Im Herzen der PeinlichkeitSeite 2/2
Auch seine historische Meisterleistung bietet Brömme in der Hauptstadt. Er steht vor dem Gesetz und kommt natürlich hinein. Erst hält er im Reichstag eine Rede, dann dringt er mit einem geliehenen BMW, auf dessen Dach er eine Partyleuchte geklebt hat, ins Kanzleramt vor ("Kommen Sie nach oben, aber machen Sie die Kamera aus"), zuletzt stellt er die CDU-Chefin: "Angela, man hat mich gerufen, um nach dem Rechten zu sehen. Ich bin jetzt da, wir können reden." Angela ließ den Kerl mit dem spitzen Kinn nach einem fast verzweifelten Handschlag stehen, sah ihm aber aus dem Rückfenster ihrer Dienstlimousine lange und mit zerfurchter Stirn nach.
Wenn er nicht den Dr. Brömme gibt, sitzt Ralf Kabelka von 9 bis 18 Uhr in der Redaktion der Harald Schmidt Show in einem alten Fabrikgebäude in Köln-Mülheim. Er durchforstet die deutsche Presse nach Pointenstoff, versorgt externe Gagschreiber mit Themenvorschlägen und trägt sein Material pünktlich in die Redaktionskonferenzen. Er ist ein uneitler Ideensammler und ein Bewunderer seines Chefs. Sobald er aber das Brömme-Kostüm trägt (Mantel mit Cordrevers, Aktentasche), erwacht in ihm eine schlingensiefsche Sehnsucht nach Decouvrierung, die Lust am unerträglichen Moment. Und die Ranschmeiß- und Verbindlichkeitsrhetorik unzähliger Politikerauftritte fließt in herrlicher Rede aus einer sehr kalten Schnauze. Kabelka hat sich alles gemerkt, er hat zu viel ferngesehen in seinem Leben, und aus all den "Premiumerscheinungen", denen er zusah, hat sich dieser Brömme entwickelt.
Kabelka ist sozusagen Wallraffs unmoralischer Lehrling: ein Enthüller der Oberflächen. Wo die 68er in die Zentren der Macht eindrangen mit dem Gestus des Demontierens und des Aufklärens, da ist Brömme, ein Held der so genannten Zaunkönig-Generation, damit zufrieden, wenn er in den Zentren mal schnell die Hosen runterlassen kann. Brömmes Chuzpe hat seltsame Folgen: Die Macht wird weich wie eine gekochte Zwiebel. Eine Schale nach der anderen löst sich, der Kern ist nicht zu finden. Sehr weit ist Brömme, der Mächtige des Augenblicks, von jenen, die sich auf den großen Bühnen dauerhaft tummeln, nicht entfernt.
Um nach oben zu kommen, kann es sicher nicht schaden, die Nerven eines Hochstaplers und die Schnelligkeit eines Stand-up-Komikers mitzubringen. Der Unterschied ist nur dieser: Kabelka kann loslassen. Und, verbündet mit den Flöhen des Türstehers, gelöst zurück ins Freie streben.
- Datum 23.05.2001 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22/2001
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