Lebenswerke Auszug aus der Wunderkammer

Am Starnberger See eröffnet ein Museum für Lothar-Günther Buchheim.

Sein liebster Ort war immer schon das selbst gewählte Abseits. Er hasst die Hauptstraßen, den Sog der prächtigen Boulevards, ihn locken die Wiesenpfade der Kunst. Auf einem solchen, auf einem Schlängelweg durch den satten Frühling am Starnberger See, vorbei an urzeitlichen Baumrecken, über ein Meer aus Hahnenfuß und Pusteblumen, gelangt man mit Schwung den Hügel hinab und sieht schon von weitem das einladende Haus. Gelassen liegt es in der Landschaft, und trotz seiner Höhe wirkt es so zurückgenommen und intim, als hätten sich zwei Großfamilien eine Doppelvilla ans Ufer setzen lassen, um gemeinsam ihre Sommer zu verleben. Hier also, gleich neben dem Örtchen Bernried, im Wuchergrund eines alten Schlossgartens, wo noch vor kurzem weiße Hirsche gezüchtet und zur Schau gestellt wurden, hier hat Lothar-Günther Buchheim endlich ein Gehege für seine Kunst gefunden. Es ist ein Ort im Abseits, ganz buchheimgemäß. Der Wiesenpfad allerdings dürfte sich bald zur Hauptstraße weiten.

Denn Buchheim ist selbst schon eine Art Boulevard mit Sogwirkung: verschrien als größter Raubauz des Kunstbetriebs, gefürchtet als bayerischer Landesmeister des Gully- und Klosettschmähs, bekannt als Autor epischer Boots- und Festungsromane in Millionenauflage. Wirklich geschätzt wird er wegen seines Kunsthorts, in dem er an die tausend Grafiken und etliche Gemälde versammelt hat. Vor allem die Künstler der Brücke, die mit peitschendem Strich und scharfer Farbe alles Gesittete austreiben wollten, die mit zackig gepinselter Hingabe einem arkadischen Leben frönten, hatten in Buchheim früh einen Liebhaber gefunden. Bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnete er in Frankfurt am Main eine Galerie und begann rege mit dieser Kunst des Übersprungs zu handeln, mit Expressionisten, die Hitler hatte auslöschen wollen und die auch in der frühen Bundesrepublik nur wenige Freunde besaßen. Von der Missachtung angestachelt, machte sich Buchheim zum Künder und Kenner, erwarb auf Auktionen zahlreiche Blätter unter Wert, ließ Bildbände, Kalender, Postkarten drucken, schrieb Vorworte und Aufsätze - und wurde zum wichtigsten Fürsprecher der lange Ungeliebten.

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Bis heute ist er ein ungemein glaubhafter Anwalt dieser Künstler, denn nie ging es ihm darum, ihre Bilder wie tote Käfer aufzureihen; er will ihre gefühlvolle Härte, ihre Widerborstigkeit nicht einfrieren, er will sie für sich selber lebendig halten. Andere sammeln, weil sie die Welt ordnen möchten, weil sie von Vollständigkeit träumen, vom großen Überblick im Kleinen. Buchheim hingegen ist kein Kopfgesteuerter, er ist ein Verschlinger: Das Sammeln war ihm stets Weltaneignung und Weltabschirmung zugleich. Obwohl allgemein als Rüpel bekannt, hat er sich selbst oft als Lämmchen bezeichnet, schutzlos und schuldlos. Und womöglich fühlt er sich tatsächlich als reines Seelchen, gut verborgen im dicken Qualm der Wortscharmützel, gut geschützt von seiner selbst geschaffenen Funkelwelt.

In einem alten, großen Haus in Feldafing am Starnberger See trugen er und seine Frau zusammen, was immer ihnen unverfälscht und traumdurchdrungen erschien. Heckel und Kirchner ebenso wie Karussellpferde aus Holz, die Nüstern gebläht, knorzige Wurzelhölzer, Zirkusplakate, Negermasken, Muscheln und am Flurfenster eine Reihe Einmachgläser, randvoll mit Murmeln, schillernd in allen Farben, davor ein graziler Buddha, der Welt entrückt. Alle Schränke, alle Tische werden belagert von den Trouvaillen, von der Kunst und den Kurzwaren eines 83-jährigen Lebens. Allein von den leuchtenden Briefbeschwerern hat er über 3000 um sich versammelt: faustgroße Glaskugeln, die im Inneren die prächtigsten Farben und Formen bergen, unberührbare Welten in der Welt. Die ganze Villa der Buchheims ist eine solche Sehnsuchtskapsel - oder besser: Sie war es.

Zwar sind die meisten Räume immer noch gut gefüllt, doch wurden viele der Kannen und Tassen, der Schattenspielfiguren und Löwenkopfsessel hinüber geschafft an das andere Seeufer, hinein in das neue Museum. Auch die berühmten Gemälde und Grafiken sind dort nun zu sehen, Buchheims selbst gezeichnete Bilder ebenfalls, genauso wie seine Fotografien. Lange hatte er nach einem solchen Schatzhaus gesucht, fast ein Vierteljahrhundert verhandelte er mit Stadtvätern und Museumsdirektoren, ließ sich schmeicheln und umgarnen, wurde mit Professorentiteln und Neubauversprechen geehrt und gelockt, doch im letzten Moment zuckte er stets zurück. Natürlich gab es dafür immer Gründe, mal fehlte es den Städten an Geld, mal wollte man nur seine Bildersammlung zeigen und nicht seine Wunderkammern. Doch kündet das quälende Hin und Her auch von Buchheims Angst vor dem Abschied. Er, der immer mit den Dingen, in den Dingen und durch die Dinge gelebt hatte, fürchtete sich davor, das mühsam Vereinnahmte mit allen teilen zu müssen und damit auch ein Stück seiner selbst zu verlieren. Nach nichts sehnte er sich mehr als nach Aufwertung, doch insgeheim ahnte er wohl, dass ihm die Anerkennung der Mächtigen etwas von seiner Eigenart rauben könnte. Denn was bleibt von einem Ketzer, wenn er plötzlich aufgenommen wird ins Allerheiligste?

Also schlug er alle Angebote der Großen aus, zog sich zurück ans Seeufer, dorthin, wo kein anderer Name sich über seinen legen konnte. Und dennoch ist ihm nun die Eröffnung des Museums keine Erfüllung. Vor allem der Architekt Günter Behnisch erfährt all seinen Zorn, obwohl Buchheim dessen Entwurf einst zugestimmt hatte. Besser wäre es gewesen, sagt er grummelnd, ich hätte es selbst gebaut - denn das war immer schon sein Lebensmotto: Nur was Buchheim ist, kann Buchheim auch gefallen.

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