Der Unfassbare

Wo immer er hinkommt, wird er verehrt wie ein Gott. Niemand kennt ihn wirklich. Aber seine Spuren lassen sich deuten. Auf der Suche nach Bob Dylan, der jetzt 60 Jahre alt wird

Wo immer man auch geht in Hibbing, in dem Netz gnadenlos gerader Straßen, man gelangt schnell wieder hinaus in das fremdartige, flache Land, aus dem der Frost des langen Winters die Farben herausgebrochen hat. Nur Nadelbäume wachsen hier und Birken, die in diesem Frühling immer noch keine Blätter tragen. Die Hügel zwischen den kleinen Holzhäusern bestehen bloß aus Minenschutt.

Hibbing, das sind 100 Jahre Erzindustrie, die tatsächlich einmal blühte, das sind 18 000 Menschen, die keinen Weg gefunden oder es nicht übers Herz gebracht haben, fortzugehen aus dem kalten Norden der USA. Hibbing, das ist ein Schürfprojekt, bei dem es mehr zu holen gibt als Eisenerz: Hunderte von Touristen kommen jedes Jahr hierher, um in den Erinnerungen der Bewohner zu graben, um etwas zu erfahren über den einzigen Menschen aus Hibbing, der jemals zu Ruhm gekommen ist. Fast jeder hier kennt ihn als den Robert Zimmerman, der sich Bob Dylan nennt: geboren am 24. Mai 1941 in Duluth, 100 Meilen entfernt, verzogen nach Hibbing im Alter von fünf.

Robert Zimmerman hat seine Heimat vor mehr als 40 Jahren verlassen, um in New York ein Star zu werden. Kein Museum erinnert an ihn, keine Gedenktafel. Trotzdem hoffen viele, ihm endlich nahe zu kommen in den Spuren seiner Vergangenheit. Der einflussreichste Songschreiber seiner Generation ist eines der großen Rätsel der populären Kultur: Seine Liedtexte sind für alle Interpretationen offen; er hat es stets abgelehnt, sich selbst zu erklären. Interviews gibt er fast nie.

Jung sein im Hibbing der fünfziger Jahre - wie das gewesen ist, spürt man, wenn man nachmittags auf der fast menschenleeren Hauptstraße steht. Die Howard Street mit ihren wenigen Geschäften sieht aus wie eine Kulisse aus einem Film mit James Dean, Rebell ohne Grund. Ein paar Banken, ein Diner, in dem nur alte Leute sitzen. Das einzige Hotel zugesperrt. Um die Ecke führten die Zimmermans einen Elektroladen. An der 7th Avenue liegt die alte Oberschule, breit und wuchtig wie ein englisches Landschloss. Ein paar hundert Meter weiter steht das Wohnhaus der Familie, winzig, hellblau, ein Obergeschoss. Das kleine Zimmer über der Garage gehörte Bob.

LeRoy Hoikkala, der Schlagzeuger in Bobs erster Band, weiß noch, wie sie sich auf der Straße kennen lernten - auf einer dieser Straßen, die auch heute viel zu breit erscheinen, als fehle etwas Entscheidendes, Leben vielleicht oder Poesie. »Bob hing herum, wie ich. Wir gehörten zu den wenigen, die sich nicht für Sport interessierten, sondern für Motorräder und Rock 'n' Roll.«

Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, wie Bob und LeRoy ausgesehen haben. »Wir waren dünne Burschen in schwarzen Lederjacken und schweren Stiefeln«, sagt Hoikkala. Seine Haare glänzen auch heute noch speckig; im Nacken trägt er sie lang, obwohl er ihnen längst mit dem Kamm vom linken Ohr auf die nackte Schädeldecke helfen muss. 60 Jahre ist er alt, wie Bob. In der Garage der Zimmermans lärmten sie damals drauflos, Bob am Klavier, LeRoy am Schlagzeug, ein Freund an der elektrischen Gitarre, »bis die Nachbarn verrückt wurden«. Davon zu erzählen freut Hoikkala immer noch.

