Im Herzen der Peinlichkeit
Ralf Kabelka ist als "Dr. Udo Brömme" Harald Schmidts Mann für die Außenpolitik
Es gibt bei Kafka diesen Mann vom Land, der vor dem Gesetz steht und hineinwill. Ein Türhüter verwehrt ihm den Zugang. Der Mann vom Land setzt sich auf einen Schemel und wartet viele Jahre. Immer wieder will er den Türsteher bestechen, aber der andere bleibt hart. Am Ende wird der Mann vom Land greisenhaft kindisch und verbündet sich mit den Flöhen im Pelzkragen des Türstehers, damit die ihren Herrn überreden, den Weg zum Gesetz freizugeben.
Alles zwecklos. Der Mann vom Land stirbt, und der Türhüter brüllt in sein vergehendes Gehör: "Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn." Oh, ihr armen Frauen und Männer vom Land, die ihr nie hineingelassen wurdet ins Innerste, es gibt einen, der nicht vom Land kommt, sondern aus Düsseldorf, und der rächt euch nun. Dieser Mann hätte sich vor Kafkas Türsteher aufgebaut, das spitze Kinn gereckt, einen unlesbaren Ausweis gezückt und also gesprochen: "Einen herzlichen guten Tag, ich bin der Doktor Udo Brömme vom Landtag Düsseldorf, ich geh am besten mal gleich durch."
Dem Türhüter wäre der Mund offen stehen geblieben, und Brömme wär mal gleich durchgegangen. Ein Kameramann und ein Beleuchter wären ihm gefolgt und die Flöhe des Türhüters obendrein. Und sie wären ohne Furcht durchs finstere Gesetz hindurchmarschiert und heiter auf der anderen Seite wieder herausgekommen. Denn Durchmarschieren ist das, was Dr. Brömme am besten kann.
Dr. Brömme, CDU-Abgeordneter, Jurist und Betriebswirt, ehemaliger Chef der Kölner Jungen Union, ist eine Erfindung aus der Gagschreiberredaktion von Harald Schmidt. Irgendwann im letzten Sommer ist Schmidt häuslich geworden
er hat seinen Studioleiter Manuel Andrack als ständige Anspielstation auf die Bühne geholt und verlässt seinen Moderatorensessel nur noch für die Standup-Phase, das Auftaktsolo. Schmidt ging in den Innendienst. Seitdem hat er seine Leute, die für ihn Kontakt zur Außenwelt halten. Da brauchte man einen Politiker, einen Helden der Volksnähe, der sich nicht schämt, wenn es schlimm wird. Irgendwas zwischen Westerwelle, Merz und Wulff eben, sagten die Redakteure, und ihre Blicke fielen auf den unschuldigen Gagschreiber Ralf Kabelka, 36. Offenbar, sagt Kabelka, habe er die typische Junge-Union-Politikerschnauze, und so habe man ihm keine Wahl gelassen und ihn mit einem Kamerateam losgeschickt zum Landtagswahlkampf in die Kölner Innenstadt.
Auf dem Domplatz lernte Kabelka, der privat ein besonnener, ruhiger, sympathischer Herr ist, den Dr. Brömme in sich kennen: Etwas an Kabelka will genau ins Herz der Peinlichkeit. Die Kamera schiebt ihn zum Abgrund, bis es kein Zurück gibt, ein Opfer muss jetzt her, des Doktors rechte Hand schiebt sich vor wie ein Sägeblatt. Überfallhandschlag, Grinsen, Schnauze einschalten. "Ich hab Sie auf meiner Seite? Zukunft ist gut für alle!" Brömme geht in die Löwenhöhlen, in die Sackgassen, wo Flucht nicht mehr möglich ist und Volksvertreter und Volk einander wie ertappt gegenüberstehen. Man hat sich nichts zu sagen, man weiß nichts vom anderen. Jedoch, "wenn du mit der Kamera kommst, werden keine Fragen mehr gestellt", sagt Kabelka. Die Vernunft der Leute ist betäubt, entweder weil sie sich gesegnet fühlen oder aber weil sie nackte Angst haben.
