D E M O G R A F I E 65 Millionen reichen auch
Besser leben in Schrumpfgermanien? Wenn die Einwohnerzahl zurückgeht, ist das keine Katastrophe
Wenn alles so kommt, wie die Bevölkerungswissenschaftler es prophezeien, dann werden in Deutschland in 50 Jahren nur noch 65 Millionen Menschen leben, 17 Millionen weniger als heute. Das wären so viele weniger, wie insgesamt in den neuen Bundesländern oder im größten Bundesland Nordrhein-Westfalen wohnen (siehe auch Dossier, ZEIT Nr. 20/01). Das kann schon schocken. Kein Wunder, dass da Schreckensszenarien über die verheerenden Folgen einer solchen Entleerung des europäischen Kernlandes Germanien geschrieben werden. Aber ist die Perspektive eines 65-Millionen-Deutschland wirklich so erschreckend, sind die Folgen so verheerend? Kann man mit weniger Menschen in diesem Lande nicht sogar besser leben, besser, als auf Teufel komm raus Millionen von Ausländern anzuwerben, um den heutigen Einwohnerstand zu halten?
Warum also die Panik? Klar, der Generationenvertrag wäre dann noch schwerer zu erfüllen als heute schon. Man befürchtet, dass Landstriche verwaisen, die teuren Kindergärten, Schulen und Krankenhäuser nicht mehr ausgelastet sein könnten. Öffentliche Dienstleistungen verlören ihre Kunden und damit die wirtschaftliche Basis. Wohnungen stünden millionenfach leer, und die Unternehmen suchten vergeblich nach Arbeitskräften.
Deshalb laufen die Diskussionen heiß, wie man denn eine ausreichend große Zahl genehmer Ausländer gewinnen kann, um Deutschland mit zusätzlichem Leben zu erfüllen. Fast eine halbe Million müssten es Jahr für Jahr sein, wenn denn die Bevölkerungszahl stabil gehalten werden sollte (Grafik). Jedes Jahr würden so viele Menschen zu uns kommen, wie heute in Leipzig wohnen. Am Ende, im Jahr 2050 lebten dann gut 20 Millionen Ausländer in deutschen Landen, zusammen mit knapp 60 Millionen Deutschen. Einige der Ausländer und ihrer Kinder hätten dann wohl schon deutsche Pässe.
Aber woher sollen so viele Neudeutsche kommen? In den meisten europäischen Nachbarländern geht die Gebärfreudigkeit der Frauen noch dramatischer zurück als hier. Auch dort suchen sie also fieberhaft nach Auswanderern - in denselben Ländern wie wir. Flüchtlinge gibt es heute und wohl auch in Zukunft noch, Gott sei's geklagt. Aber bringen sie so viel berufliche Fähigkeiten mit wie damals die Hugenotten? Es ist auch nicht mehr wie in der zweiten Hälfte des 19. und in den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, als mehr als 40 Millionen Auswanderer Europa den Rücken gekehrt haben, um in der Neuen Welt eine neue, bessere Heimat zu suchen. Jeder Zehnte der Emigranten kam übrigens aus Deutschland, jeder Fünfte aus dem Vereinigten Königreich. In den 15 Jahren von 1901 bis 1915 verließen 5,2 Millionen Italiener ihre Heimat. Aber trotz dieses enormen Exodus nahm die Einwohnerzahl in allen diesen Ländern weiter kräftig zu. Von diesen globalen Wanderungsströmen haben beide Regionen profitiert, die Herkunftsländer, in denen damals mehr Menschen geboren wurden, als die Wirtschaft ernähren konnte, und die Vereinigten Staaten (und Kanada), in denen die Einwanderung von so vielen erfolgshungrigen Existenzgründern und Arbeitern das Fundament für den enormen wirtschaftlichen Erfolg dieses Landes legten. Und profitiert haben wie heute die Schlepper und Transporteure der Menschen. Damals hießen sie Albert Ballin und Hapag.
Jetzt braucht der Alte Kontinent Europa mehr Menschen. Sein Anteil an der Weltbevölkerung droht von noch 22 Prozent 1900 bis auf nur noch 7 Prozent 2050 zu schrumpfen.
