E R Z Ä H L U N G E N Erzählen heißt Auslassen
Ein Abschiedsblick: Raymond Carvers späte Kurzprosa im Band "Kathedrale"
An Carvers Geschichten sind seine dankbarsten, gläubigsten Leser gebunden wie durch ein Liebesverhältnis. Das macht uns Judith Hermann wieder klar in ihrem Vorwort zum neuesten, letzten Band, in einer Liebeserklärung, die uns vor allem darüber aufklärt, dass Liebe sich nicht erklären kann noch will, dass sie sich aber wohl erzählen lässt. Weder Judith Hermann noch ihre auf Carver eingeschworenen Mitleser haben sich also beirren lassen durch das glaubhafte Gerücht, dass viel Bewundertes an Carvers Texten, seine Lakonik, die jähen Schnitte, die ins Dunkel abstürzenden Finalsätze, sich rigorosen Eingriffen seines Lektors Gordon Lish verdanken (ZEIT, Nr. 51/00). Lish, ein doktrinärer Minimalist, hat offenbar Carvers Geschichten zu Musterbeispielen seines Literaturprogramms zugerichtet. Durch Streichen, Streichen, Streichen. Dafür gibt es zwar genügend Indizien, aber noch keine vollständige Beweislage, solande die Carverschen Originaltexte nämlich nicht mit den publizierten verglichen werden können.
Götter sieht man nicht walten
Doch der letzte Band der neuen, von Helmut Frie-linghaus übersetzten Edition, die unter dem Titel Kathedrale versammelten späten Geschichten, liefern nun Carver pur, unbeschädigt, nicht mehr minimalistisch gestrafft durch Lektor Lish. Und siehe da: Wir lesen keinen anderen Autor, sondern erkennen alles wieder. Nicht nur Carvers grau leuchtende Welt mit ihren Loser-Figuren, ihre scheinbare Unscheinbarkeit und den gespenstisch sanften, doch unbarmherzigen Zugriff, mit dem der Erzähler ihr Leben jäh in eine neue Richtung reißt. Wir geraten auch wieder in den Sog einer traumwandlerisch sicheren Prosa, die über Seiten wie absichtslos dahinzutaumeln scheint und doch mit wenigen Zeichen und Gesten erst einem Weltausschnitt Festigkeit, Glaubwürdigkeit verleiht und dann die Geschichte in eine Folgerichtigkeit hineinzwingt, gegen die es für ihre Opfer wie für den Leser keinerlei Gegenwehr mehr gibt.
Eine strenge, enge, fast monochrome Welt. In ihr macht es für Carvers Figuren keinen Unterschied, ob sie wie ihr Autor zur fatalen Gemeinde der Trinker gehören, vorsichtig, ängstlich bemüht, eine Fassade von Normalität aufrechtzuerhalten, doch jederzeit gefasst auf den Absturz, oder ob sie sich auf der sicheren Seite des Lebens wähnen und ihren Alltag in unerschütterlichen Routinen dahinfristen, zufrieden und ahnungslos. Die ohnehin Gefährdeten sind nur besser vorbereitet, die Sicheren überraschter, wenn ihnen plötzlich das Leben entgleitet und zusammenbricht: "Die Veränderung kam später - und als sie kam, war sie wie etwas, das anderen Leuten zustieß, nicht wie etwas, das uns hätte zustoßen können."
Das sind die Augenblicke, in denen Carvers Figuren, obwohl zu Reflexion weder geneigt noch begabt, zu ihren eigenen Zuschauern werden. Noch im Fallen staunen sie dann über die Schwerkraft, die sie zu Boden zwingt, noch im Schmerz darüber, wie weh das tut. Aber ohne alle Larmoyanz jenseits von Protest oder Einverständnis, schlicht fatalistisch: "Wir sind so geboren, wie wir sind." Basta und nicht zu ändern. Deshalb die archaische Kraft dieser Geschichten, die doch strotzen vor Alltagsbanalität, in denen unaufhörlich Erdnüsse geknabbert, Drinks geschluckt werden und die Fernsehkiste flimmert - aber das Fatum regiert hier wie in antiken Tragödien. Nur Götter sieht man nicht walten und keine Eumeniden wüten. Das macht die Schicksalslogik, den düsteren Verlauf der Geschichten nur umso trostloser.
Was geschieht? Ein achtjähriger Junge wird an seinem Geburtstag angefahren, liegt Tage im Koma, was die Ärzte den Eltern in immer neuen vagen Wendungen rücksichtsvoll als Noch-nicht-Koma beschreiben, bis Scotty, jäh aufgewacht, dann doch stirbt mit einem letzten Schrei. Aber ein Bäcker, die Eltern immer wieder mit seinen Anrufen erschreckend, möchte unbedingt die zum achten Geburtstag bestellte Torte noch loswerden.
Oder: Ein junges Paar besucht einen Arbeitskollegen zum Dinner, verstört von einem unheimlich durch die Stube tappenden Pfauenvogel und dem Baby der Gastgeber: "Es war, ohne Ausnahme, das häßlichste Baby, das ich je gesehen hatte. So häßlich, daß ich nichts sagen konnte." Folglich - ein vollkommen irrationales "folglich" - wird sich nach diesem Abend das Leben des jungen Paars, vor allem durch die Geburt eines Sohns, bis zur Unkenntlichkeit verändern: "Die Wahrheit ist, daß mein Junge etwas Hinterhältiges hat. Aber ich spreche nicht darüber. Nicht einmal mit seiner Mutter. Mit ihr schon gar nicht."
