Glück ist langweilig

Ein Gespräch mit der französischen Dramatikerin und Schauspielerin Yasmina Reza, die in ihrem neuesten Stück "Dreimal Leben" zurzeit auch als Bühnenstar Aufsehen erregt von Sacha Verna

Yasmina Reza ist der Liebling der Saison. Jede Spielzeit wieder, und zwar bereits seit 1994. Da feierte die Schauspielerin und Theaterautorin einen Überraschungserfolg an den Champs-Elysées: Ihr Stück Kunst haben mittlerweile allein in Frankreich über eine Million Zuschauer gesehen, in Deutschland wurde es seit der furiosen Premiere an der Berliner Schaubühne landauf landab bejubelt. Außerdem bescherte Art der 1957 geborenen Autorin den zweiten Prix Molière. Einen hatte sie bereits für ihr Debüt-Drama Gespräche nach einer Beerdigung bekommen. 1998 erschien ihr Prosaband Hammerklavier in deutscher Übersetzung, und soeben hat der Hanser Verlag ihren ersten Roman Eine Verzweiflung herausgebracht (Rezension Seite 50).

die zeit: Ihr Roman Eine Verzweiflung erinnert an Thomas Bernhards Roman Verstörung. Hier wie da stehen Vater und Sohn im Mittelpunkt des Geschehens, hier wie da wird in monumentalen Monologen die Gesellschaft als solche attackiert, beide Werke kreisen letztlich um das Thema Tod. Eine Reverenz an Bernhard, eine Verwandtschaft im Geiste?

Anzeige

Yasmina Reza: Thomas Bernhard ist ein Schriftsteller, den ich sehr bewundere - als Prosaautor ebenso wie als Dramatiker. Insofern stört es mich nicht, wenn man mir da eine Verwandtschaft unterstellt. Und sicher gibt es Parallelen. Das Obsessive des Stils beispielsweise, die vielen Wiederholungen. Allerdings glaube ich, dass mein Roman dem seinen durch die deutsche Übersetzung ähnlicher wird, als er eigentlich ist. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Bernhard und mir besteht doch darin, dass er ständig sein ihm verhasstes Vaterland beschwört, während so etwas wie Heimat bei mir überhaupt nie eine Rolle spielt.

zeit: Warum?

Reza: Ich habe nie eine Heimat besessen. Mein Vater war Iraner, meine Mutter Ungarin, meine Großeltern liegen irgendwo in Amerika begraben, und ich lebe nun zufällig in Frankreich. Die einzige Heimat, die ich kenne, ist die französische Sprache.

zeit: Also bedeutet Ihnen "Heimat" ja doch etwas - immerhin haben Sie die Arbeit mit der französischen Sprache zu Ihrem Beruf gemacht.

Reza: Das stimmt natürlich. Sprache ist für mich auch sehr viel mehr als ein Mittel zum Zweck. Mich faszinieren ihr Klang, ihr Rhythmus, die Brüche, die sie enthält. Bei meiner Arbeit ist mir der Ton der Sprache weit wichtiger als ihr Inhalt.

Service