M U S I K Die Ideen spielen Orchester

Haydn, Mozart, Beethoven: Drei biografische Studien zur Klassik

Zu ihrer Zeit waren alle drei Außenseiter: Joseph Haydn buchstäblich, denn er arbeitete hinter den sieben Bergen auf Esterháza, bevor er in London weltberühmt wurde. Mozart glänzte als Wunderkind, schrieb sich aber allzubald ins Abseits anspruchsvoller Musik. Und Beethoven, der respektlose, taube Einzelgänger, wurde in Wien gleich gar nicht öffentlich gespielt. Heute bilden sie das Zentrum abendländischer Musik, das "klassische" Dreigestirn, nicht wegzudenken aus dem Repertoire der Bildungsbürger und Klassikfans. Von diesen dreien kennen wir alles, haben wir alles, wissen wir alles - könnte man denken.

Wer es noch einmal unternimmt, über Haydn, Mozart, Beethoven zu schreiben, hat Hunderte Regalmeter an Büchern vor sich. Jeder gefundene Dokumentenschnipsel wurde gesammelt, entziffert, analysiert. Viele geduldige und scharfsinnige Gelehrte haben jedes Puzzleteilchen neben jedes andere gehalten, doch jeder noch machte die Erfahrung: Je genauer er hinsieht, desto größer die Rätsel.

Dennoch unternahmen jüngst zwei Gelehrte - beide forschen und publizieren seit über 40 Jahren - eine neuerliche Forschungsreise durch das ‘uvre des Wiener Dreiklangs. Ludwig Finscher, der wie kein Zweiter der Lebenden die Musikgeschichte kennt, nahm sich Haydns an. Peter Gülke, Dirigent und Musikwissenschaftler, der die Werke mit Ohr und Auge durchdrungen hat, griff zu Mozart und Beethoven. Beide schrieben keine Biografie, erzählen keine Anekdötchen, geben keine psychologischen Durchleuchtungen. Der Mensch tritt hinter den Komponisten zurück, die Musik steht im Zentrum, nicht die Privatsphäre. Und dennoch richtet sich ihr Blick auf Intimes, nämlich auf den Schreibtisch der Komponisten und auf das rotierende Gedankengetriebe im Akt des Musikschreibens.

Niemand konnte mich irre machen

Dass Haydn mit seinen harmonischen Kühnheiten, der Zersplitterung seiner Form und expressiven Ausbrüchen weitaus experimenteller als Mozart ist, gehört heute zum Allgemeingut. Allerdings mussten zuvor verniedlichende Vorstellungen à la "Papa Haydn" revidiert werden. Finschers "Mutmaßungen über Haydn" folgen dem Umstand, dass dieser sein eigener Erfinder war. "Mein Fürst [Esterházy] war mit allen meinen Arbeiten zufrieden, ich erhielt Beyfall, ich konnte als Chef eines Orchesters Versuche machen, Beobachten, was den Eindruck hervorbringt, und was ihn schwächt, also verbessern, zusetzen, wegschneiden, wagen; ich war von der Welt abgesondert, Niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irre machen und quälen, und so mußte ich original werden." Anders wäre der Aufstieg des Handwerkerkindes über den Sängerknaben und Provinzkapellmeister zum Kapellmeister eines der reichsten Fürsten Europas zum ersten weltbekannten Komponisten überhaupt kaum möglich gewesen.

Ludwig Finscher, der Doyen der akribischen Musikwissenschaft, ist ein erfahrener Editor, der Musikenzyklopädien (das Flaggschiff: die 21-bändige Musik in Geschichte und Gegenwart) herausgibt und gesichertes Wissen verbreitet. Als Autor von Werkbeschreibungen (Reclams Kammermusikführer) weiß er, wie man zu einem Publikum (dem die Musik allerdings keine Terra incognita sein sollte) spricht, wenn man verstanden werden will. Er beschreibt anhand der Sinfonien, Streichquartette und Klaviermusik Haydns Entwicklungsstadien in Wien, Eisenstadt und Esterháza, wo er am Hofe der Fürsten nicht nur ein "großes Orchester" dirigiert und mit Musik versorgt, sondern auch eine Opernbühne regelmäßig bespielt. Ein reichlich großes Experimentierfeld, das er systematisch erobert und wo er bei der Arbeit an Form und Typus die Gattung Streichquartett und Klaviertrio erfindet und mustergültig formuliert. Klassik eben, aber gepaart mit unschlagbarem Witz und Humor.