Kabelka muss selbst ein Mann der Angstlust sein. Er mischt sich während der Fußball-EM 2000 als Dr. Brömme mit dem Megafon unter englische Schlachtenbummler, kurz vor dem Spiel gegen Deutschland: "Was seid ihr nur für Menschen? Liebe englische Mitbürger, Gewalt ist keine Lösung." Er geht in der größten BSE-Not in eine Kneipe beim Schlachthof und spendiert eine Runde deutsches Rinderhirn. Er reist nach Berlin, um die Love Parade aufzulösen ("Bitte eine Gasse bilden. Und keine Drogen! Meine Herrschaften, hier gibt's nichts zu sehen. Gehen Sie nach Hause.")
Auch seine historische Meisterleistung bietet Brömme in der Hauptstadt. Er steht vor dem Gesetz und kommt natürlich hinein. Erst hält er im Reichstag eine Rede, dann dringt er mit einem geliehenen BMW, auf dessen Dach er eine Partyleuchte geklebt hat, ins Kanzleramt vor ("Kommen Sie nach oben, aber machen Sie die Kamera aus"), zuletzt stellt er die CDU-Chefin: "Angela, man hat mich gerufen, um nach dem Rechten zu sehen. Ich bin jetzt da, wir können reden." Angela ließ den Kerl mit dem spitzen Kinn nach einem fast verzweifelten Handschlag stehen, sah ihm aber aus dem Rückfenster ihrer Dienstlimousine lange und mit zerfurchter Stirn nach.
Wenn er nicht den Dr. Brömme gibt, sitzt Ralf Kabelka von 9 bis 18 Uhr in der Redaktion der Harald Schmidt Show in einem alten Fabrikgebäude in Köln-Mülheim. Er durchforstet die deutsche Presse nach Pointenstoff, versorgt externe Gagschreiber mit Themenvorschlägen und trägt sein Material pünktlich in die Redaktionskonferenzen. Er ist ein uneitler Ideensammler und ein Bewunderer seines Chefs. Sobald er aber das Brömme-Kostüm trägt (Mantel mit Cordrevers, Aktentasche), erwacht in ihm eine schlingensiefsche Sehnsucht nach Decouvrierung, die Lust am unerträglichen Moment. Und die Ranschmeiß- und Verbindlichkeitsrhetorik unzähliger Politikerauftritte fließt in herrlicher Rede aus einer sehr kalten Schnauze. Kabelka hat sich alles gemerkt, er hat zu viel ferngesehen in seinem Leben, und aus all den "Premiumerscheinungen", denen er zusah, hat sich dieser Brömme entwickelt.
Kabelka ist sozusagen Wallraffs unmoralischer Lehrling: ein Enthüller der Oberflächen. Wo die 68er in die Zentren der Macht eindrangen mit dem Gestus des Demontierens und des Aufklärens, da ist Brömme, ein Held der so genannten Zaunkönig-Generation, damit zufrieden, wenn er in den Zentren mal schnell die Hosen runterlassen kann. Brömmes Chuzpe hat seltsame Folgen: Die Macht wird weich wie eine gekochte Zwiebel. Eine Schale nach der anderen löst sich, der Kern ist nicht zu finden. Sehr weit ist Brömme, der Mächtige des Augenblicks, von jenen, die sich auf den großen Bühnen dauerhaft tummeln, nicht entfernt.
Um nach oben zu kommen, kann es sicher nicht schaden, die Nerven eines Hochstaplers und die Schnelligkeit eines Stand-up-Komikers mitzubringen. Der Unterschied ist nur dieser: Kabelka kann loslassen. Und, verbündet mit den Flöhen des Türstehers, gelöst zurück ins Freie streben.
- Datum 23.05.2001 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22/2001
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