Er sitzt auf seiner silbergrauen Wohnzimmercouch und redet so nüchtern, als wolle er auf keinen Fall den Eindruck erwecken, er werde auch nur ein bisschen sentimental. Hoikkala ist den anderen, den ganz normalen Weg gegangen, den hier fast jeder einschlägt: Er hat in einer der Stahlfabriken gearbeitet, wo sie das Erz zu Pulver zermalmen und erhitzen, um ihm das Eisen zu entziehen.

Bobs Talent war dem alten Freund immer unheimlich

Leitender Angesteller war er dort, jetzt ist er pensioniert. In der Garage steht ein großer Lincoln neben einem Pickup-Lastwagen, und der weiße Teppich vor der Couch ist so dick, dass man darin versinkt. Seine Frau hört schweigend zu. Ist das vielleicht ein schlechtes Leben? Bob hat bestimmt auch keinen dickeren Teppich. Eigentlich hatte sich Hoikkala vorgenommen, nie wieder über ihn zu reden - zu viele Neugierige haben ihn bedrängt. Aber vielleicht muss er es immer wieder tun, um sich zu vergewissern, dass er nicht wirklich etwas falsch gemacht hat. Das Schlagzeug hat er schon lange verkauft.

Ja, Bob sei ein Genie, sagt er, das habe er gespürt. Eine Riesenshow habe er gemacht, sei wie wild herumgehüpft mit der Gitarre oder vor dem Klavier. Einmal traten die Golden Chords, so hieß die Band, im Auditorium der Oberschule auf - ein Riesensaal, gebaut in der Blütezeit der Stadt nach dem Vorbild des Capitol-Theaters in New York. Bob hämmerte auf dem alten Steinway-Flügel herum, manche sagen, er sei auf die Tasten gesprungen. Bis der Direktor persönlich den Vorhang zog, um der Schande ein Ende zu bereiten. Der Auftritt ist Legende in Hibbing.

Eine Geschichte muss LeRoy Hoikkala noch erzählen, die kennt nur er allein. Es ist die der Motorradfahrt, bei der Bob fast gestorben ist. »Wir standen mit unseren Harleys am Bahnübergang, er konnte wieder mal nicht stillsitzen. Er war ja immer der nervöse Typ. Der Zug war kaum vorbei, da fuhr er los. Auf dem Gleis dahinter kam eine Lok aus der anderen Richtung. Sie hätte ihn fast erwischt.« Bobs alter Freund guckt für einen Moment sehr ernst. Nie ist er dem Unerklärlichen näher gewesen. Irgendetwas an dieser Geschichte ist ihm unheimlich, so wie Bobs gewaltiges Talent.

Den großen Mann gekannt zu haben, darauf sind viele Menschen stolz in Hibbing, wie auf einen Orden. Bobs Sozialkundelehrer brüstet sich damit, sein kritischer Unterricht habe den Sänger inspiriert, Protestlieder zu schreiben. Er sei der wahre Vater von Hymnen wie Blowin' in the Wind . Eine Nachbarin der Zimmermans glaubt Bob verteidigen zu müssen: »Er war überhaupt nicht arrogant, nur still.« Als sein Vater starb, sei Bob aus New York gekommen zur Beerdigung; danach habe er sich in der Garage ans Klavier gesetzt und ein Lied geschrieben für Dad. Das ist mehr als 30 Jahre her. Seitdem hat sich Bob nur ein paar Mal blicken lassen. Die Mutter ist nach dem Tod ihres Mannes weggegangen, Bob kümmerte sich um sie. Sie starb vor einem Jahr.

Ein ehemaliger Mitschüler hat Investoren gesucht für ein Museum und eine Konzerthalle, er wollte mal was losmachen im Städtchen. Dylan hat es sich verbeten; wahrscheinlich erinnert er sich nicht so gern an Hibbing wie die Menschen hier an ihn.