Während der späte Haydn es in London und Paris zu Weltruhm brachte, verfiel das Wunderkind Mozart in Wien dem frühen Vergessen. Bestandteil der Legendenbildung um Mozart ist das Erstaunen über die Geschwindigkeit, mit der er seine Werke zu Papier brachte: nur wenige Skizzen sind überliefert, kaum finden sich Korrekturen - die Musik scheint so vollendet aus ihm herausgeflossen zu sein, wie wir sie kennen. Ob er nun die Ouvertüre seines Don Giovanni in der Nacht vor der Uraufführung schreibt oder in den Monaten Juni/August 1788 seine drei letzten Sinfonien (nebst anderen Schwergewichten) ins eigenhändige Werkverzeichnis einträgt - die Zeit wäre schon für die reine Schreibarbeit außerordentlich knapp, zumal, wenn man die Notenlinien selbst ziehen muss.

Hatte Mozart alles fertig im Kopf? Alles am Kaffee- oder Billardtisch mental bereits ausformuliert und dann nur noch aufs Papier kopiert? Peter Gülke entwirft ein anderes Bild. Er zeigt Mozart als strategischen Komponisten, der sich nicht allein auf sein Vokabular verlässt, sondern Modelle, Motiveinheiten, Phrasenlänge, Übergänge wohl kalkuliert, während er konventionelle Details wie Nebenstimmen, Begleitfiguren, Transpositionen beim Schreibvollzug aus dem Ärmel schüttelt: bloßer Vollzug eines genial sitzenden Handwerks.

Als Ergebnis akribischer Studien führt Gülke die "mit großem Gestus Tradition beschwörende Es-Dur-Sinfonie, die bekennerische g-Moll und die zusammenfassende, die Möglichkeiten klassischen Komponierens ins hellste Licht stellende Jupiter-Sinfonie" als Triptychon vor, das durch ihre Tonartendreiheit, durch ein strukturell signifikantes Viertonmotiv als Agens verbunden ist - ein Geflecht aus motivischen Ähnlichkeiten und Transformationen, das untergründig alle Ebenen des Tonsatzes durchzieht und als Netzwerk das gesamte Spätwerk Mozarts miteinander verknüpft. Gülke liest darin die Fahrt eines kompositorischen Subjekts von der Tradition des Erhabenen durch kompromisslose Subjektivität ("Zeitgeist in g-moll") zur Utopie einer "freigelassenen Musik". Nicht allein Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft charakterisieren die Dreieinigkeit, mehr noch: "Unverkennbar scheint die Konstellation These-Antithese-Synthese durch, der sich die Trias der drei Mozart-Sinfonien mit aller gebotenen Vorsicht vergleichen läßt."

"... immer das Ganze vor Augen" - am Fall Beethoven setzt Gülke fort, was ihm bei Mozart bereits aufgefallen war: das Ringen um ein spezifisches Verhältnis von Werkgruppe zum Einzelstück und darin wieder den Konnex der Bestandteile zum Ganzen. Augenfällig demonstriert Gülke die Banalität der kleinsten Bausteinchen, aus denen aber die verblüffende Variabilität zur Formbildung folgt. Er untersucht die motivisch-thematische Arbeit und legt seine Belegstellen wie eine Dominostraße nebeneinander, fädelt aus den Einzeluntersuchungen ein atemberaubendes Ideengebäude. Beethovens Suche nach der "allumfassenden Synthese", nach (Motiv-)Partikeln, aus denen ein ganzes Gebäude bestehen kann und soll, macht ihn zu einem Komponisten hegelschen Zuschnitts. Sehend, dass die Allwissenheitsästhetik des Berliner Dialektikers in Sachen Musik ein paar unschöne Geschmacksverirrungen enthält, liest Gülke die Werke Beethovens als ausgeführte Kapitel der Hegelschen Ästhetik.

Haydn - Mozart - Beethoven haben sogar ihre Heroengeschichte überlebt - ihre Musik ist lebendig geblieben und wird zur Freude der Hörer in immer neuen Auslegungen aufgeführt. Obwohl sie bis zum Letzten bekannt scheint, ja als mitpfeifbar gilt, ist sie unerschöpflich, kann ein analytischer Geist immer neue und andersartige Gedankengänge aus ihr herauslesen. Die Notenzeichen entpuppen sich als verschlüsselte Ideen, die mittels der Musik dem Philosophischen zustreben. Quod erat demonstrandum.

Ludwig Finscher:Joseph Haydn und seine Zeit Mit Notenbeispielen in Text und Bildtafeln; Laaber-Verlag, Laaber 2000; 558 S., 78,- DM

Peter Gülke:"... immer das Ganze vor Augen" Studien zu Beethoven; Verlag Bärenreiter/Metzler, Kassel 2000; 282 S., 68,- DM

Peter Gülke:Triumph der neuen Tonkunst Mozarts späte Sinfonien und ihr Umfeld; Verlag Bärenreiter/Metzler, Kassel 1998; 281 S., 68,- DM

 
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