R O M A N Die größte Pleite ist das Leben
Der Roman "Verzweiflung" von Yasmina Reza ist eine zornige Attacke gegen den Optimismus
Mit ihren Komödien, besonders dem Dreipersonenstück Kunst, ist Yasmina Reza ja inzwischen weltberühmt. Es gelingt ihr darin auch wirklich wunderbar leicht, in erschöpfenden Permutationen vorzuführen, wie das Leben mit boshafter Experimentierlust seinem Probanden den Humor austreibt, um ihn in der Art, wie sie das zeigt, mit sanfter Gewalt wieder in seine Rechte einzusetzen. Das Gleiche hat sie jetzt in Prosa, in ihrem kleinen Erstlingsroman Die Verzweiflung, ausprobiert. Eigentlich auch wirklich ein Drama, ein Monodrama, nur dass es sich nicht auf der Bühne, sondern im Kopf des armen Helden abspielt.
Wer hätte nicht schon erlebt, wie prominente alte Damen sich noch kurz vor ihrem Ende in eine Talkshow schleppen, um dort über die Vorzüge des Alters zu philosophieren. Samuel dürfte für solchen Schmus nur bittersten Spott übrig haben. Er ist gerade mal Anfang 70, aber so alt, wie er sich fühlt, will er gar nicht werden. Die Maschine läuft noch leidlich, aber wozu. Das Spiel ist aus. Alle Schlachten sind geschlagen. Alle Leidenschaften, alle Maßlosigkeit, die heiße "Illusion des Lebens" - dahin. Es gibt nichts mehr zu sagen, nicht mal piep!, wie es bei Beckett heißt. Was bleibt: bitteres Wiederkäuen und harter Stuhl. Glyzerinzäpfchen und Stochern in der Glut der abgebrannten Tage. Marisa Botton, die Geliebte damals, in Rouen. Sie war nichts, und aus diesem Nichts entstand unverhofft - wie das Weltall - etwas. Etwas wie Leidenschaft. Er musste sie haben, und er bekam sie. "Mittags zur Essenszeit ... zwei Zwitterstunden fast, ohne besonderes Entzücken."
Der Alte macht einen dogmatischen Unterschied zwischen dem Glück, das er verachtet, und dem wahren, nackten Leben, das er herbeisehnt. Immer wieder spult er die Erinnerung an diese heftigen, aussichtslosen Momente zurück. Krapps letztes Band, neueste Fassung. Krapp, der "zermürbte alte Mann" in seiner "Bude". Samuel, der alte Knötterer im Garten, grau, Purpurnase, ein Kranz von aberwitzigem Blond um die Pläte. Morsche Skulptur des Unkrautjäters zwischen Buchsbaum und Rosensträuchern. Ein Liebhaber von Gartenscheren und Spritzgeräten. "Wie ist das passiert? Wo sind die Tage, die wahren? ... mein Gott, laß mich einen Tag, eine Stunde wieder in der Zeit der Obsessionen leben!"
Als ob die Sünde der Melancholie nicht schon Strafe genug wär, ist unser Held von lauter Glücklichen umzingelt. Seine Frau Nancy, die immer ein bisschen träge, ein bisschen nebulös, um nicht zu sagen dumm war, was sie begehrenswert machte, wird mit jedem Tag, der sich ihm verfinstert, munterer und vitaler. Eine "entsetzlich positive Frau", die für alles - mit Ausnahme seiner "jämmerlichen Possen" - Verständnis aufbringt. Die Tochter auch: glücklich. Der Schwiegersohn, Apotheker, "wahnsinnig vor Glück, nachdem er, um endlich Jude zu sein", einem jüdischen Wanderverein beigetreten ist.
Dieses Getue und vereinsmeierische Gehabe, die faden Selbstbeschwichtigungsrituale dieser "Glücklichen", der Pakt der Mittelmäßigen, unter denen er sich so fremd fühlt wie nur je ein Jude in einem feindseligen Wirtsvolk - er kann das alles nicht ertragen. Und er wehrt sich gegen den brutalen Zugriff des Optimismus mit provozierenden Agitprop-Reden, genießt wie ein Exhibitionist die Entrüstung in den Gesichtern. Kein Wunder, dass ihm wenig Freunde geblieben sind, genau genommen ein einziger, mit dem er "über die Pleite des Lebens" lachen kann.
Die größte Pleite seines Lebens aber, und darüber kann er gar nicht lachen, ist sein Sohn. Er gondelt durch die Welt. Er will nichts, weder bauen noch erfinden, noch erobern. Und er ist - natürlich glücklich, wie Frau und Tochter ihm versichern.
