Dabeisein ist allesSeite 5/5

Bernd Wagner hat bereits im rechten Sumpf gewühlt, da dachten die Politiker noch nicht im Traum daran, sich im Kampf gegen die Nazis gegenseitig zu überbieten. Der einstige DDR-Volkspolizist hat den Staatsschutz in Ostdeutschland mit aufgebaut, später gründete er in Berlin das Zentrum Demokratische Kultur. Er kann bändeweise Geschichten erzählen von brutalen Skinheads und überforderten Sozialarbeitern, von blinden Polizisten und ignoranten Politikern. Immer wieder hat er auch Aussteigern geholfen. Er kennt sich wirklich aus. Aber für ein separates Projekt fehlte das Geld - bis der stern im vergangenen Herbst Spendengelder aus seiner Kampagne "Mut gegen rechte Gewalt" bereitstellte. Mittlerweile arbeiten für EXIT Deutschland fünf Leute, Psychologen, Politologen und Polizisten. Per Handy, Fax oder Internet können Aussteiger Kontakt aufnehmen, Leuten "hinterherzurennen" hält EXIT für sinnlos. Gut 50 Klienten werden derzeit betreut. Nur ganz wenige davon kommen aus dem Osten. Dazu passt, dass beim sächsischen Aussteigertelefon bis heute kein ernst zu nehmender Interessent angerufen hat. Bei EXIT wundert sich niemand über das geringe Interesse aus den neuen Ländern: Warum sollte jemand aussteigen, wenn er sich rundum wohl fühlt?

Fehlende Ausbildungsplätze oder Jobs seien nicht das Problem, sagt Wagner, lediglich vier seiner Aussteiger seien Sozialfälle. Einige Leute habe man mit einem Umzug in Sicherheit gebracht, aber der größte Teil der Arbeit ist reden, reden, reden. Wagner hat zwei Skins, die beleidigt sind, wenn er sie mal eine Woche lang nicht anruft. Mütter weinen sich bei ihm aus. Ihnen rät er, bloß nicht den Kontakt zu den Kindern abreißen zu lassen. Das treibe sie nur tiefer in die Szene. Gern würde Wagner mehr mit den Behörden kooperieren, aber viele Beamte akzeptieren ihn nicht als gleichrangigen Partner. Mehr Mitarbeiter könnte er gebrauchen. Hätte er Zeit und Geld, würde er Elterngruppen aufbauen - wie in Norwegen. Dort bekäme er sicher Unterstützung vom Staat. In Deutschland wollen die Innenminister alles selbst machen.

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Weitere Informationen im Internet: www.zeit.de/2001/20/aussteiger

 
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