I N T E R V I E W "Dies hier ist mein Business"
ZEIT-Gespräch mit Nigerias Präsidenten Olusegun Obasanjo über sein zerschundenes Land
DIE ZEIT: Nigeria sei einer der korruptesten, untüchtigsten Landstriche unter der Sonne, meint der Dichter Chinua Achebe. Was sagt der Präsident dieses Landes dazu?
Olusegun Obasanjo: Ab und zu müssen wir übertreiben, damit unsere Landsleute wachgerüttelt werden und umdenken. Es gibt Tage, da kann einen Nigeria zur Verzweiflung treiben. Man schaut sich um und fragt sich: Gibt es irgendeinen Ausweg aus der Misere? Wird sich je etwas verbessern? Manche Zeitgenossen halten die Lage für hoffnungslos und werfen das Handtuch.
ZEIT: Wenn sie zum Beispiel beim Tanken wieder einmal feststellen müssen, dass es in Nigeria, dem sechstgrößten Ölproduzenten der Welt, kein Benzin gibt.
Obasanjo: Die Engpässe sind entstanden, weil unsere vier Raffinerien nicht gewartet und mutwillig heruntergeschlampt wurden. Und weil uns die Ersatzteile für Reparaturen fehlen. So sind wir gezwungen, Benzin zu importieren.
ZEIT: Im ölreichen Nigerdelta herrscht ein regelrechter Bürgerkrieg. Die Bewohner der Region fordern eine gerechtere Verteilung der Ressourcen.
Obasanjo: Bürgerkrieg? Ich war erst neulich dort und habe nichts davon bemerkt. Aber es stimmt: Das Delta wurde bislang stark vernachlässigt. Wir werden das ändern. Ich habe eine regionale Entwicklungskommission berufen. Künftig sollen die Völker im Fördergebiet 13 Prozent der Öleinnahmen erhalten. Früher kam dort gar nichts an.
ZEIT: Dennoch fragen viele Nigerianer enttäuscht, wo die "Demokratisierungsdividende" bleibt. Immerhin hat sich der Ölpreis verdoppelt, seit Sie Präsident sind.
Obasanjo: Es geht doch aufwärts. Die Löhne und Gehälter haben sich verdoppelt. Die Auslastung der Produktionskapazitäten ist von 22 auf ungefähr 50 Prozent gestiegen. Die Stromerzeugung wurde erheblich gesteigert. Wir sind dabei, die Infrastruktur, die Straßen, das Schienennetz, die Krankenhäuser zu renovieren. Wasserhähne, die zehn Jahre lang versiegt waren, fließen wieder. Unsere Währungsreserven sind von 3,7 auf 10,5 Milliarden Dollar angewachsen. Die Wirtschaft steht besser da als vor zwei Jahren.
ZEIT: Gleichzeitig haben sich die religiösen und ethnischen Spannungen im Vielvölkerstaat Nigeria verschärft.
Obasanjo: Das war absehbar. Alle Gegensätze wurden 15 Jahre lang unter schweren Militärstiefeln niedergehalten. Nun ist Nigeria frei, und die Probleme kommen wieder hoch. Wir können sie nur im Dialog lösen. Lasst uns debattieren - das ist die wichtigste Errungenschaft der Demokratie.
ZEIT: Aber im Norden gehen Christen und Muslime aufeinander los. Bei den Unruhen im letzten Jahr starben weit über tausend Menschen.
Obasanjo: Leider gibt es immer ein paar schlechte Leute, die ihre Konflikte gewaltsam austragen. Wir müssen diese schwierige Übergangsperiode meistern.
ZEIT: Elf von 36 Bundesländern haben die Scharia eingeführt, das islamische Recht. Sind diese Regionen außer Kontrolle geraten?
Obasanjo: Nein, keineswegs. Jede Religion hat ein Rechtssystem, im Islam ist es die Scharia. Sie gehört zu unseren Traditionen und ist in unserer Verfassung verankert. Zum Problem wird sie erst, wenn sie politisiert wird, um andere zu beherrschen.
