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Aussteigerprogramme für Rechtsextremisten sind Mode geworden. Doch Aktionismus ersetzt keine Strategie

Carl Wennerstrand war einmal ein Neonazi. Er wuchs auf in einem schwedischen Provinzkaff, wo fast jeder etwas gegen Ausländer hatte. Sein Stiefvater war ein gewalttätiger Mann. Als Carl 13 Jahre alt war, gründete er mit ein paar Kumpels eine Ortsgruppe der rechtsextremistischen "Rijksfronten". Sie hingen herum, tranken Bier und hörten Nazi-Punk-Musik.

Ausländer gab es in ihrem Ort fast keine, also verprügelten sie Linke. Und raubten Zigarettenläden aus. Bald hatte die lokale "Reichsfront" 80 Mitglieder, und Carl Wennerstrand schrieb ihre Flugblätter. Heute, acht Jahre später, sitzt er für die Grünen im Kommunalparlament der südschwedischen Stadt Växjö und ist dort Vorsitzender des Ausschusses für Integration.

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Wennerstrands größte Sorge ist im Moment, wie er die islamische Gemeinde beim Bau ihrer Moschee unterstützen kann. Es gibt Anwohnerproteste, die konservative Partei ist ebenfalls skeptisch, Rechtsradikale heizen die Stimmung an. Carl Wennerstrand hat eine Diskussionsveranstaltung organisiert, auf der Växjös Bischof und der Imam um Verständnis werben sollen. Ausgiebig erklärt der Exnazi die Besonderheiten der islamischen Gemeinde am Ort, er weiß genau, aus welchen Ländern Sunniten gekommen sind und woher Schiiten und was es noch für Glaubensrichtungen gibt. Er erläutert die Integrationskonzepte seiner Partei, und wie er da so sitzt in dunklem Sakko und Krawatte, mit offenem, freundlichem Blick, ist er von nichts weiter entfernt als dem, was er einmal war.

Die Geschichte von Carl Wennerstrand klingt wie ein Märchen. Ein Böser wurde gut. Solche Biografien faszinieren, und deshalb sind Aussteigerprogramme für Rechtsextremisten so populär: Exnazis machen sich gut in Talkshows, sie personalisieren ein komplexes Problem, sie lassen das Publikum wohlig schaudern. Ingo Hasselbach, der fotogene Ostberliner Neonaziführer, der mit seinem Ausstieg 1993 ein Star wurde, sagt: "Vielleicht liegt es in der Natur des Menschen, Schurken anziehender zu finden als Leute, die ein normales Leben führen." Überdies eignen sich Aussteigerprogramme wunderbar für symbolische Politik. Die Regierung kann beweisen, dass sie etwas tut. Das Resultat lässt sich in exakte Zahlen fassen. Jeden einzelnen Exnazi kann man vorzeigen

Jugendliche, die sich mit vielleicht viel weniger finanziellem Aufwand von einem Einstieg abhalten lassen, hingegen nicht.

Kein Wunder, dass in den vergangenen Monaten in Deutschland mehr als ein Dutzend Aussteigerprogramme gestartet wurden. Das private Projekt EXIT Deutschland machte im September 2000 den Anfang. Mittlerweile gibt es fast kein Bundesland mehr ohne Nazi-Hotline, kurz nach Ostern legte schließlich auch der Bundesverfassungsschutz los. Allen Programmen gemeinsam ist die Idee: Sie sollen helfen beim Rückzug aus der Szene, vor Rache schützen und den Wiedereinstieg in das normale Leben erleichtern. Doch viele der Regierungsprojekte sind mit heißer Nadel gestrickt. Von Skandinavien, wo es seit Jahren Aussteigerprogramme gibt, ließe sich lernen: Der Staat sollte private Initiativen unterstützen - und sich im Übrigen auf gute Jugendarbeit und Kriminalprävention konzentrieren.

Im Februar 1995 verhaftete die Polizei in Oslo fast 80 Jungnazis. Am Morgen danach klingelte bei Tore Björgo das Telefon. Er ist Experte für Rechtsextremismus am Norwegischen Institut für Internationale Beziehungen.

"Da war ein verzweifelter Vater in der Leitung", erinnert sich Björgo. "Er hatte seinen Sohn im Fernsehen gesehen. Er wollte ihn da rausholen und bat um Hilfe." Gemeinsam mit der Polizei rief er alle betroffenen Eltern zusammen.