Man sieht schon: Nacherzählen, und das heißt ja zusammenfassen, lässt sich das alles nicht. Es braucht, um zu überzeugen, diese so verschwiegene wie mitteilsame Erzählsprache, die geduldig weite Umwege läuft, alle um das dunkle Zentrum der Geschichte kreisend, das unbenannt und unsichtbar bleibt. Als sollte, als könnte das lauernde innere Drama verdeckt, ja aufgehalten werden durch die unzähligen Nebensachen, in die sich die Erzählung verstrickt. Aber es sind die wenigen "schweren" Zeichen, die Carver einsetzt, die dann die Geschichte doch zum Kippen bringen. Das kann der unheimliche Pfauenvogel sein oder das armselige Zaumzeug eines bankrotten Farmers und Rennpferdspekulanten oder eine einzige harmlose Geste: "Chef stieg aus dem Auto und zog sich die Hose hoch. Ich wußte sofort - da war irgendwas."
Wie maulfaul, wie gedankenträge können Carvers arme, wehrlose Helden sein und wie redselig dann plötzlich. Aber auch ihre Sprachbewegungen sind hilflos, Ausweich- und Abwehrbewegungen. Sie wollen verhindern, dass ihr Fatum sie doch noch erwischt. Ein Ehemann auf Sextrip mit seiner Beute Donna entgeht zwar dem Schlimmsten, dem Fight mit einem aggressiven Vietnamveteranen und "Nigger", aber das Allerschlimmste bleibt ihm dann doch nicht erspart: Futsch ist das Abenteuer, aber die Ehe auch. Am Ende steht er im Bad und sucht Aspirin, und der Inhalt des Medizinschränkchens fällt nach und nach ins Waschbecken. "Ich stieß noch mehr Sachen runter. Es war mir egal. Immer weiter fielen Sachen runter."
Genug von diesen Albträumen
Monaden bevölkern Carvers Welt. Man geht aufeinander zu, aneinander vorbei, lebt auch paarweise nebeneinander hin. Fast alle sind sie mobil, unterwegs zu einem neuen Job, in wieder eine Entziehungskur, in ein neues, bald wieder aufgegebenes Haus - und sitzen doch immer wieder unbeweglich fest, mit Vorliebe auf einem alten Sofa vor den einzig bewegten Bildern des Fernsehens. Geborene Verlierer, ganz gleich ob ihnen ein Kind stirbt oder nur, auch das ein Menetekel, der alte Eisschrank versagt. Fast erschrickt man, wenn das jähe Ende einer Geschichte, statt Blackout zu setzen, einen Lichtspalt öffnet. Wenn etwa der Bäcker mit seiner vergessenen Geburtstagstorte den Eltern des toten Scotty in einer plötzlich rühr- und redseligen Nacht die Schönheit und Bitterkeit des Lebens erklärt.
Darf Carver das? möchte man fragen. Darf er uns über die Trostlosigkeit seiner Welt freundlich hinwegtrösten, das Elend seiner Figuren streichelnd besänftigen? Und damit sein enges, strenges Universum für einen Augenblick öffnen, ausweiten - und wohin? Es gibt Augenblicke während dieser Abschiedslektüre, in denen man sich auch fragt, ob dieser geborene und hoch trainierte Geschichtenerzähler es hätte wagen können und sollen, seine Welt einmal darzustellen als Roman. Die Länge seiner letzten Texte sprengt ja oft genug die kleine Dimension einer Kurzgeschichte, wuchert aus auf knapp oder gut 30 Seiten. In diesen Erzählungen wächst dann die Spannung zwischen der Monotonie der Oberfläche und dem darunter lauernden Drama, zwischen dem Beredeten und dem Verschwiegenen. Doch steigern und verlängern, also in die Dimension eines Romans retten, lässt sich dieses Spannungsverhältnis wohl kaum.
Am unheimlichsten lesen sich die Texte, die auf rabiate Kürze reduziert sind und sich also nur noch aus Fragmenten und Leerstellen zusammensetzen. Da hockt eine Frau, die eben fast einen Mann hingerichtet hat mit einem Revolverschuss - wir werden nie erfahren, warum - nun im Warteraum eines gottverlassenen nächtlichen Bahnhofs zusammen mit einem zankenden Paar, der Mann abgerissen-elegant, doch ohne Schuhe, nur in Socken - und wieder stößt die Frage nach dem Warum ins Leere. Unerklärt besteigen die drei einen von irgendwo nach irgendwo in die Nacht fahrenden Zug. Das ist alles, nichtssagend, alles verschweigend, das perfekte Rätselbild.
Und doch und doch - in aller, mit aller, trotz aller Liebe sei es nach diesem Abschiedsbesuch in Carvers Erdenwinkel gestanden: Es ist, es war genug. Man wünscht sich nicht noch mehr. Genug von diesen nüchternen, taghellen Albträumen, dieser Welt diesseits oder jenseits aller Heiterkeit, von diesen Wesen, die, gefasst und stumm, ergeben auf nichts weiter zu warten, ja zu hoffen scheinen als auf einen Schicksalsschlag aus dem Unsichtbaren. Denn wir können und werden ja zurückkehren, wieder lesen, neu lesen und sind sicher: Carvers Geschichten halten jedem Wiedersehen, jeder Überprüfung stand.
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