Sie zeigen die wenigen Relikte begeistert vor. Die junge Familie im Haus an der 7th Avenue führt ein Gästebuch, in dem sich Touristen bedanken für den Blick ins Kinderzimmer. Viele Namen aus Europa stehen in dem dicken Band. Der Hausmeister der Oberschule schließt fast jeden Tag das Auditorium auf für Besucher. Manchmal rollt er sogar den alten Flügel aus dem Verschlag hinter der Bühne. Dass die Leute das Ding anfassen wollen, versteht er. Aber dass sie auch die Klassenzimmer fotografieren müssen, in denen Bob saß, das findet er schon ein bisschen verrückt.

Manche Fans verehren Dylan wie Jesus. Für sie ist alles heilig, hat er es berührt. Neben Bildern und Eindrücken können sie wenig mitnehmen von ihrer Wallfahrt - eigentlich nur die Erkenntnis, dass es richtig gewesen ist für Bob, von hier abzuhauen. Inspiration, Erfolg gab es anderswo. Er landete in Minneapolis, in der Hauptstadt des Bundesstaats, dort ist die nächste Universität. Er meldete sich zum Kunststudium an, 1959. Bob sei getrampt, heißt es, mit der Gitarre unterm Arm.

Minneapolis ist eine traurige Stadt. Ein paar Wolkenkratzer, drum herum leere Straßen. Das kleine Viertel neben der Universität soll mal schmuddelig gewesen sein, ein Treffpunkt der Bohemiens. Jetzt ist es ordentlich renoviert. Die Clubs und Cafés, in denen Bob spielte, sind lange tot, die verklärende Erinnerung aber lebt. »Wir traten bei jeder Party auf, und Dylan war der Beste«, sagt ein Musiker, der die Ehre hatte, dabei zu sein.

John Koerner spielt immer noch Gitarre, ohne Erfolg. Es ist der einzige Beruf, den er gefunden hat. Dass er mit Bob auf der Bühne stand, hat ihm nie etwas genützt. Er trägt zerrissene Jeans und einen Arbeiterkittel, als lebte er immer noch im Jahr 1960 und junge Musiker ahmten Hobos und Sänger von der Straße nach. Damals entdeckten Intellektuelle die traditionelle Musik des Folk. Im Gegensatz zum »kommerziellen« Rock galt sie als ziemlich cool.

In Minneapolis verwandelt sich Robert Zimmerman in Bob Dylan, so nennt er sich jetzt, nach dem Dichter Dylan Thomas. Er singt Lieder zu akustischer Gitarre und Mundharmonika. »Er hatte diesen schiefen Sound, den später jeder imitierte«, sagt Koerner. Ein Bild sieht er klar in seiner Erinnerung: Bob auf einer Party, er hämmert Liedtexte in eine Schreibmaschine. Fast jeden Tag tritt er auf. Nach einem Jahr bricht er das Studium ab. Er geht nach New York, um der Welt zu zeigen, was er kann. Mutter Zimmerman macht sich große Sorgen, das erfährt in Hibbing die ganze Nachbarschaft.

In dem Club, in dem Dylan spielte, kennt heute keiner seinen Namen

Greenwich Village im Süden Manhattans soll in den Sechzigern ein freundliches, billiges Viertel gewesen sein. Viele Künstler lebten hier - nicht im dörflichen Teil des Village, wo Touristen bummeln, sondern dort, wo es laut und städtisch ist, am Washington Square. Hier versammelte sich in den Sechzigern die größte Folkszene der Welt.

In der MacDougal Street haben heute Restaurants die Musikclubs verdrängt. Nur das Café Wha? ist noch da. Ein von der Zeit angenagtes Holzschild über der Tür verspricht »Classic Rock«. An einem kalten Januartag des Jahres 1961 stolpert ein pausbäckiger dünner Junge die Treppe des Kellerclubs hinunter. Er heiße Bob Dylan, ob er hier spielen könne? Dann singt er sein erstes Lied. Er darf bei einem Zuhörer übernachten.

Bob Dylan? Den Namen haben die Türsteher des Café Wha? noch nie gehört. Es ist Funk-Abend. Viele Gäste sind schwarz, sie tragen Anzüge. Auf den schmalen Tischen wird Essen serviert. Nur so macht der Besitzer, ein junger Mann, genug Umsatz in der teuren Gegend. Die kleine Bühne ist zwischen die Sitzreihen gequetscht. Dylan spielte jeden Abend in Clubs wie diesem, für zwei oder drei Dollar.

