L I T E R A T U R

Gerühmt und unbekannt

Er hat den Rang von James Joyce und Robert Musil, er beeinflusste Elias Canetti und Michel Foucault. Aber wer liest Hermann Broch?

Gestern Nacht erschien mir ein Geist in Gestalt einer Dame der neunziger Jahre (die merkwürdigerweise an Claire Goll gemahnte), und sie präsentierte mir zwei brennende Kerzen: ,Du kannst sie nach deiner Wahl als Wunschtraum oder als Angsttraum benützen, aber nicht beides zusammen.' Da wußte ich, daß sie im ersten Fall zwei Penisse, im zweiten (Totenkerzen) zwei letzte Lebensjahre bedeuten; ich entschied mich zu letzterem und werde demnach, wie ich mit Schrecken feststellte, Ende 1951 zu sterben haben."

Broch teilte diesen Traum Anfang März 1950 Erich von Kahler mit, seinem Freund und Gefährten im amerikanischen Exil. In vielen Briefen dieser Monate spricht der Autor von seinem körperlichen Verfall und seinen Depressionen. Er führte ein, wie er es nannte, "unterproletarisches Dasein", hatte kaum genug zum Überleben, wohnte in einem winzigen Appartement auf der Grenze zum Slum von New Haven. Alles ging über seine Kräfte: die selbst auferlegten theoretischen und dichterischen Arbeiten, die zeitraubende Korrespondenz und die nicht nachlassenden Ansprüche an seinen Eros wie an seine legendäre Hilfsbereitschaft. Der Autor starb 46-jährig nicht erst Ende 1951, wie er erwartet hatte, sondern bereits ein halbes Jahr früher, am 30. Mai. Das war vor 50 Jahren.

Seitdem ist Broch gleichzeitig bekannt und unbekannt. Fast jeder literarisch Interessierte hat einmal von seinen Romanen Die Schlafwandler oder Der Tod des Vergil gehört, aber ein Lesebuchautor oder ein Schriftsteller, über dessen Werk an germanistischen Instituten regelmäßig Seminare abgehalten würden, ist er nicht.

Als Broch die zitierten Zeilen an seinen Freund schickte, wurde er gerade von europäischen und amerikanischen Schriftstellerkollegen für den Nobelpreis vorgeschlagen. Das Nobelpreiskomitee in Stockholm wendete sich mit der Bitte um Information und Bewertung auch an die Akademie der Wissenschaften in Wien. Die Antwort war so kurz, dass sie auf einer Postkarte Platz hatte; sie lautete dahingehend, dass ein Dichter mit dem Namen Hermann Broch in Wien nicht bekannt sei.

30 Jahre später erhielt Elias Canetti, einer der Wiener Freunde Hermann Brochs, den Nobelpreis für Literatur. In seiner Dankesrede würdigte Canetti jene Dichter aus dem österreichischen Kulturkreis, die ihn beeinflusst hatten: Karl Kraus, Franz Kafka, Robert Musil und Hermann Broch. Canetti betonte, dass er die Auszeichnung stellvertretend für diese vier Schriftsteller entgegennehme, an die der Nobelpreis nicht verliehen worden war. Das wollte mehr sein als eine noble Geste; es war die Reverenz vor Autoren, die zu ihren Lebzeiten kaum Anerkennung gefunden hatten und ohne die ein literarisches Werk wie das Canettis sich anders entwickelt hätte.

Als er entdeckt wurde, war er tot

Broch war es, der Elias Canetti als Erster protegierte. Schon 1933, zwei Jahre bevor Canettis Erstlingswerk Die Blendung publiziert wurde, stellte Broch den 28-jährigen, noch unbekannten Autor dem Wiener Publikum als eine der Hoffnungen der österreichischen Gegenwartsliteratur vor. Damals, 1933, diskutierten die beiden jüdischen Autoren gemeinsam, was Intellektuelle gegen den faschistischen Massenwahn unternehmen könnten. Aus diesen Gesprächen entwickelten sich die Pläne zu ihren Büchern Massenwahntheorie beziehungsweise Masse und Macht, die während des Zweiten Weltkriegs in der Emigration entstanden.