Eine Selbsthilfegruppe wurde gegründet. 1996 startete das Projekt EXIT, 1997 bewilligte die Regierung eine dreijährige finanzielle Förderung. In Oslo und Kristiansand wurden Büros eröffnet und Elterngruppen im ganzen Land vernetzt.

Darüber hinaus schulte EXIT Polizeibeamte, Lehrer und Sozialarbeiter

lokale Behörden und Eltern sollten so gut wie möglich kooperieren. Das Konzept hatte Erfolg.

"Wir arbeiten mit Jugendlichen, die gerade erst in die Szene hineinrutschen", sagt Björgo. Da seien die Erfolgschancen am größten. "Wir fragen, warum macht ihr da mit?" Viele hätten nach Freundschaften und Ersatzfamilien gesucht, nach Nervenkitzel und dem Gefühl von Stärke, sie hätten Protest ausdrücken oder einfach mal was Verbotenes ausprobieren wollen. Kaum ein Jugendlicher, so Björgo, trete in rassistische Gruppen ein, weil er Rassist sei. "Sie nehmen die Ideologie erst Stück für Stück an." Knapp 100 Jugendlichen wurde bisher geholfen, und viele der Eltern hatten soziale Betreuung ebenso nötig wie die Kinder.

Angeregt durch dieses Vorbild startete 1998 der Stockholmer Ex-Skinhead Kent Lindahl EXIT Schweden. Sein Verhältnis zur Polizei war nicht das beste, also bot er sich selbst potenziellen Aussteigern als Berater an. In einem Jugendzentrum fand er schließlich Verbündete, danach bewilligte die Regierung Fördermittel - für 2001 sind es umgerechnet 700 000 Mark. EXIT hat sein Büro in einem ehemaligen Lagerhaus im alten Stockholmer Hafen. Dutzende Sozialprojekte sitzen hier Tür an Tür. Lindahl redet mit missionarischem Eifer, erzählt gerade die eigene Biografie, da bringt die Sekretärin einen Zettel hinein: Ein inhaftierter Skin möchte dringend zurückgerufen werden.

Wie die Idee nach Deutschland kam

Im vergangenen Sommer, als in Deutschland endlich eine breite Debatte über Rechtsextremismus ausbrach, war Kent Lindahl bei Sabine Christiansen zu Gast.

Die Kamera zoomte immer wieder auf seine tätowierten Unterarme, einer der Gäste beharrte darauf, hierzulande gebe es kein Problem mit Rassismus. Eine ernsthafte Debatte kam nicht zustande. Lindahl war hinterher stocksauer, aber mit dem Auftritt hat er die Aussteigerprogramme hierzulande bekannt gemacht.

Doch von Ministerien oder Verfassungsschutzbehörden hat ihn noch niemand nach seinen Erfahrungen gefragt, lediglich zu EXIT Deutschland hat Lindahl Kontakt. Auch Tore Björgo könnte eine Menge Ratschläge geben. Aber bis auf einen Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes, der ihn am Rand einer Tagung kurz ansprach, hat sich bislang kein deutscher Offizieller für ihn interessiert.

Dabei ist Björgos Dissertation europaweit die wohl einzige Studie über Gründe für einen Ausstieg.

"Früher oder später denkt fast jeder, der sich einer rassistischen Organisation anschließt, darüber nach, sich wieder zu lösen", meint Björgo.

Ursache dafür ist stets ein Bündel von Motiven. Die wichtigsten sind polizeilicher Druck, Missbilligung durch die Umwelt, die Erfahrung exzessiver Gewaltausübung, Frustration, Desillusionierung und Vertrauensverlust in die Gruppenideologie. Hinzu kommen das Erwachsenwerden, die Sehnsucht nach einem ruhigen, kleinbürgerlichen Leben mit Auto, Arbeit, Frau und Kind. Der Ausstieg gelingt umso leichter, je kürzer jemand Mitglied war und je weniger er seine Kontakte zur Familie und zu alten Freunden gekappt hat (bridge burning). Björgo untersuchte unterschiedliche Ausstiegsszenarien: vom spektakulären Bruch mit der Gruppe bis zum langsamen Abschied. Schwierig ist ein Ausstieg in jedem Fall, sind doch die Kameraden nicht nur politische, sondern auch private Freunde - oft die einzigen. Das Lösen von der rechten Ideologie geschieht allmählich, graduell und oft erst nach dem Rückzug.