Ein paar Monate später zieht er in eine winzige Wohnung an der West 4th Street. Im Erdgeschoss des schmalen Hauses mit der Nummer 161 ist heute ein Handyladen. Auf welcher Etage Dylan gewohnt hat? Der Besitzer des Hauses weiß es genau: in der zweiten, es ist das kleine Appartement zum Hinterhof. Zwei Räume, Schlafzimmer und Wohnküche. In dem düsteren Flur vor der Tür eine nackte Glühbirne. Die Großeltern hatten das Appartement an Dylan vermietet, für 80 Dollar im Monat, heute kostet es 1500. Dylan lebte hier mit einer Freundin. Mehr weiß der Enkel nicht. Sorry.

Neun Monate nach seiner Ankunft bejubelt ein Kritiker der New York Times Dylan als einen, der »ganz nach oben« kommen wird. Er erhält einen Plattenvertrag, nimmt viele Songs auf, die heute Klassiker sind. Dann bricht er mit der Folkmusik. Er benutzt eine Elektrogitarre, was seine Fans verstört. Bis Mitte der Sechziger erschafft er einige der größten Werke der Rockgeschichte. Mitte 20 ist er erst und einer der bekanntesten Männer seiner Zeit.

Viele Menschen, die ihn begleitet haben, sind liegen geblieben am Wegrand dieser rasenden Karriere; nur wenige wollen über Dylan sprechen. Art D'Lugoff lässt sich gern dazu herab. Er leitete den größten Club der Gegend, das Village Gate. Wenn Besucher in seine Wohnung an der Upper West Side kommen, setzt D'Lugoff schnell Schiebermütze und Hornbrille auf und legt die Füße auf den Tisch; in den frühen Sechzigern sahen Hipster nun mal so aus. D'Lugoff ist 77 Jahre alt, eigentlich heißt er Arthur Dlugofsky. Sein Wohnzimmer ist voll gestopft mit Platten und Büchern. Er will ein Folkmuseum eröffnen im Village, nennt sich bereits Geschäftsführer und president.

Für ihn war Greenwich Village das kulturelle Zentrum der Welt - »wie Paris in den Zwanzigern«. Leider, seufzt er, hätten Spekulanten alles kaputtgemacht. Die irren Grundstückspreise! Er wird viele Millionen sammeln müssen, bis er ein Gebäude für sein Museum kaufen kann. Joan Baez und Pete Seeger haben ihre Unterstützung zugesagt. »Es sieht so aus, als würde ich auch Bruce Springsteen kriegen.« Und Dylan? D'Lugoffs Füße beginnen nervös zu wippen. »Er würde sowieso nicht mitmachen.« D'Lugoff hat sich gar nicht erst an ihn gewandt.

»Dylan fragte mich mal, ob er im Village Gate auftreten könnte«, sagt D'Lugoff. Ein zufriedenes Lächeln wandert sein zerfurchtes Gesicht hinauf, bis in die struppigen Augenbrauen. »Ich traf ihn zufällig auf der MacDougal Street. Wir gingen in ein Café, und er spielte mir etwas vor. Ich lehnte ab, er hätte mir kein Geld gebracht. Das Village Gate war zu groß für ihn. Ich mag seine Stimme bis heute nicht, weil er sie verstellt beim Singen.«

Art D'Lugoff staunte, dass immer mehr Menschen Dylan bewunderten. Und der nutzte jede Chance. »Er erzählte Lügen über seine Herkunft.« Er stamme aus New Mexico, sei Waise und jahrelang durchs Land getrampt - die Geschichte des fahrenden Folksängers verkaufte sich besser als die eines Kindes aus gutbürgerlichem jüdischen Elternhaus. Viele Leute, die ihn unterstützten, hat er angeblich später nicht mehr gekannt. »Die konnten das nicht fassen, aber sie haben ihm verziehen.«