Canetti, Broch, Musil und Kafka ist nicht nur der altösterreichische kulturelle Hintergrund gemeinsam; sie teilen auch das Schicksal, erst spät entdeckt worden zu sein. Kafka war zu seinen Lebzeiten nur einem kleinen Kreis von Literaturkennern in Prag und Wien ein Begriff; Musils Verbitterung über die Resonanzlosigkeit seines Mannes ohne Eigenschaften ist bekannt; Hermann Brochs Entdeckung begann erst nach seinem Tode, und Canetti war bereits in den Sechzigern, als sein Ruhm begann.

Bei Broch ist die verstärkte Rezeption in den deutschsprachigen Ländern nicht denkbar ohne die Resonanz, die seine Bücher vorher in den angelsächsischen Ländern erlebt hatten. In England setzte sich Aldous Huxley für ihn ein; er bezeichnete Broch 1932 als den einzigen ernst zu nehmenden Autor deutscher Sprache. In den USA war es zur gleichen Zeit der junge Thornton Wilder, der nicht müde wurde, seine amerikanischen Freunde von der Qualität der Schlafwandler-Trilogie zu überzeugen. Und amerikanische beziehungsweise nach Amerika emigrierte europäische Intellektuelle edierten die erste Broch-Ausgabe in den fünfziger Jahren: Hannah Arendt, Erich von Kahler, Robert Pick und Hermann J. Weigand.

In den fünfziger und sechziger Jahren erkannte die Literaturwissenschaft die zentrale Rolle, die Broch für den modernen Romans gespielt hatte; im Rückblick lokalisierte die Germanistik den Standort des Romanciers Broch in einer Gruppe avantgardistischer Autoren. Man sah Broch jetzt als Verwandten von James Joyce, André Gide, Aldous Huxley, Robert Musil und Alfred Döblin.

Seit Mitte der siebziger Jahre werden bis in die Spitzen der internationalen Politik die Menschenrechte erneut diskutiert und propagiert. In diese Diskussion wurden nun auch Brochs Beiträge zur Menschenrechtstheorie einbezogen, die bisher gänzlich unbeachtet geblieben waren. Es meldeten sich Politologen wie Anton Pelinka und Publizisten beziehungsweise Schriftsteller wie Harry Pross und Villy S“rensen zu Wort, die auf die Bedeutung dieser Aufsätze hinwiesen.

Auch solche Teile seines Werks fanden jetzt ein Publikum, die bisher ignoriert worden waren, zum Beispiel seine beiden Dramen. 1932 schrieb Broch sein erstes Stück, dem er den Titel Die Entsühnung gab. Es ist ein sozialkritisches Drama, in dem geschildert wird, wie ein deutscher Großunternehmer während der Wirtschaftskrise von 1930 mit kommerziellen Tricks mittelgroße Betriebe sich durch Konkurrenz gegenseitig aufreiben lässt, um sie dann mit Gewinn seinem Konzern einzufügen. Brochs Entsühnung steht in der Tradition der Wirtschafts- und Industriedramen der so genannten Neuen Sachlichkeit, hat aber gleichzeitig einen expressionistisch-utopischen Schluss. Interessant, wie Broch Männer- und Frauenwelt konfrontiert: Die Männer sind Ideologien verfallen und können, im Gegensatz zu den Frauen, zu keiner Synthese von Vernunft, Verstand und Gefühl gelangen. 1994 - 60 Jahre nach der Zürcher Uraufführung - stand Brochs Entsühnung erneut in Zürich auf dem Spielplan. In beiden Fällen fanden die Aufführungen Beifall. 1934 schrieb Broch eine Komödie, in der er den gleichen Stoff wie in der Tragödie behandelt: Es geht wieder um fragwürdige Wirtschaftsmanipulationen und Börsenmanöver. Der Titel lautet Aus der Luft gegriffenoderDie Geschäfte des Baron Laborde.

Seine Dramen sind politisch

Der Baron Laborde ist ein genialer Hochstapler. Es gelingt ihm, die Gründung einer Ölgesellschaft vorzutäuschen. Mit nie gefördertem Petroleum macht er die windigsten Geschäfte. Auch dieses Stück zeugt von Brochs Theatertalent. Zu seinen Lebzeiten ist diese Komödie nicht gespielt worden; in den achtziger und neunziger Jahren aber ist sie mit Erfolg in Wien, Berlin und Paris aufgeführt worden.

