S T E P H E N   K I N G Auf seinem Gebiet ist King König

Der Roman "Duddits - Dreamcatcher" ist wie einer dieser seltsamen Cocktails, die dann aber gar nicht so schlecht schmecken

Und bei denen von Ihnen, die bis hierher gekommen sind, bedanke ich mich, daß sie meine Geschichte gelesen haben." Das ist der letzte Satz der Nachbemerkung Stephen Kings in dessen neuem Roman, und der Leser hat ihn wahrhaftig verdient. Achthundertsechsundzwanzig Seiten, Jesus!, dafür hätte man ja fast Krieg und Frieden noch einmal lesen können, und auf jeden Fall sind es vierhundertdreizehn Seiten zu viel. King hat nämlich die fatale Angewohnheit, alles mindestens doppelt zu moppeln, und irgendjemand sollte ihn einmal darauf aufmerksam machen, dass die Leser in der Regel gar nicht so blöd sind, wie sie vielleicht aussehen.

Ehe wir uns aber den anderen vierhundertdreizehn Seiten zuwenden, erinnern wir uns der Klarheit halber kurz an jene Zeiten, als da so mancher Literaturkritiker mit feinem Besteck an Simmels Romanen herumpräparierte, um uns schließlich mit der Erkenntnis zu überraschen, dass die Dinger "gar nicht so schlecht" seien. Was ja so ziemlich das Vernichtendste ist, was man über Literatur sagen kann. Literatur ist nämlich entweder - oder, und damit basta.

Einerseits. Andererseits aber ist sie natürlich blöderweise gleichzeitig sowohl - als auch: das große Mischmasch. Gewiss, Vulpius ist nicht Goethe und Wassermann nicht Thomas Mann, zum Beispiel. Aber gab es nicht neben Dante auch die Kolportagegeschichten Boccaccios? Neben der Staatstragödie den Rabelais? Neben Keats Walter Scott? Neben Nabokov Chandler? Okay, ich weiß, dieses Thema ist Glatteis, und da sollte niemand niemandem ein E für ein U (oder umgekehrt) vormachen. Hauptsache - im Moment jedenfalls - King ist King und auf seinem Gebiet König. Dabei beginnt die eigentliche Geschichte wie im Lehrbuch für Anfänger einer Writing School für Thriller: Willst du ein Gruselding schreiben, dann erst mal raus aus der Zivilisation und rein in den Wald. Denn in dem Wald, da sind ...

So auch hier. Vier Männer - Henry, Jonesy, Pete und Biber - ziehen sich wie jedes Jahr in eine Jagdhütte zurück, Meilen entfernt von der nächsten Ortschaft, und freuen sich darauf, eine Woche lang unter sich und für sich sein zu können. So weit, so schwach. Pete säuft, und Biber macht Witze, Henry hat ein Problem und Jonesy auch.

Da sind sie also, die vier, mitten im Wald, es ist kalt und beginnt zu schneien, und da taucht plötzlich aus den Bäumen ein Mann auf, irgendwie und offenbar in keiner guten Verfassung, um den zwei von ihnen glauben sich kümmern zu müssen. Dieser Mann ist zunächst vor allem in einer Hinsicht sehr merkwürdig, ebenso wie die Frau, die wenig später den beiden anderen in die Quere kommt: Sie furzen und rülpsen auf eine derart jenseitig ekelerregende Weise, dass mir zum Beispiel auf der Stelle fast schlecht geworden ist. Tatsächlich insistiert King geradezu hämisch darauf, immer wieder davon zu reden, und zeigt damit - hallo, das ist jetzt wichtig! -, dass es hier nicht um das literarische Gewichten von Akzenten oder das formbewusste Einsetzen von Intensitäten et cetera geht, sondern um Außerliterarisches wie zum Beispiel die Ekelschwelle des Lesers. Natürlich bewegt sich die Literatur als alte Grenzgängerin ja immer zwischen den Realien und dem Konstrukt, Alltag und Sonntag, hier und dort, will neben der Erkenntnis auch das Sinnlichkeitsbedürfnis aktivieren, also Mischmasch machen. Aber da, wo wir diesen schwer kontrollierbaren Zonen allzu heftig ausgeliefert werden (dem Ekel, der Angst, der Geilheit, den Gewinn- und Verlustgefühlen), da verliert Literatur ihr Literarisches, wird Voodoo auf dem Sofa, Scheinschreck, Onanistenkram.