Mary Lou Paturel ist eine Frau, die einmal in Dylans Schatten stand und glaubte, sie wäre im Licht. Seit Jahrzehnten hat er sich bei ihr nicht blicken lassen, sie ist jetzt 66. Sie hofft, dass sie ihm bald wieder begegnen wird: »Ich spüre das.« Paturel trägt weiße Hosen, ein weißes Hemd und einen bunten Schal, aber ihr Gesicht ist dunkel und ausgezehrt. Sie hat die meisten ihrer Träume in dem Städtchen Woodstock begraben, dem die Erinnerung an das Musikfestival von 1969 anhaftet wie ein Brandzeichen. Sie lebt immer noch da, zwei Autostunden nördlich von New York City.

Mit dem Festival erreichte der Rausch der Hippie-Ära seinen Höhepunkt. Paturel hätte gern darauf verzichtet, denn danach stiegen die Grundstückspreise. Nein, die wahre Legende von Woodstock hat Paturel selbst mit geboren: 1962 eröffnete sie an der Hauptstraße ihr Café Espresso, hier trafen sich Joan Baez und Johnny Cash. Schon um die Jahrhundertwende war der Ort eine Künstlerkolonie, und die New Yorker entdeckten es neu. »Dylan kam ein Jahr später zum ersten Mal«, sagt Paturel. »Er hat das Café geliebt.«

Das Idyll muss sich mit den Lastwagen verabschiedet haben, die heute über die schmale Tinker Street rumpeln. Oder mit dem Einzug der späteren Besitzer, die das breite Holzhaus schmucklos umbauten. Jetzt ist darin eine Fotogalerie. »Im ersten Stock war ein heller, großer Raum mit einem Klavier«, sagt Paturel. Bobs Zimmer. »Er hat darin viele Lieder geschrieben, darunter zwei frühe Platten. Eine - The Other Side of Bob Dylan - hat er mir und meinem Mann gewidmet.«

Obwohl Mary Lou Paturel Dylan so nahe war, ist sie dem Geheimnis seines Schaffens nicht näher gekommen. »Er war sehr still und distanziert. Aber er zog die Leute an. Wenn er einen Raum betrat, drehte sich alles um ihn.« In ihrer ärmlich eingerichteten Wohnung sitzt ein junger Mann mit einer Gitarre. »Bob ist ein Mystiker«, sagt er und versucht, einen von dessen Songs zu spielen. Er kriegt es nicht hin. Er erzählt, wie er Dylan einmal gegenüberstand bei einem Konzert. »Ich war elektrisiert. Es hat mich umgehauen.« Dem Mann treten tatsächlich Tränen in die Augen.

1965 kauft Dylan in Woodstock ein Haus. Er flieht vor dem Ruhm und den Fans, die ihn wie einen Heiligen verehren. In seinen Liedern suchen sie nicht Schönheit, sondern Welterklärung. Sind Dylan-Songs wie das schwelgerische Desolation Row, eine rätselhafte Tirade, etwa nicht Abgesänge auf das heruntergekommene Amerika?

Das Haus in den Hügeln ist leicht zu finden - an dem Weg, der in den Wald führt, stehen immer noch verdächtig viele »Durchfahrt verboten«-Schilder. Es ist ein großes Haus aus dunklem Holz mit blauen Fensterrahmen. Kein Klingelschild, keine Hausnummer. Niemand reagiert auf Klopfzeichen. Über allem liegt eine kristallene Stille, nur der Frühlingswind rauscht. Im Ort sagen sie, hier wohne jetzt der Musiker Donald Fagen.