Die Naziszene ist ein Gebräu von Gruppen und Grüppchen mit höchst heterogener Anhängerschaft - entsprechend verschieden sind Motive, aber auch Hindernisse für einen Ausstieg. Der Trierer Jugendforscher Helmut Willems unterscheidet vier Typen von Mitgliedern: ideologische Aktivisten, Fremdenfeinde, Kriminelle und Mitläufer. Sie sind aus unterschiedlichen Gründen in der Szene, jeder braucht eine andere Art von Ausstiegshilfen.

Björgos Befunde und Willems' Typologie decken sich mit dem, was von deutschen Aussteigern zu erfahren ist. "Ich bin nicht am Sonntagabend als Nazi ins Bett gegangen und am Montagmorgen als Antifaschist aufgewacht", sagt etwa Jörg Fischer, der zuvor in der DVU und der NPD eine steile Karriere als Jungfunktionär gemacht hatte. Ihn haben die rassistischen Pogrome von Hoyerswerda erschreckt, die saufenden Nazikader widerten ihn nach einer Weile an, und er ist schwul, was er irgendwann nicht mehr verbergen wollte. Michael Nier, ein sächsischer Marxismusprofessor, zog sich aus der NPD wieder zurück, als er merkte, dass er dort seine politischen Ziele doch nicht durchsetzen kann. Manch einer ist zermürbt von polizeilicher Verfolgung, andere haben keine Lust mehr auf den Konformitätsdruck der Gruppe. Eine Aussteigerin mit dem Pseudonym Carla, bis vor einem Jahr im Dunstkreis der NPD aktiv, sagt: "Mir hat dann auch meine Musik gefehlt. Ich hab öfter an die Red Hot Chili Peppers gedacht. Das kannste alles nicht mehr hören." Und immer wieder sind da Freundinnen, die ins Leben der - meist - jungen, männlichen Rechtsextremisten treten. Schließlich Beruf und Karriere: Vor zwei Jahren machte René F. noch bei der NPD in Mecklenburg mit

heute hat er einen Job, zu dem er anderthalb Stunden hin und von dem er anderthalb Stunden zurückfahren muss. Da bleibt keine Zeit mehr für braune Politik. Aussteiger also hat es immer gegeben - auch der heute überzeugte Grüne Carl Wennerstrand hat es ohne Hilfsprogramm geschafft. Derartige Projekte haben kaum Einfluss auf die Motive für einen Ausstieg. Aber sie können Unterstützung bieten beim Umsetzen in die Tat.

Ein genauer Blick auf die deutschen Aussteigerprogramme ist ernüchternd: Einige der staatlichen Konzepte sind zweifelhaft, so mancher Beamte musste zum Engagement verdonnert werden. Vielen Beteiligten fehlt es schlicht an Kompetenz. Wie sonst kann Bundesinnenminister Otto Schily davon sprechen, dass sich das Programm des Bundesverfassungsschutzes an rechte Führungspersonen richtet - zugleich aber Hilfe bei der Vermittlung von Lehrstellen anbietet? Viele Politiker denken bei Nazis immer noch automatisch an verkrachte Existenzen. Dass sich die Kader in der Szene Alternativkarrieren aufgebaut haben, ein Ausstieg für sie einen Statusverlust bedeuten würde, können sie sich nicht vorstellen.

Auffällig oft wird über den Schutz der Aussteiger vor Racheakten geredet. In Einzelfällen ist er sicherlich nötig. Der Neonazi Christian Bügner etwa wurde Anfang der achtziger Jahre in einem Wald nahe Hamburg erstochen aufgefunden, nachdem er seinen Ausstieg verkündet hatte. Vor ein paar Wochen erst wurde einem Exmitglied der elitären Hammerskins in Berlin die Wohnung verwüstet und der Kampfhund umgebracht. Dennoch, die Gefahr von Rache wird häufig übertrieben. Ein stiller, mit Ausreden verkleideter Rückzug aus der Szene bleibt häufig ohne Sanktionen.