Der Alte kann es nicht fassen. Er hat keinen tüchtigen, keinen außergewöhnlichen, er hat einen glücklichen Menschen gezeugt. "Ich möchte, daß du mir das Wort glücklich erklärst", herrscht er den Sohn an. Doch der wird ihm nichts erklären, er wird schweigen, denn er ist gar nicht da. Er liegt an irgendeinem Strand, betrachtet irgendwo das Meer und isst eine Papaya. Er ist der radikal abwesende, der sprichwörtlich verlorene Sohn, mit dem die Linie, das Geschlecht Samuels, brutal abgeschnitten ist. Er ist die Niederlage aller Niederlagen und die schlimmste Verzweiflung.
"In Ihrer Haltung liegt etwas Affektiertes", hört Samuel eine alte Bekannte zu ihm sagen, die er auf der Gartenbauausstellung in Longchamp trifft. Geneviève Abramovitz, die einstige unglückliche Geliebte seines ihm weggestorbenen Freundes Léo. Diese Frau, deren Lächeln, deren ganzes Wesen ihn bezaubert, darf ihm alles sagen. Sie gehen zusammen essen, tauschen ihre Niederlagen aus, lachen und weinen, lecken sich gegenseitig ihre Wunden, er spielt den Clown. Und der Kummer lichtet sich, alles Lästern und Schimpfen wird ertränkt im Heilwasser turtelnder Klatschsucht. Etwa so: ",Interessieren Sie sich für diese Weibergeschichten', bemerkt sie plötzlich, ,offen gestanden, Samuel, Sie enttäuschen mich.' - ,Ich interessiere mich für Sie, für Léo, für die Unwirklichkeit, von der wir sprachen, und für unseren Untergang.' - ,Gut, gut, gut, ich fahre fort. Ich fahre fort', sagt sie."
In diesem sinnlich-übersinnlichen Wortwechsel, diesem "gut, gut, gut" hat man die ganze Rezasche Poesie. Mit dieser Begegnung weitet sich der assoziativ zerrupfte amokartige Monolog des Untergehers zur großen Szene, zu großer Komödienkunst. Hier erreicht der Text jenes sublime Äquilibrium zwischen keckem, schwanzwedelndem Boulevardton und innigem Spätzeitmelodram, jene schwebende, der Schwermut abgehandelte Leichtigkeit, die wir in Rezas Komödien schon bewundert haben.
"Besiegte Menschen neigen zum Witz", heißt es bei Saul Bellow einmal über seinen Mr. Sammler, einen jener halb tragischen Clowns und erbitterten Kanzelredner, deren Witz einen "nahenden Nervenanfall" ankündigt, dann aber abzuwenden wunderbarerweise in der Lage ist. So scheint es auch hier mit Samuels Verzweiflung bestellt zu sein. Die zornige Attacke, die Krise selbst, ist das beste Krisenmanagement und ersetzt den indizierten Bohnenkaffee.
Wir, die wir statistisch gesehen ja immer älter, also auch immer närrischer und besiegter werden und damit das Schicksal unserer Kultur in unserem ganz persönlichen Fin de siècle nachvollziehen - wir werden solche Bücher, solche Zornvermächtnisse, die "dem Nächsten mit Prügeln unsere ganze Einsamkeit und Verlassenheit begreiflich machen" (Javier Tomeo) immer wieder gern lesen, zumal wenn sich die Klageanstrengung so schön von Thomas Bernhards Prosodie emanzipiert hat wie bei Yasmina Reza. Geradezu vorbildlich für alle Anwärter auf Anerkennung beim jährlichen Klagewettbewerb in Klagenfurt.
Bleibt die Frage, wofür dieser Samuel mit seinem Leiden eigentlich steht. Bei Updikes Rabbit, dem literarischen Leidensgenossen Samuels, ist die Sache klar, wenn man sein Ende in Rabbit at rest besieht. Die schwarzen Jugendlichen, denen er den Basketball aus der Hand schlägt, um ihn reinzuhauen, um sich noch mal jung und stark zu fühlen, sprechen es deutlich aus, wenn sie dem "weißen Obermacker" in Bermudashorts zurufen: "Hey, Mann, du bist Geschichte", um Uncle Sam dann, als sein verfettetes Herz nicht mehr mitspielt, seelenruhig krepieren zu lassen. Rabbits Untergang dürfte Updikes Prognose für das weiße Amerika sein. Und der alte, vom Leben abgehängte Samuel, dessen Stamm in einem Versager endet? Steht er im Altweibersommerlicht seines Gartens für das alte Europa, das jetzt zusammenrückt - wie die Rentner auf der Parkbank?
Yasmina Reza: Eine Verzweiflung Roman; aus dem Französischen von Eugen Helmlé; Hanser Verlag, München 2001; 133 S., 25,- DM
- Datum
- Quelle
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