ZEIT: Wenn ich als Christ in der Provinz Zamfara mit Alkohol erwischt werde, drohen mir Auspeitschung und Kerker.
Obasanjo: Man hat die Gesetze und Vorschriften einer Gesellschaft zu befolgen. Als ich in Indien war, habe ich auch kein Rindfleisch gegessen. In einigen unserer Bundesländer ist es verboten, öffentlich zu trinken. Aber in Ihren eigenen vier Wänden können Sie saufen bis zur Bewusstlosigkeit.
ZEIT: Beschleicht den Präsidenten angesichts der wachsenden Zentrifugalkräfte nicht manchmal die Furcht, sein fragiler Staat könne zerbrechen?
Obasanjo: Nein, nie. Wir haben jede Menge Sorgen. Aber selbst der Geringste unter uns weiß, dass ein vereinigtes Nigeria besser ist als ein zerstückeltes.
ZEIT: Aber ist dieser Koloss überhaupt regierbar?
Obasanjo: Ich habe ihn zwei Jahre regiert. Zugegeben, das ist nicht einfach. Ein Volk, das so selbstsicher wie die Nigerianer, lässt sich nicht so leicht führen ...
ZEIT: ... und disziplinieren. Im jüngsten Korruptionsindex von Transparency International steht Nigeria wieder auf Rang eins. Sie waren im Vorstand dieser Organisation. Jetzt wirft man Ihnen vor, zu wenig gegen das Unwesen zu unternehmen.
Obasanjo: Zu Unrecht. Ich habe eine Reihe von korrupten Leuten rausgeschmissen; mit einem Staatssekretär im Verteidigungsministerium fing es an. Wir haben ein Antikorruptionsgesetz verabschiedet - wie viele Staaten der Welt haben ein vergleichbares Instrument? Es gibt einen Korruptionsausschuss. Sie sollten uns mehr Zeit geben. Dieses Gestrüpp ist über Jahrzehnte gewachsen.
ZEIT: Nigeria ist der reiche Mann von Afrika. Warum sollten ihm die Schulden erlassen werden?
Obasanjo: Ein Großteil der Gesamtschulden von 22 Milliarden Dollar wurde von Militärregierungen gemacht. Nun wird die Demokratie damit belastet. Ich frage Sie: Ist das fair? Ist das moralisch zu rechtfertigen? Unsere Streitkräfte haben Frieden gestiftet in Liberia und Sierra Leone - stellvertretend für die Weltgemeinde. Diese Mission hat uns rund 10 Milliarden Dollar gekostet. Sollten wir dafür nicht entschädigt werden?
ZEIT: Ein Totalerlass könne die Kreditwürdigkeit eines Landes ruinieren, warnt Horst Köhler, der Chef des Internationalen Währungsfonds.
Obasanjo: Da widerspreche ich entschieden. Dies hier ist mein Business, nicht seines, das habe ich Mister Köhler gesagt. Das Vertrauen von Investoren entsteht, wenn ein Unternehmen gut läuft. Ist es nicht auch im eigenen Interesse des Nordens, wenn Nigeria ökonomisch, politisch und sozial wieder auf die Beine kommt? Der Handel bewegt die Welt! Nehmen wir an, jeder der 125 Millionen Nigerianer würde pro Jahr 100 Dollar auf dem Weltmarkt ausgeben - das wäre ein zusätzlicher Umsatz von 12,5 Milliarden Dollar. Letztes Jahr haben wir ungefähr vier Milliarden Mark Schuldendienste geleistet. Das Geld wäre besser verwendet, um die Wirtschaft anzukurbeln, um Krankenhäuser und Schulen zu bauen ...
ZEIT: ... oder um Prestigeprojekte wie das neue Fußballstadion in Abuja zu finanzieren. Es soll rund 650 Millionen Mark kosten - den doppelten Jahresetat Ihres Gesundheitsministers!
Obasanjo: Prestigeprojekt? Das sehe ich nicht so. Wir haben vor meiner Amtszeit den Zuschlag für die Afrika-Spiele bekommen - eine gute Gelegenheit, um unseren Ruf als Paria-Staat abzulegen. Zudem wird die Infrastruktur der Hauptstadt verbessert.
