Die Misere, der Publikumsschwund, hat in der Vernachlässigung der Inhaltlichkeit des Theaters eine Hauptursache. Inhaltlichkeit aber wird zuallererst durch den Text vermittelt, und zwar für ein heutiges Publikum am besten durch einen heutigen Text. Auch ich weiß als Zuschauer, wie das Publikum in viel zu vielen Aufführungen, oft nicht, warum ich hier sitze - und Blutstauungen vor Langeweile kriege. Damit wir uns verstehen: Was mir durch die Aufführung geboten werden soll, kann, muss aber nicht eine moralische oder kathartische, gesellschaftskritische, mich bestätigende Botschaft oder Wirkung sein, wohl aber die Steigerung meines Lebensgefühls für ein paar Stunden. Mit welchen Mitteln, ob mit denen der Hexenküche, der intellektuellen Schärfe oder des Zu-Tränen-Rührens, ist mir egal. Hauptsache, es sind keine lahmen Plastikenten am Werk, dann lieber die fragwürdigen Tugendlosen. Aber das Feuer der Überzeugung über die Frage, was auf der Bühne passieren und durch sie transportiert werden soll, glüht und erwärmt nur selten. Ich fürchte, dieser inhaltlosen und grellen Selbstgenügsamkeit wegen bleibt so oft das Publikum weg. Es glaubt den Versprechungen der Theatermacher so wenig wie die wachsende Zahl der Nichtwähler denen der Politiker.

Der vertriebene Dramatiker

Die verächtliche Hintanstellung des Textes hat viele Facetten, Motive und Folgen und ist die Hauptsünde der vergangenen 30 Jahre. Für ältere Zuschauer macht sie sich sicher am unerträglichsten als eigenmächtige, ungeduldige, rechthaberische Veränderung der Klassikertexte bemerkbar, moderne Klassiker einbezogen - Ficken bei Schiller. Bitte gern heutige Sichtweisen, aber bitte keine einfältige eigene Regisseursprache, so fade in ihrem äußerlichen Aktualisierungsversuch, dass ich wieder meine Blutstauungen kriege.

Die Veränderungswut gegenüber dem Text, ja schon die jahrzehntelange Bevorzugung von Klassikern, hatte allzu oft in der Habgier der Regisseure ihren Grund. Sie konnten sich mit Übersetzungen - und erstaunlich, wer alles Russisch, Italienisch, Norwegisch, Englisch beherrschte - und "Bearbeitungen" zusätzlich zur Gage noch eine Tantieme ergattern. Neue Autoren mussten von diesem Futtertrog möglichst weggehalten werden.

Ein kleiner Zwischenbericht an dieser Stelle zur finanziellen Situation eines Dramatikers. Die deutschen Stadt- und Staatstheater sind zu zirka 85 Prozent subventioniert, nur 15 Prozent entstammen dem Kartenverkauf an der Kasse. Aber nur von der Kasse bezieht der Autor seine Tantiemen, zirka 15 Prozent. Nur er und der freiberufliche Übersetzer haben unmittelbar unter dem Publikumsschwund zu leiden. Der Regisseur und alle anderen am Theater Beschäftigten werden kassenunabhängig bezahlt. Die Stücke eines neuen Autors werden üblicherweise im Studio gespielt - dafür bekommt er im Durchschnitt ein Pauschalhonorar von 200 Mark pro Abend, durchschnittliche Aufführungszahl: 15. Falls das Stück ein Riesenerfolg wird, erlebt es sechs bis acht Inszenierungen pro Spielzeit, das bringt dem Autor ein Jahreseinkommen von etwa 20 000 Mark, mit einem Verlagsanteil, der kaum die Kosten deckt. Hat der Autor mehrere Stücke auf dem Spielplan, kann es günstiger aussehen, aber nie summieren sich die Einnahmen geradlinig über mehrere Spielzeiten. Zum Vergleich: Die Leitungsteams aller westdeutschen Bühnen zusammen verdienten 1989 das Achtfache aller Autoren zusammengenommen, und zwar ausschließlich der Tantiemen für die hausinternen so genannten Übersetzungen und Bearbeitungen und selbst geschneiderten Weihnachtsmärchen, die selbstverständlich alle im großen Haus gespielt wurden.

Dass die desolate finanzielle Ausgangslage Einfluss auf alle hatte, die für das Theater schreiben wollten, liegt auf der Hand. Dennoch stimmt es nicht, wenn Jürgen Flimm im Gespräch mit Gerhard Jörder (ZEIT Nr. 14/01) suggerieren will, die Dominanz der Regisseure seit etwa 30 Jahren sei im "Defizit an zeitgenössischer Literatur begründet". Es gab genügend wichtige Texte - etwa von Weiss, Kipphardt, Hochhuth, Dorst, Kroetz, Strauß, Heiner Müller bis Bernhard, Turrini, Tabori, Jelinek, Schwab, ganz zu schweigen von den vielen fremdsprachigen Autoren. Ebenso entscheidend aber wirkt sich das Interesse der Theaterleitungen aus: Einige Intendanten und Verwaltungsdirektoren haben sich mit einem Geiz gegen die bessere Bezahlung, also Förderung neuer Autoren gestemmt, der von empörender Geringschätzung der Urheber sprach, der Autoren, von deren Werk das Theater lebt.

Die Machtposition des Regisseurs im deutschen Theater datiert aus den 68er Jahren, als an den Bühnen die Mitbestimmungsdebatte an Bedeutung gewann. Diese ging von den Schauspielern aus und richtete sich gegen das autoritäre Intendanten- und Startheater. Den Star hat dieser Aufstand vertrieben, damit wurde viel Geld frei. An die Position des Stars trat der Regisseur, der - Peter Stein ist prototypisch - zunächst mit einem engagierten zeitgenössischen Stück zur Karriereeröffnung antrat und mit der echten Bereitschaft, die Arbeit mit den Schauspielern an die Stelle autoritären Regiediktats zu setzen.