Gestern Nacht erschien mir ein Geist in Gestalt einer Dame der neunziger Jahre (die merkwürdigerweise an Claire Goll gemahnte), und sie präsentierte mir zwei brennende Kerzen: ,Du kannst sie nach deiner Wahl als Wunschtraum oder als Angsttraum benützen, aber nicht beides zusammen.' Da wußte ich, daß sie im ersten Fall zwei Penisse, im zweiten (Totenkerzen) zwei letzte Lebensjahre bedeuten

ich entschied mich zu letzterem und werde demnach, wie ich mit Schrecken feststellte, Ende 1951 zu sterben haben."

Broch teilte diesen Traum Anfang März 1950 Erich von Kahler mit, seinem Freund und Gefährten im amerikanischen Exil. In vielen Briefen dieser Monate spricht der Autor von seinem körperlichen Verfall und seinen Depressionen. Er führte ein, wie er es nannte, "unterproletarisches Dasein", hatte kaum genug zum Überleben, wohnte in einem winzigen Appartement auf der Grenze zum Slum von New Haven. Alles ging über seine Kräfte: die selbst auferlegten theoretischen und dichterischen Arbeiten, die zeitraubende Korrespondenz und die nicht nachlassenden Ansprüche an seinen Eros wie an seine legendäre Hilfsbereitschaft. Der Autor starb 46-jährig nicht erst Ende 1951, wie er erwartet hatte, sondern bereits ein halbes Jahr früher, am 30. Mai. Das war vor 50 Jahren.

Seitdem ist Broch gleichzeitig bekannt und unbekannt. Fast jeder literarisch Interessierte hat einmal von seinen Romanen Die Schlafwandler oder Der Tod des Vergil gehört, aber ein Lesebuchautor oder ein Schriftsteller, über dessen Werk an germanistischen Instituten regelmäßig Seminare abgehalten würden, ist er nicht.

Als Broch die zitierten Zeilen an seinen Freund schickte, wurde er gerade von europäischen und amerikanischen Schriftstellerkollegen für den Nobelpreis vorgeschlagen. Das Nobelpreiskomitee in Stockholm wendete sich mit der Bitte um Information und Bewertung auch an die Akademie der Wissenschaften in Wien.

Die Antwort war so kurz, dass sie auf einer Postkarte Platz hatte

sie lautete dahingehend, dass ein Dichter mit dem Namen Hermann Broch in Wien nicht bekannt sei.