ZEIT: Sie gehören zu den entschiedenen Verfechtern der Globalisierung. Viele arme Länder halten sie für ein Teufelswerk der reichen Staaten.
Obasanjo: Globalisierung ist eine gute Sache. Aber erst wenn gleiche Voraussetzungen hergestellt werden, können alle davon profitieren. Ihr sagt uns, wir müssen unsere Märkte für eure Waren öffnen, während ihr eure Märkte geschlossen haltet. Europa schützt sich mithilfe vieler Handelsbarrieren, jeder weiß das. Was sind das für Spielregeln? Der satte und der hungrige Hund können nicht gut zusammen spielen.
Für einen deutschen Arbeiter bedeutet Armut, dass er sich den Urlaub am Mittelmeer nicht mehr leisten kann. Für seinen nigerianischen Kollegen bedeutet es, dass er keine Schuhe hat und nicht weiß, wann die nächste Mahlzeit für seine Familie auf den Tisch kommt. Der wohlgenährte Hund sollte dem hungrigen Bruder ein paar Knochen abgeben.
ZEIT: Afropessimisten prophezeien, dass der Kontinent trotzdem untergehen wird.
Obasanjo: Das ist eine Frage der Wahrnehmung: Ist unser Glas halb voll oder halb leer? Sierra Leone, Somalia - das sind Staaten, die eigentlich nicht mehr existieren. Aber selbst da gebe ich die Hoffnung nicht auf. Oder nehmen Sie den Kongo, dessen größtes Problem sein Reichtum ist. Neulich traf ich Kabila junior und dachte, der ist viel zu jung für den Präsidentenjob. Aber er hat mich beeindruckt. Er kann an der Aufgabe wachsen. Wir müssen ihn dabei unterstützen. Wir - das sind die Führungsmächte Afrikas: Ägypten, Nigeria, Südafrika und Kenia. Aber die Weltgemeinde sollte uns eine helfende Hand reichen. Wenn ein Mann in eine tiefe Grube gestürzt ist, braucht er ein Rettungsseil. Wie soll er sonst wieder herauskommen?
Das Gespräch führte Bartholomäus Grill
Olusegun Obasanjo
"Ich? Präsident? Das war ich schon einmal. Eine gute Henne legt nicht alle Eier ins gleiche Nest." So sprach Exgeneral Olusegun Obasanjo, vormals Militärherrscher Nigerias, 1993 auf seiner Hühnerfarm unweit von Lagos. Heute aber residiert er wieder in der Präsidentenvilla der Hauptstadt Abuja, unter dem mächtigen Aso-Felsen. Schmunzelnd sagt der 64-Jährige: "Selbst ich lerne dazu. Man soll eben nie nie sagen. Ich habe damals ja auch nicht geahnt, dass ich dreieinhalb Jahre im Gefängnis sitzen würde."
Sani Abacha, der Militärdiktator, ließ seinen unbeugsamsten Widersacher wegen eines fingierten Komplotts einsperren. 1998 starb der Despot, im Jahr darauf wurde Obasanjo zum Präsidenten gewählt - ein Amt, um das ihn niemand beneidet.
Denn Nigeria, größte schwarze Nation der Erde und Vormacht Afrikas, ist ein Riese auf tönernen Füßen: geplündert von Gewaltherrschern, heruntergewirtschaftet von korrupten Eliten, zum Zerreißen gespannt durch ethnische und religöse Konflikte. Dazu die Verteilungsschlacht ums Öl: 2,2 Millionen Barrel Tagesproduktion machen Nigeria zur Nummer sechs auf dem Weltmarkt. Dieses steinreiche Land, dessen Bevölkerung in Armut lebt, gleicht einem Pulverfass. Explodiert es, brennt Westafrika.
Kommende Woche ist Obasanjo zwei Jahre im Amt. Er wirkt gelassen und zuversichtlich. Und unerschütterlich wie Sisyphos, den man sich, das hat schon Camus gesagt, als glücklichen Menschen vorzustellen
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