen wollen."

Da fehlt eigentlich nur noch eins: die Kunden. Aber anders als die Professoren stellen sich die Studenten zögernd ein. Etwa 70 Studenten sind es jetzt. Und das, obwohl Werber vom Student Affairs Office der IUB um die halbe Welt gereist sind, um in den Abschlussklassen von Schulen Kundschaft zu gewinnen. Vor allem die Deutschen zögern noch. Sind vielleicht die für hiesige Verhältnisse enormen Studiengebühren von 30 000 Mark jährlich schuld? "Das kann eigentlich nicht sein", sagt Schaumann. Künftige IUB-Studenten bewerben sich, ohne dass die Uni weiß, ob sie auch genug Geld mitbringen. Wer nach dem Auswahlverfahren genommen wird, ist drin, gleichgültig, ob er zahlen kann oder über ein Stipendium finanziert werden muss, dessen Höhe und Beschaffenheit dann individuell auf seinen Empfänger zugeschnitten wird. Dafür bietet die IUB eine exzellente Ausbildung mit - aus deutscher Sicht - fast paradiesischen Bedingungen: Ein Professor betreut nicht mehr als zwölf Studenten, mindestens ein Auslandssemester ist garantiert.

Das Studium ist fächerübergreifend, für Naturwissenschaftler und Geisteswissenschaftler sind gemeinsame Seminare und Projektarbeit Pflicht. Alle Studenten werden an Forschungsprojekten beteiligt. Und alle profitieren nicht nur per Internet von den digitalen Beständen der Rice University oder der Washingtoner Kongressbibliothek, sondern auch ganz konkret von deren großzügiger Infrastruktur.

Möglicherweise aber schrecken deutsche Bewerber gerade vor einem derart anspruchsvollen Programm zurück. Ob sich der Aufwand für sie lohnt? Bei vielen hat sich nämlich noch nicht herumgesprochen, dass Bachelor- und Master-Abschlüsse nicht identisch sind mit amerikanischen Schmalspurausbildungen, sondern in Verbindung mit dem Namen einer guten Hochschule helfen, die Türen für Spitzenpositionen in der ganzen Welt zu öffnen.

 
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