R O M A N Kunst oder Liebe, Dunst oder Triebe
Feridun Zaimoglu schickt seinen Jüngling an den Strand. Dort wird er ein Mann
Serdar sitzt am Strand und kriegt keinen hoch. Das ist beunruhigend für ihn, und Beunruhigung war schon immer ein guter Anlass für Literatur. Serdar ist Student, Künstler und Dichter - alles von der verkrachten Sorte. Also eine ausdrucksfähige und schillernde Figur, geschaffen, um einen Roman zu füllen. Außerdem, als Türke der zweiten Einwanderergeneration, ist er ein Mensch, der in zwei Kulturkreisen gleichermaßen fremd und beheimatet ist.
Feridun Zaimoglu, geboren 1964 in der Türkei, aufgewachsen in Deutschland und bekannt als Dokumentarist von Sprache und Befinden junger Alemanci, nimmt mit den ersten Seiten seines ersten Romans Anlauf, um ein literarisches Exempel zu statuieren: Serdars Beunruhigung an der türkischen Ägäis ist nicht nur sexueller, sondern auch kultureller Art. "Bin ich die kalte Kippe oder der Prinz aus dem Morgenland? Hat man mich in die Wiege der Verdorbenheiten gelegt, oder bin ich der Erlöser, der den Volksmassen den Subtext der Schriften entheddert?"
Serdars Selbstbefragung findet brieflich statt: Briefe, die er mit seinem Kumpel Hakan in Kiel, der Exfreundin Anke und der Nochgeliebten Dina in Berlin tauscht. Dieser Kunstgriff ist nötig, um die von Zaimoglu einst per Diktiergerät aufgezeichnete und in der Niederschrift als Idiom junger Deutschländer stilisierte "Kanak-Sprak" in sein Romanprojekt hineinzuretten. Authentisch soll es klingen. Aber hier klingt es künstlich. Als wollte jemand sein deutschbürgerliches Bildungsgut an der Frittenbude unter die Leute bringen: die street credibility des Oberprimaners vom humanistischen Gymnasium. "Die neuen Leiden des jungen Ali" hat Zaimoglu sein Buch apostrophiert, bezugnehmend weniger auf Goethe denn auf Ulrich Plenzdorf und seinen Roman Die neuen Leiden des jungen W. (1973). Aber was bei dem jungen Wibeau für die DDR der siebziger Jahre bestens funktionierte - die Pose der subkulturellen Gegenfigur kaufte ihm jeder ab -, bleibt bei Zaimoglus Serdar wie eine ungelöste Aufgabe. Der Zusammenhang zwischen Liebe und Subversion, der Widerspruch zwischen Individualität und den Schematismen der Gesellschaft muss sich an irgendetwas festmachen. Und da hatten es sowohl Goethe wie Plenzdorf leichter.
Zaimoglu hat kein Gegenüber, er hat viele. Er hat verschiedene Rollenmodelle, Frauenmodelle, Lebensmodelle, Sprachmodelle, die sich überschneiden und sich widersprechen; da gibt es keinen Antagonismus, sondern nur eine verwirrende Vielfalt. Und deshalb gibt es hier keine literarische Rebellion im Namen des authentischen Lebensgefühls, sondern nur die literarische Diagnose der Abwesenheit desselben.
Doch der Autor Zaimoglu nimmt den Zustand seiner Figuren nicht besonders ernst: Er lässt sie reden und schreiben im Gestus des Authentischen und überlässt sie damit der hemmungslosen Selbststilisierung. Hakan, der Kanaksta, zum Beispiel schreibt ausführliche Briefe und wirkt als Spiegelbild und Alter Ego Serdars. Er kriegt nie Frauen ab, hat nie Geld und treibt sich mit einer multiethnisch-muslimisch-coolen Jungsclique im Großstadtdschungel Kiel herum. Kurz: ein guter Freund und echter Romantiker, wie aus dem 19. Jahrhundert. Anke, die deutsche Exfreundin: schreibt vernünftige, aufrichtige, protestantisch-nachdenkliche Briefe; hat blondes Schamhaar; erweckt in Serdar kein Begehren; reflektiert die Beziehung, versucht sie zu retten. Dina, die Geliebte: schreibt esoterische Briefe; schwer verständlich; anscheinend Jüdin; Akademikerin, höchstwahrscheinlich auch Künstlerin; erotisch raffiniert; eher großbürgerlich.
Und Serdar korrespondiert nun mit diesen drei europäischen Exempelgestalten und sucht einen Ausweg aus seiner Identitätskrise. "Ich kann mir überlegen, was wichtig ist im Leben, Kunst oder Liebe, Gunst oder Hiebe, Dunst oder Triebe." So schlicht gereimt, wie es hier steht, so schlecht geleimt ist auch das Gerüst, auf das sich dieser Briefwechsel stützen muss: Hakan erzählt aus Kiel, die Frauen denken über die Liebe nach, und Serdar rapportiert seine Ferienerlebnisse am Strand. Und das liest sich wie die munteren Tagebucheinträge eines Jünglings, der gerade dabei ist, sein schönstes Ferienerlebnis anzusteuern. Die Kumpels am Strand quälen einen Skorpion, und dabei verliebt sich der junge Held in das einzige Mädchen, bezieht dafür Prügel von seinem Nebenbuhler und wird am Schluss ein Mann. Ja, sagt man sich, dann ist ja alles gut.
Feridun Zaimoglu:Liebesmale, scharlachrot Roman; Rotbuch Verlag, Hamburg 2000; 297 S., 36,- DM
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