Der Kanzler hat ein Problem, und die klassischen Remeduren greifen nicht mehr. Anderthalb Jahre vor der Wahl ist sein Schicksal eine Wirtschaft, die hartnäckig Wachstum verweigert und nun missmutig an der 1,5-Prozent-Marke entlangschleicht. Das allein ist traurig, aber noch nicht tragisch, denn die Konjunktur legt überall und immerdar Pausen ein. Doch für Gerhard Schröder bergen die Zahlen ein Desaster. Hatte er nicht geschworen, die Arbeitslosigkeit bis zum Wahltag auf 3,5 Millionen zu drücken? Die liegt noch immer bei knapp 4 Millionen, und so rigide, wie die deutschen Arbeitsmärkte beschaffen sind, braucht er an die 3 Prozent Wachstum, damit die Wirtschaft ihm neue Jobs schenkt.

Da hilft es ihm nicht, auf das Exportwunderland D zu verweisen, das es noch immer schafft, die neuen Länder Jahr für Jahr mit dreistelligen Milliardensummen zu alimentieren - quasi aus der Portokasse. Denn der beste Freund der deutschen Konjunktur, der Export, ist auch müde geworden - trotz unaufhaltsamer Abwertung des Euro, welche die deutschen Ausfuhren nach Dollarland begünstigt. Denn die US-Wirtschaft will nach dem längsten Aufschwung aller Zeiten auch nicht mehr ziehen. Jedenfalls hilft es nicht, zum Fed-Chef, dem hl. Alan, zu beten. In den USA wird der Konjunktur-Kaffeesatz immer trüber. Investitionen? Runter. Neuanträge auf Arbeitslosengeld? Rauf. Lagerhaltung? Ihr Abbau ist dito ein klassischer Sendbote der Rezession. Mit 1,3 Prozent nähert sich das US-Wachstum dem Nullpunkt. Wie das deutsche. Und die Steuersenkung in beiden Ländern (bis auf 2005/2006 angelegt) kann nicht schnell genug greifen.

Goodbye, Mr. Keynes

In der guten alten Vor-Euro-Zeit konnten Kanzler und Bundesbank noch ein wahlgerechtes Konjunktur(stroh)feuer mit nationalen Mitteln anfachen. Mit Staatsausgaben und Schuldenmacherei, mit Billigzinsen und Geldaufblähung. Nur: Dagegen steht eine Europäische Zentralbank, die sich nicht zuvörderst um deutsche Interessen kümmert, zudem ein von den Deutschen erfundener Stabilitätspakt, der harsche Fiskaldisziplin verordnet. Goodbye, Mr. Keynes.

Wenn die klassischen Rezepte perdu sind, was dann? Die Antwort wird durch Wiederholung nicht schlechter. Nach Weltwährungsfonds und OECD hat nun die Investmentbank Goldman Sachs Rot-Grün gerüffelt. "Es ist der Arbeitsmarkt, Dummkopf", lautet verkürzt das Fazit. Deutschland sei das Schlusslicht in Euroland, und zwar wegen lauter Fehlentwicklungen seit 1998. Die Stichworte: Verschärfung des Kündigungsschutzes in kleineren Betrieben, Abgabenbelastung für 630-Mark-Jobs, Jagd auf Pauschalarbeiter ("Scheinselbstständigkeit"), Lohnfortzahlung, Ausweitung der betrieblichen Mitbestimmung. Jede einzelne Maßnahme mag für die Favorisierten recht und billig sein, doch machen wir uns nichts vor: Was Arbeitskraft verteuert und Anpassung lähmt, vernichtet Jobs ebenso wie ein immer dichteres Regelwerk, das Entlassungen erschwert. Man darf es auch in die Sprache der sozialen Gerechtigkeit gießen: Die Schröderisten schützen jene, die Jobs schon haben, nicht aber die Menschen, die sie brauchen. Alles nur Faulpelze? Wie denn Jobs finden, wenn der Schimpfer aus dem Kanzleramt sie mit seiner eigenen Politik verhindert?

Gerhard Schröder kennt diese Mechanik, doch nach Steuer- und Rentenreform fehlt ihm die Kraft (oder Lust) zur Führung; er will, ganz schlicht, keinen Wahlkampf ohne oder gar gegen die Gewerkschaften führen. An diesem Kalkül ist nur eines falsch: Stagnation und Arbeitslosigkeit wachsen unbarmherzig zu noch mächtigeren Gegnern heran.