King spielt mit solchen Untergriffen. Er weiß ja auch, was wir wissen, dass es sich nämlich hier um einen Stephen-King-Roman handelt und man erwarten darf, dass sich die Dinge ein wenig außerhalb unserer biederen Wirklichkeit entwickeln. Wenn also jemand aus dem Irgendwo des Waldes kommt und dann auch noch so stinkt, dass Gott erbarm, dann weiß man auch, dass es jetzt nur noch eine Frage der Geduld ist, bis uns der Meister verrät, von welchem Stern et cetera dieses Viech gekommen ist. Zumal uns nicht nur gleich am Anfang ein Dutzend Zitate von Ufo-Beobachtungen des letzten halben Jahrhunderts in Amerika serviert worden ist anstelle klassischer Motti, sondern kaum dass die beiden Stinker aufgetaucht sind, sieht man auch schon Ufo-Lichter über die Waldhütte ziehen.

Es ist tatsächlich ein Ufo gelandet, mit mehr als hundert Mann Besatzung. Es gibt Aliens, die sich im Innern von Menschen geburtsreif fressen, und es gibt einen geheimnisvollen tödlichen Pilz, der sich überall verbreitet. Aber es sind nicht diese Dinge, die einen schaudern machen sollen: Das Raumschiff wird schon nach wenigen Seiten Romanexistenz gesprengt, die Besatzung bis auf einen erledigt, die Aliens bis auf zwei, und wenn man sozusagen langsam bis drei zählt, ist auch der Pilz erfroren. Also muss das Grauen, das heißt Schrecken plus Verunsicherung, woanders herkommen, und das tut es - SFbewährt - durch telepathische, meist sogar telepathetische Kräfte, die Köpfe und Körper beherrschen, bewegen, trennen und zusammenbringen, Vergangenheit und Gegenwart gegeneinander ausspielen und so die Zukunft bedrohen, die doch für uns alle gerettet werden muss.

Von da an wird das Ganze schwer durchschaubar, weil nämlich alles auf wunderliche Weise (und von des Königs Gnaden) miteinander zusammenhängt. Das Gebiet der Ufo-Infektion wird abgeriegelt, Militär greift ein, Zivilisten werden interniert und brechen aus, und das alles wird so miteinander verwoben, dass man zeitweise glatt denken könnte, eine Fortsetzung von Gravity's Rainbow zu lesen. Am Ende aber ist es doch nur eine Verfolgungsjagd à la James Bond, und wie dort geht es auch hier gut aus. Vermutlich.

Ob das jetzt "ein Fall von intergalaktischer Schizophrenie" ist oder doch nur "pseudointuitiver Quatsch" - "Die Lage war komplett fürn Arsch", wie die hier sich bemühende Übersetzung meint, und sie hat damit fraglos mehr Recht, als sie vielleicht ahnt. (Und es gibt mehr Stellen, an denen man gemeinsam mit dem Übersetzer ausrufen möchte: "Heiliger Strohsack!"; zum Beispiel da, wo von einer Erzählung die Rede ist, die hier Das Gebinde Amontillado heißt.)

Sollte man freilich nicht bis zum Schlusswort des Autors durchhalten, so ist das nicht wirklich schlimm. Die ersten fünfzig, dem Ganzen vorangestellten Seiten hat man dann ja auf jeden Fall gelesen, und die - ja, die - gehören zum Besten, was amerikanische Autoren in letzter Zeit geschrieben haben. King tut da nichts anderes, als auf die, romantechnisch gesehen, gewöhnlichste Art seine vier Jungs mit jeweils einem Kapitel vorzustellen, ganz ordentlich, einen nach dem anderen. Und das gelingt ihm, wie übrigens auch in einigen seiner Kurzgeschichten, nicht weniger als seinen hoch gelobten Kollegen Updike oder Ford: Er führt Existenzen vor, die ein Geheimnis haben, und dieses Geheimnis geht gerade einen Schritt weiter, als wir ihm folgen können. Das sind vier Figuren, die uns zeigen, dass wir - inklusive Telepathie - einer von ihnen sind. King beweist hier seine Fähigkeit, Lebensläufe und -situationen so zu skizzieren, dass sie einen heiß und kalt zugleich erwischen. Ja, denkt man, ich bin zwar kein Autoverkäufer, Psychiater, Hochschuldozent, Allerweltsbursche et cetera, aber so ist es, das Leben, Scheiße, ja, so ist es. Und mehr ist da auch nicht zu haben.

Der Rest ist weniger Geheimnis als Geheimniskrämerei, durch die der Leser da am kurzen Halsband vom Autor hindurchgezogen wird. Am Ende schmeckt das alles ein wenig wie einer dieser schwer definierbaren Cocktails, vor denen man sich immer gehütet hat und den man doch einmal probiert, um dann zu sagen, dass er eigentlich gar nicht so schlecht geschmeckt hat.

Stephen King:Duddits - Dreamcatcher Aus dem Englischen von Jochen Schwarzer; Ullstein Verlag, München 2001; 816 S., 44.-DM

 
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