Nur ein einziger Fotograf besitzt Fotos von Bob Dylan mit Familie

Der Fotograf Elliot Landy ist einer der wenigen Menschen, die das Haus und seine elf Zimmer jemals betreten haben. Sein Name ist ein Anagramm von Dylan; das muss etwas bedeuten, findet er. 1968 bekommt er den Auftrag, Dylan für eine Zeitung zu fotografieren. Sie mögen sich. Die Bilder, die Landy macht, gehören zu seinen größten Schätzen. »Es sind die einzigen privaten Fotos, die es von Bob und seiner Familie gibt.«

Ein scheuer Dylan ist darauf zu sehen, vollbärtig, in seine Musik versunken am Klavier, aber auch ein fröhlicher Vater, der mit seinen kleinen Kindern spielt. »Bob und seine Frau Sara wollten in Woodstock die Welt vergessen«, sagt Landy. Der Star hatte einen Motorradunfall und hat seit Jahren kein Konzert gegeben. Er liest die Bibel. Seine neuen Lieder klingen entrückt, wie die Umgebung, in der sie entstehen. Er hat den Anschluss an die Welt verloren, doch die Fans belästigen ihn weiter. »Er war panisch vor Angst, dass jemand seine Kinder kidnappt.«

Landy versucht, mit seinem Gastgeber über Politik zu reden - schließlich gilt der einstige Protestsänger immer noch als Stimme seiner Generation. Dylan antwortet, Politik sei ihm egal: »Ich interessiere mich nur für Wörter. Ich fische sie aus der Luft.« Dylan zieht sich mit einigen Musikern, sie nennen sich The Band, in den Keller eines kleinen rosa Hauses in Woodstock zurück. Die Aufnahmen, als Music from Big Pink und The Basement Tapes veröffentlicht, machen das Haus weltberühmt.

Als Elliot Landy das Woodstock-Festival fotografiert, ist Dylan in England, gibt endlich wieder ein Konzert. Wenig später zieht er zurück nach New York.

Das letzte Dylan-Haus, dessen Adresse bekannt ist, steht in der MacDougal Street in Greenwich Village. Es trägt die Nummer 94 - ein altes Stadthaus, das sich unauffällig in eine Reihe ähnlicher Häuser fügt. Ein letztes Mal versucht Dylan, ein ganz gewöhnliches Leben unter Menschen zu führen. Im Café Figaro an der Straßenecke trinkt er Kaffee, im Bitter End ein paar hundert Meter weiter hört er neue Bands.

1970 taucht Dylan dort zum ersten Mal auf. Paul Colby, der Besitzer des kleinen Clubs, weiß noch, wie er ihm begegnet ist: »Ich sagte nur einen Satz, als ich vorgestellt wurde. Hinterher ließ er ausrichten, er möge mich.« Der Konzertsaal sieht immer noch aus wie damals: vergilbte Plakate an rohen Ziegelsteinwänden, abgeschabte Holzstühle. In einem Glaskasten hängen Schwarzweißfotos - Colby mit Neil Young, Colby mit Andy Gibb, Colby mit Bob Dylan. Er hat hier öfter mal gespielt, natürlich ohne Ankündigung.

Der Mann an der Bar hat jede Ähnlichkeit mit dem Mann auf den Fotos verloren, so alt ist er. Paul Colby verbirgt sein Greisengesicht hinter einer Goldrandbrille und unter dem Schirm einer makellos weißen Baseballmütze. Wenn er lacht, blitzen viel zu weiße Zähne.

Colby kann nicht viel erzählen über Dylan. »Wir betranken uns ein paar Mal, rauchten Joints, gingen auf Partys.« Es war ein »goldenes Zeitalter«, findet Colby. Seit es zu Ende ist, hat er Dylan selten gesehen. Für den wurde alles nur schlimmer im Village - die Fans lungerten vor seiner Tür herum, wühlten in seinem Müll. Nach ein paar Jahren zog er endgültig weg. Colby sagt, seine toten Freunde Allen Ginsberg und Frank Sinatra vermisse er viel mehr.

Angeblich lebt Bob Dylan in Malibu, Kalifornien, in einer Villa am Meer, geschützt von einem hohen Zaun. Oder auf einer Ranch in der Nähe von Minneapolis. Oder in einem Haus in der Karibik. Er hat sich der Welt endgültig entzogen, und vielleicht ist der Mann, der Konzerte gibt unter seinem Namen und mittelmäßige Platten aufnimmt, jemand ganz anderes, der ihm nur ähnlich sieht. Der echte Bob ist heimgegangen und verschluckt worden von dem riesigen Loch, aus dem er kam.

 
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