Ein internationaler Theatererfolg war in den achtziger Jahren auch Die Erzählung der Magd Zerline aus dem Novellenroman Die Schuldlosen. Diese monologische Erzählung lässt sich leicht zum Einakter umarbeiten. Jeanne Moreau brillierte in der Rolle der Zerline. Sie gastierte damit in fast allen Metropolen der westlichen Welt. Ein Vierteljahrhundert zuvor hatte sie die weibliche Hauptrolle in Antonionis Film La Notte (Die Nacht) von 1961 gespielt. Das Mittelstück dieses Films zeigt die Party bei der Millionärsfamilie Gherardini in Mailand. Darin fungiert Brochs Roman I Sonnambuli (Die Schlafwandler) als Leitmotiv. Das sich entfremdende Ehepaar Pontano wird gespielt von Marcello Mastroianni (als Giovanni) und Jeanne Moreau (als Lidia). Der Verlust menschlicher Beziehungen, das Gefühl der Entfremdung, die Leere des städtischen Alltags, die Isoliertheit des Intellektuellen: all das sind Themen, die Brochs Romantrilogie und Antonionis Film gemeinsam haben.

Eine vergleichbar direkte, wenn auch ironisch gebrochene Anspielung auf Brochs Schlafwandler findet sich in einem der bekannteren amerikanischen Romane der Gegenwart, in William Gaddis' umfangreichem Buch JR von 1975. Eine Randfigur dort ist der Bildhauer und Maler Schepperman, ein psychisch labiler Künstler, vor dessen unvorhersehbaren Aggressionen er wie seine Mitmenschen geschützt werden müssen. Während eines Tobsuchtsanfalls Scheppermans, so berichtet ein Freund, habe er ihm aus Hermann Brochs The Sleepwalkers vorgelesen: das einzige Mittel, mit dem der schwierige Künstler habe zur Ruhe gebracht werden können. Um eine als Kompliment gemeinte Anspielung handelt es sich bei Thomas Bernhards Auslöschung. Da wird der zweite Teil der Trilogie (Esch oder die Anarchie) zu den Büchern gerechnet, auf die der Erzähler nicht verzichten könnte. Peter Handke hat mit der Figur des Esch in der Erzählung Langsame Heimkehr eine Verbindung zu Broch hergestellt. Hier wie dort spielt das Thema der Erlösung eine zentrale Rolle.

Albert Einstein und C. G. Jung haben sich in Briefen darüber geäußert, wie existenziell sie vom Tod des Vergil berührt worden seien. In den fünfziger Jahren entdeckte der einflussreiche Pariser Kritiker Maurice Blanchot Den Tod des Vergil für die Avantgarde der französischen intellektuellen Jugend. Erinnert sei an Blanchots Buch Der Gesang der Sirenen, das ein Kapitel über Broch enthält. Mit seiner Begeisterung für den Tod des Vergil steckte Blanchot seine jungen Freunde Michel Foucault und Jean Barraqué an. Der avantgardistische Komponist Barraqué beschäftigte sich ein Leben lang mit dem Tod des Vergil. Sein fragmentarisches Werk Le temps restitué, das als sein wichtigstes gilt, wurde durch Brochs Roman inspiriert. Auch bei Foucault war das Interesse am Tod des Vergil außerordentlich. Wenn es in Foucaults Fall Ellen West um einen Menschen geht, der dem Sterben und dem Tod verfallen ist, so sind die Reflexe der Broch-Lektüre unverkennbar.

Eine interessante Anspielung auf Brochs Tod des Vergil findet sich in dem Roman Das Rätsel der Ankunft (The Enigma of Arrival) bei V. S. Naipaul. Dieser postkoloniale Autor, Sohn einer indischen Familie auf Trinidad, lebt seit 1950 in England. Im zweiten Kapitel (Die Reise) schildert er, wie er einmal vorhatte, eine traumhafte Geschichte zu schreiben, die angeregt war durch ein frühes surrealistisches Gemälde von Georgio de Chirico mit dem Titel Das Rätsel der Ankunft. Auf diesem Bild sind in halb antiken, halb modernen Umgebungen klassisch-römische, mediterrane Motive zu finden. Angeregt durch Chirico sollte Naipauls Geschichte zur Zeit der Antike im Mittelmeerraum angesiedelt sein. Sie würde die Ankunft einer Person auf einem Schiff in einem Hafen voller Trostlosigkeit schildern. Der Reisende drohe vom Leben und Lärm der Stadt verschlungen zu werden; ihn würde ein Gefühl von Panik und Sinnlosigkeit, von Qual und Tod überkommen. Anregungen zu den Themen von Reise und Meer würde er, schreibt Naipaul, sicher bei Vergil finden. Ist Naipauls Idee ohne Brochs Tod des Vergil, dessen erstes Kapitel Wasser - Die Ankunft lautet, denkbar? Eine überraschende Koinzidenz: Auch Broch schätzte Chirico, kannte wahrscheinlich dessen Rätsel der Ankunft und wünschte sich 1946 ein Bild Chiricos für den Umschlag der europäischen Ausgabe seines Vergil-Romans.

