Eins, zwei, drei, vier. Und fünf: Der Herr im taubenblauen Anzug, der soeben durch das Vestibül eilt - ein Todeskandidat? Man kann es sich nicht vorstellen in der prächtigen Eingangshalle der Anglo American Corporation. Art-déco-Ornamente, Löwen, Springböcke, die Natur Afrikas, als sandsteinernes Halbrelief oder aus Glas geschliffen, schmücken das Foyer des kraftstrotzenden Weltkonzerns an der Main Street 44 in Johannesburg. Und trotzdem, man wird diesen Zählzwang nicht los. Eins, zwei, drei ... Jeder fünfte Mitarbeiter HIV-positiv.

Zwanzig Prozent. Das stand neulich in der Sunday Times, ganz groß auf der Seite eins. Aber Marion Dixon, zuständig für die mediale Imagepflege, mag nicht zulassen, dass der Besucher die Prozentzahl numerisch umrechnet. Denn dann wären allein von den rund 160 000 Anglo-Beschäftigten im südlichen Afrika 32 000 vom Virus befallen - eine Horrorvorstellung. "Das ist irreführend", sagt Mrs. Dixon, "die Verbreitung variiert stark, je nach Firmenzweig und Region." Außerdem seien das alles nur Schätzungen. Aber den Schatten, den die südafrikanische Gesamtstatistik auf das größte Wirtschaftsimperium des Landes wirft, kann niemand wegreden: 4,7 Millionen Menschen HIV-positiv, Tag für Tag 1500 Neuansteckungen und 2010 sage und schreibe 550 000 Aids-Tote pro Jahr.

Nirgendwo auf der Welt verbreitet sich die Seuche so schnell wie im südlichen Afrika. Doch Aids ist nicht nur eine menschliche Tragödie, die Krankheit hat sich auch zum volkswirtschaftlichen Problem entwickelt. Robert Greener vom Institute for Policy Analysis in Botswana schätzt, die Epidemie könnte das Bruttoinlandsprodukt in den nächsten 25 Jahren um 40 Prozent reduzieren. In Südafrika rechnet man schon in zehn Jahren mit einer Schrumpfung von 17 Prozent. Die Seuche würde das Wachstum aufzehren, das das Land braucht, um die von der Apartheid hinterlassene Massenarmut zu überwinden.

Allmählich erwachen die Südafrikaner aus dem Dämmerschlaf der Ignoranz. "Die Epidemie wirkt sich viel schneller auf das Wirtschaftsleben aus, als bisher angenommen", stellt die Tageszeitung Business Day erschrocken fest. Anlass war der jüngste Trend bei Amalgamated Beverage Industries; die Bilanzen des größten Herstellers von Erfrischungsgetränken am Kap gelten als Barometer für die nationale Kaufkraftentwicklung. Jüngst stellte das Unternehmen erstmals einen massiven Absatzrückgang in KwaZulu-Natal fest - das ist die Provinz mit der höchsten HIV-Rate: 36,2 Prozent. Immer mehr Haushalte sind gezwungen, immer größere Summen für die Pflege oder Beerdigung von Aids-Opfern auszugeben. Die Cola zwischendurch ist da nicht mehr drin.

Einerseits sterben den Unternehmen die Mitarbeiter weg, andererseits die Kunden. Doch nicht alle Branchen bekommen die Folgen der Seuche unmittelbar zu spüren. Firmen, die für den Export produzieren, muss der Kaufkraftschwund auf dem Binnenmarkt nicht beunruhigen. Arbeitsintensive Betriebe sind stärker betroffen als kapitalintensive. Höhere Mobilität korreliert mit höheren Infektionsraten, zum Beispiel in Bergwerken mit Wanderarbeitern.

Der Transportsektor driftet in eine Katastrophe - wenn die Daten stimmen, die der Medical Research Council an einer Raststätte bei Newcastle erhoben hat. 95 Prozent der Fernfahrer, die dort mit Prostituierten verkehren, tragen das Virus im Körper! Ein Lkw-Hersteller, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, berichtet vom Sonderwunsch eines Fuhrunternehmers: "Ihr müsst Fahrzeuge bauen, die idiotensicher zu bedienen sind, Gaspedal, Bremse, mehr nicht. Weil uns die qualifizierten Fahrer wegsterben wie die Fliegen."

Clem Sunter, der Chefkommunikator von Anglo, stellt gleich die Gegenfrage: Die Lage ist ernst, aber ist sie auch hoffnungslos? "Alle Untergangsszenarien setzen voraus, dass wir die Entwicklung tatenlos hinnehmen." Sunter hält die volkswirtschaftlichen Auswirkungen von Aids für schwer abschätzbar. Auf der betriebswirtschaftlichen Ebene aber empfiehlt er: "Jeder Finanzdirektor, der Aids ignoriert, sollte gefeuert werden." Denn schon bald werde der Preis der Passivität die Kosten der Intervention um ein Vielfaches übersteigen. Sunter hat zusammen mit dem Ökonomen Alan Whiteside ein Buch geschrieben, das über Nacht zum Bestseller wurde: Aids. The Challenge for South Africa. Es enthält die bislang fundierteste Kalkulation der Folgekosten von HIV.