Der Kampf um Einwanderer
Man kann sich leicht ausrechnen, was für ein dramatischer Wettbewerb um "gute Einwanderer" entbrennen wird. Einwanderer, die möglichst kulturverwandt, arbeitswillig und gut ausgebildet, sprachbegabt und damit leicht integrierbar sind. Und Kinder sollten sie auch noch kriegen wollen. Das alles verlangt viel eher nach Kopfprämien als nach huldvoll gewährten Sondergenehmigungen wie Green Cards. Trösten könnte ja, dass im Prinzip das Raumschiff Erde weiterhin unter der Bedrohung eines anhaltenden, starken Bevölkerungswachstums steht. In den nächsten 50 Jahren kommen, so schätzt die United Nations Population Division, zu den 6 Milliarden noch einmal 3 Milliarden Menschenkinder hinzu. Ganz so wie Europa vor gut 150 Jahren finden wir auch heute auf dem Globus viele Länder und Regionen, die unter einem Einwohnerüberschuss, unter Armut und Hunger leiden. Aber anders als damals fehlt diesen Menschen meist die Ausbildung, und es gibt große soziale und kulturelle Distanzen.
Anders als seinerzeit in den Vereinigten Staaten ginge es jetzt nicht um die Besiedlung großer, weitgehend leerer Landstriche, sondern darum, allmählich entstehende Leerstände aufzufüllen. Das aber setzt eine ganz filigrane Integration voraus.
Was also könnte man tun, um den Einwohnerschwund zu bekämpfen? Man kann hoffen, die Bevölkerungsprognostiker hätten sich - wieder einmal - kräftig geirrt. So wie der Ökonom Malthus, der seinerzeit eine säkulare Hungersnot als Folge der schnell wachsenden Erdbevölkerung vorausgesagt hat. Oder wie eine Vorhersage der sonst so treffsicheren Prognos AG: Dort prophezeite man 1976, die Bevölkerung in der Westrepublik werde 1990 um mehr als 5,2 Millionen kleiner sein und dann nur noch knapp 57 Millionen Köpfe zählen. Vor allem die Zahl der Ausländer werde in dieser Zeit von 4,1 auf 2,6 Millionen zurückgehen. Und damit auch die Zahl der Arbeitslosen. Aber dann waren es 1990 fast 5,4 Millionen Ausländer und insgesamt 63 Millionen Menschen in Westdeutschland. Trotz kräftig steigender Arbeitslosigkeit war Deutschland offenbar schon damals ein Einwanderungsland.
Nach vorne geschaut, heißt das: Auch künftig kann ein Teil der Schrumpfung der einheimischen Bevölkerung sicherlich durch vermehrte Zuwanderungen ausgeglichen werden. Aber eine halbe Million oder auch nur 300 000 in jedem Jahr, das dürfte trotz Osterweiterung und anhaltend hoher Arbeitslosigkeit in vielen Ländern der Dritten Welt eher unwahrscheinlich sein. In den vergangenen vier Jahren erreichte der Wanderungsüberschuss einschließlich der Asylsuchenden im Durchschnitt pro Jahr nur 120 000 Personen.
Also bleibt es bei der Schrumpfprognose. Denn mit der neuen Lust auf Kinder ist es ja auch so eine Sache, mögen die Babyprämien noch so reichlich bemessen werden. Geld arbeitet, aber es zeugt nicht. Dennoch mag im Laufe der nächsten Jahrzehnte der Antibabywille im Lande abnehmen, die Fruchtbarkeitsziffer wieder zunehmen. Wenn materieller Wohlstand nicht mehr knapp ist, können Kinder stattdessen eine zusätzliche immaterielle "Knappheitsrente abwerfen". Kinder zu haben wäre gesellschaftlich wieder in - eigene oder adoptierte.
Wie dem auch sei, derartige Einstellungen verändern sich nur langsam. Die positiven Wirkungen auf die Bevölkerungszahl insgesamt sind zunächst marginal. Zu weit ist die aktuelle Zahl von 1,4 Kindern pro Frau von der Rate von 2,1 Kindern pro Elternpaar entfernt, die eine stabile Bevölkerung garantieren würde. Eine Barbara Stratzmann, genannt die "Schmotzerin", die im 15. Jahrhundert ihrem Mann Adam insgesamt 53 Kinder gebar, ist heute wahrlich kein Leitbild. Also gibt es keine "gute Hoffnung" auf ausreichenden Nachwuchs.