Und warum sind sowohl das Bundes- als auch einige Landesprogramme beim Verfassungsschutz angesiedelt? Der Logik von Geheimdiensten entspricht es eher, unter den Aktivisten Informanten anzuwerben, als ihnen beim Ausstieg zu helfen. Andersherum sind die Verfassungsschützer im Jargon der Rechtsextremisten die "Büttel des Systems", denen vertraut man sich als Allerletztes an. Mehr noch: Wer sich in die Binnenlogik der Szene hineindenkt, erkennt den grundsätzlichen Vorteil privat organisierter Aussteigerprogramme. Der Staat ist der Feind, ihm wird besonderes Misstrauen entgegengebracht. Gesellschaftliche Initiativen sind da glaubwürdiger.

Schnell nur mit Ankündigungen

Doch bei einigen staatlichen Programmen ging es offenbar vor allem darum, schnell und spektakulär zu sein. Als erstes Bundesland trat Niedersachsen an die Öffentlichkeit. Im Januar kündigte der neue niedersächsische Justizminister Christian Pfeiffer an, in seinem Land würden sich künftig Aussteigehelfer um inhaftierte rechte Gewalttäter kümmern. Die Idee ist nicht schlecht. Mittlerweile sind vier Monate vergangen. Passiert ist nichts, wegen einer Haushaltssperre kann derzeit niemand eingestellt werden. Andere Länder haben öffentlichkeitswirksam Aussteigertelefone eingerichtet - und scheinen jetzt abzuwarten, was so passiert. Am weitesten sind Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Beide Länder haben im März Aussteigerprogramme gestartet - und streiten sich, wer ein paar Tage schneller war. Keines der staatlichen Projekte läuft lange genug, um Erfolge beurteilen zu können.

Bernd Wagner hat bereits im rechten Sumpf gewühlt, da dachten die Politiker noch nicht im Traum daran, sich im Kampf gegen die Nazis gegenseitig zu überbieten. Der einstige DDR-Volkspolizist hat den Staatsschutz in Ostdeutschland mit aufgebaut, später gründete er in Berlin das Zentrum Demokratische Kultur. Er kann bändeweise Geschichten erzählen von brutalen Skinheads und überforderten Sozialarbeitern, von blinden Polizisten und ignoranten Politikern. Immer wieder hat er auch Aussteigern geholfen. Er kennt sich wirklich aus. Aber für ein separates Projekt fehlte das Geld - bis der stern im vergangenen Herbst Spendengelder aus seiner Kampagne "Mut gegen rechte Gewalt" bereitstellte. Mittlerweile arbeiten für EXIT Deutschland fünf Leute, Psychologen, Politologen und Polizisten. Per Handy, Fax oder Internet können Aussteiger Kontakt aufnehmen, Leuten "hinterherzurennen" hält EXIT für sinnlos. Gut 50 Klienten werden derzeit betreut. Nur ganz wenige davon kommen aus dem Osten. Dazu passt, dass beim sächsischen Aussteigertelefon bis heute kein ernst zu nehmender Interessent angerufen hat. Bei EXIT wundert sich niemand über das geringe Interesse aus den neuen Ländern: Warum sollte jemand aussteigen, wenn er sich rundum wohl fühlt?

Fehlende Ausbildungsplätze oder Jobs seien nicht das Problem, sagt Wagner, lediglich vier seiner Aussteiger seien Sozialfälle. Einige Leute habe man mit einem Umzug in Sicherheit gebracht, aber der größte Teil der Arbeit ist reden, reden, reden. Wagner hat zwei Skins, die beleidigt sind, wenn er sie mal eine Woche lang nicht anruft. Mütter weinen sich bei ihm aus. Ihnen rät er, bloß nicht den Kontakt zu den Kindern abreißen zu lassen. Das treibe sie nur tiefer in die Szene. Gern würde Wagner mehr mit den Behörden kooperieren, aber viele Beamte akzeptieren ihn nicht als gleichrangigen Partner. Mehr Mitarbeiter könnte er gebrauchen. Hätte er Zeit und Geld, würde er Elterngruppen aufbauen - wie in Norwegen. Dort bekäme er sicher Unterstützung vom Staat. In Deutschland wollen die Innenminister alles selbst machen.

Weitere Informationen im Internet: www.zeit.de/2001/20/aussteiger

 
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