Er zielt auf ethische Wirkung

Sozialwissenschaftler und Historiker wie Eric W. Voegelin und Gordon A. Craig haben auf die Relevanz der Schlafwandler zum Verständnis der modernen europäischen Geschichte hingewiesen. Das Interesse an diesen Büchern ist unvermindert groß. Eine Reihe bekannter Autoren wie der Mexikaner Carlos Fuentes, die Amerikanerin Susan Sontag, der Inder Khushwant Singh, der in Frankreich lebende Exiltscheche Milan Kundera und die Österreicherin Barbara Frischmuth haben betont, dass sie durch Brochs Romane Impulse für ihr eigenes dichterisches Schaffen erhalten haben. Frischmuth ist zu ihrer Demeter-Trilogie durch Brochs Demeter-Roman Die Verzauberung angeregt worden. Milan Kundera ließ in den achtziger Jahren kaum eine Gelegenheit aus, auf Broch als einen der wichtigsten Autoren unseres Jahrhunderts hinzuweisen. In Ernst-Wilhelm Händlers Roman Fall von 1997 wird Broch häufig genannt und seine Beziehung zu Musil und Canetti erörtert.

Wie sehr das dichterische und das politische Engagement bei Broch miteinander verflochten waren, zeigen alle seine Arbeiten. Literatur war Broch nie ein Selbstzweck. Kulturkritik, Dichtung, Briefe, politische Essayistik und Massenpsychologie werden gleichzeitig unter dem Aspekt ethischer Wirkung eingesetzt. Wichtig waren ihm, dem rassisch und politisch Verfolgten, Gerechtigkeit, Etablierung und Schutz der Menschenrechte, friedliche Konfliktlösungen und die Verhinderung von dem, was er "historische Fehlsituationen" nannte. Solche Fehlsituationen hatten sich durch Nationalsozialismus und Stalinismus ergeben. Wegen ihrer Weitsicht, Klarheit und ethischen Ausrichtung sind die politischen Arbeiten Brochs nach wie vor lesenswert. Das zeigte sich erneut nach dem Ende des Kosovokrieges, als die junge serbische Dramatikerin Ana Miljanovic ein Drama schrieb und in Belgrad aufführte, das auf dem Briefwechsel 1945 bis 1949 zwischen Hermann Broch und Volkmar von Zühlsdorff basiert. Milanovic erkennt eine Parallele zwischen der Schuldverstrickung und der Isolierung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg und Serbiens nach dem Krieg auf dem Balkan.

Auch ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod ist Brochs Werk noch zu wenig bekannt. Seinen Ruhm begründeten die Romane, die Studien zu Themen wie Kitsch und Mythos und zu Autoren wie James Joyce und Hugo von Hofmannsthal. Noch zu entdecken ist sein Nachlasswerk, die Massenwahntheorie. Dort beschreibt Broch, wie die Demokratien sich gegen totalitäre politische Strömungen zur Wehr setzen müssen. Es ist eine Studie, die in Zeiten zunehmender Gewalt von rechts wenig an Aktualität eingebüßt hat.

Paul Michael Lützeler ist Herausgeber der 13-bändigen kommentierten Hermann-Broch-Werkausgabe, die im Suhrkamp Verlag erschienen ist. Er lehrt Germanistik an der Washington University in St. Louis, Missouri

Die Ausstellung "Hermann Broch 1896-1951" wird noch bis zum 8.Juli im Schiller-Nationalmuseum, Marbach, zu sehen sein

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  • Von Paul Michael Lützeler
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