Aber was ist so schlimm, wenn die Zahl der Einwohner innerhalb eines Zeitraums von fünf Jahrzehnten um vielleicht zehn oder fünf- zehn Millionen schrumpft - Deutschland, das so dicht besiedelte Land, ein wenig weniger dicht besiedelt sein wird? Mehr Luft zum Atmen, mehr Raum, um sich zu bewegen, mehr Straßen, um zu fahren, mehr Wohnfläche, um zu leben? Vor 20 Jahren hat man die Wirkungen einer seinerzeit erwarteten schrumpfenden Einwohnerzahl überwiegend positiv beurteilt. Und siehe, Städte wie Essen (minus 18 Prozent) oder Bremerhaven (minus 15 Prozent) haben den markanten Einwohnerrückgang in den vergangenen 35 Jahren gut überlebt - eine Schrumpfrate, die mit der für ganz Deutschland bis 2050 befürchteten vergleichbar ist. Was passiert denn auch, wenn aus einem Vierpersonenhaushalt von zwei Kindern eines auszieht? Ein Zimmer wird frei, das von den Eltern oder dem Bleibekind gerne zusätzlich genutzt wird. In Deutschland und den Nachbarländern ist die Wohnfläche pro Person in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen; damit nahmen auch die Wohnkosten zu. Aber gleichzeitig sind die Pro-Kopf-Einkommen noch stärker gestiegen, obwohl (oder weil?) die Zahl derjenigen, die das Sozialprodukt erarbeiten, zurückgegangen ist. Die Reiseintensität der kleineren Zahl an Menschen nimmt zu ebenso wie die Zahl der Konzert- und Opernbesuche und andere Freizeitaktivitäten. Weil das Volumen an arbeitsfreier Zeit insgesamt auch bei schrumpfender Bevölkerung noch kräftig wächst, bleiben die Märkte für persönliche Dienstleistungen fast alle auf Wachstumskurs.
Schulen und Universitäten aber müssen sich wegen der anhaltenden Nachwuchsverweigerung im Lande sowieso auf viel weniger Schüler einstellen. Die Zahl der unter 20-Jährigen wird schon in den nächsten 20 Jahren von 17,5 auf 13,5 Millionen zurückgehen. Krankenhäuser dagegen können wegen der wachsenden Zahl älterer Menschen mit mehr Patienten rechnen - nur nicht die Geburtsabteilungen und die Kinderkliniken.
Warum nicht mit 70 arbeiten?
Selbst wenn einige ihren Beruf wechseln, bleibt vor allem die Sorge, dass Arbeitskräfte fehlen und die Arbeitsplätze nicht ausreichend besetzt werden könnten, die Quelle für einen weiter wachsenden Wohlstand in unseren Ländern sind. Aber wirkt da nicht eine Denkhemmung? Das Potenzial an Erwerbspersonen ist viel größer, als es die Statistiker ausweisen. Mit 65 fühlen sich die meisten Menschen heute fitter als unsere Großeltern mit 55 Jahren. Warum können Menschen, die wollen, nicht auch mit 70 Jahren noch freudvoll arbeiten? Schauen wir uns nur die vielen dynamischen alten Unternehmer in den Klein- und Mittelbetrieben an, die oft noch mit 80 erfolgreich tätig sind. Einen Teil der Befürchtungen vor einem Schrumpfgermanien definieren wir uns also selber in die Horrorszenarien.
Es bleibt als Bedrohung die Einsicht, dass es mit dem Generationenvertrag nicht klappen kann, wenn das Verhältnis zwischen Einzahlern und Rentenbeziehern sich weiter so dramatisch verschlechtert. Das wirkt wie ein heilsamer Druck, die Altersvorsorge möglichst rasch stärker auf eine Kapitaldeckungsbasis zu stellen und die Menschen noch weiter zur Eigenvorsorge anzuregen. Darin liegt einer der willkommenen Nutzen einer Bevölkerungsentwicklung, die auch und endlich mal wieder rückwärts zeigt - so wie wir es für den Globus insgesamt seit langem wünschen.
Qualitatives Wachstum geht auch bei weniger Menge - oft sogar leichter. Wie wäre es, wenn Deutschland der Welt demonstrieren könnte, wie gut es sich auch mit einer geringeren Bevölkerungszahl leben und wirtschaften lässt? Das wäre ein wahrer Paradigmenwechsel. Carl Friedrich von Weizsäcker hat einmal gesagt, "ohne den Schrecken (über seine Prognosen) denkt man nicht über die richtigen Fragen nach". Auch die Stadtplanung hat den Vorteil eines bewussten Rückbaus von Verkehrsflächen erst vor wenigen Jahren erkannt.
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