Die Jury folgt dem Fluss der Tränen

Bei den 54. Filmfestspielen von Cannes wurden wieder einmal nicht die besten Werke preisgekrönt

Film ist Wahrheit 24-mal in der Sekunde, hat Godard einmal gesagt. Das Zitat belegt noch immer einen Spitzenplatz in der Hitliste unvergänglicher Kinoweisheiten. Der Satz donnert wie ein Fausthieb auf den Tisch. Dabei verdeckt seine Wucht, dass eher etwas anderes gilt, fast das Gegenteil: Film ist Ungewissheit - wenn nicht 24-mal in der Sekunde, dann wenigstens in jedem Augenblick, in dem der Zuschauer bewusst auf die Leinwand sieht. Nie kann er wissen, was eine Einstellung "wirklich" bedeutet, und womöglich kommt das Kino gerade dort zu sich, wo der Raum zwischen dem, was eine Szene zeigt, und dem, was man daraus "lesen" kann, offen bleibt und ins Weite weist.

Es streiten sich zum Beispiel zwei junge Frauen. Aber nein, sie streiten gar nicht, sondern proben nur eine Streitszene für einen wichtigen Vorsprechtermin, eine ganz triviale übrigens. Aber nein, die Szene ist gar nicht trivial, jedenfalls nicht, als Betty sie dann tatsächlich vorspricht und dabei eine Spannung schafft zwischen den faulen Textformeln und den glühenden Gefühlen, die sich dahinter verbergen mögen. Das Vorsprechen ist also ein voller Erfolg. Aber nein, denn der Film, aus dem die Szene stammt, wird niemals gemacht werden. Glücklicherweise gerät Betty gleich in eine weitere Proberunde und tauscht mit dem Regisseur viel versprechende Blicke aus. Trotzdem bekommt eine andere die Rolle. Weil sie besser ist? Aber nein.

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Weil der Regisseur zuvor gezwungen wurde, die Kandidatin der Mafia zu besetzen. Aber wer weiß, ob das alles überhaupt stimmt. Denn in der nächsten Nacht fährt die Kamera in eine kleine blaue Box hinein, und als es wieder hell wird, heißt Betty plötzlich Diane und lebt ein ganz anderes Leben. Ist das ein Albtraum? Ist der Albtraum ausgeträumt? Oder wird nur ein Traum durch einen anderen ersetzt?

Wir befinden uns im neuen Film von David Lynch. Mulholland Drive, benannt nach einer langen, gewundenen Straße oberhalb von Los Angeles, ist ein zweieinhalbstündiges Spiel mit den Orientierungsversuchen des Publikums. Aus diesem Spiel geht der Regisseur eindeutig als Sieger hervor. Der Zuschauer wird mehrfach aus der Kurve getragen. Er gibt sich allerdings nie geschlagen.

Immer wieder versucht er, zurück auf die Fahrbahn zu gelangen und dann die Schilder besonders aufmerksam zu lesen. Doch auf Lynchs lost highway sind alle Markierungen trügerisch, mitunter kreuzen magische Gestalten den Weg, oder der Weg knickt überraschend in eine andere Dimension ab. Manchmal muss man rasen, manchmal bewegt man sich im Zeitlupentempo, dann scheinbar im Rückwärtsgang. Ans Ziel kommt man nie. Bestenfalls erkennt man eine Kreuzung wieder, an der man früher schon einmal abgebogen ist, natürlich in eine andere Richtung.

War also alles umsonst? Aber nein. Denn der Weg ist das Ziel. Lynchs neues Werk (ursprünglich als Pilotfilm für eine Fernsehserie konzipiert, die der US-Sender ABC nun nicht mehr produzieren will) beschwört in jeder Szene die große Ungewissheit, die ewig unsere Aufmerksamkeit entflammt, es feiert das Kino - und womöglich auch das Leben - als Geheimnisgenerator. Wenn uns Mulholland Drive am Ende ein Rätsel bleibt: umso besser. Keine Lösung könnte so spannend sein wie die Suche nach ihr. Und kein Filmemacher verzehrt so restlos und so wirkungsvoll wie David Lynch alle Substanz, um sie umzuwandeln in reine Faszination.

Im Wettbewerb von Cannes lief Mullholland Drive am selben Tag wie Godards neuer Film Eloge de l'amour, und beim Direktvergleich der beiden Rätselwerke schneidet Lynch eindeutig besser ab. Lynchs Mystery-Maschine bezieht ihre Energie immer auch vom Herzschlag des Publikums, von dessen Furcht und Fantasie. Godards wucherndes Konzeptalbum über Liebe, Widerstand und Gedächtnis kennt kein Gegenüber. Godard türmt und verschränkt und spiegelt und übermalt Berge von Zitaten, Anspielungen, Kalauern und Gedanken

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