B I O P O L I T I K Forsche Briten forschen
An der Themse wird nicht weniger ernsthaft diskutiert als an der Spree. Doch die Prioritäten der Biopolitik sind andere
London
K ühl bis ans Herz, von Skrupeln unangefochten, treiben die Angelsachsen die genetische Revolution voran, den Blick fest auf den medizinischen Nutzen und das kommerzielle Potenzial gerichtet. So lässt sich der Eindruck zusammenfassen, der in Europa - namentlich im moralisch aufgewühlten Deutschland - herrscht, seit der britische Gesetzgeber grünes Licht für Stammzellenforschung und therapeutisches Klonen gab. Das Bild bedarf der Ergänzung.
Gewiss preschen die Briten vor, wo andere Nationen von Zweifeln zurückgehalten werden. Der Wunsch, in Neuland vorzustoßen, hat Tradition in dem Land, in dem Francis Crick in den fünfziger Jahren die DNA aufklärte; ob Embryonenforschung oder Dolly, das Klonschaf - immer wieder waren es Forscher von der Insel, die Tabus übertraten. In Großbritannien sah 1978 das erste Retortenbaby das Licht der Welt; 1985 trug Kim Cotton als erste Leihmutter ein Baby aus; vor 20 Jahren identifizierte man in einem Labor in Cambridge erstmals Stammzellen; die Forschung an Embryonen ist - in Grenzen - bereits seit 1990 gesetzlich erlaubt. Dieser Pioniergeist entspringt der angelsächsischen Tradition. Gleichwohl wird jede Etappe der wissenschaftlichen Reise von Bedenken begleitet. Literaten wie Samuel Butler (Erewhon), Louis Stevenson (Dr. Jekyll and Mr. Hyde), Mary Shelley (Frankenstein) und natürlich Aldous Huxley (Brave New World) beschworen schon früh die Gefahr einer entfesselten Wissenschaft.
Auch die Debatten über die Gentechnik spiegeln diesen Zwiespalt der Gefühle wider. Unverkennbar die Bewunderung für die eigenen Geistesgrößen, die sich mit der Hoffnung verbindet, grausame Krankheiten könnten eines Tages dank therapeutischen Klonens bezwungen werden - doch davon abgesehen ist auch bei den forschen Briten die Furcht gegenwärtig, dass das Geschehen in manchen Labors außer Kontrolle geraten könnte.
Die Angst verschafft sich vorwiegend in plakativem Widerstand gegen die Gentechnik auf dem Acker Luft. Hier gibt es keine Patienten, die darauf hinweisen können, dass die Genetik auch Verheißung sei. Die Mehrheit der Briten sieht in der Humangenetik eher ein Versprechen als ein Verhängnis, und die meisten Volksvertreter denken da wie ihre Wähler. Mit 366 gegen 174 Stimmen fiel Ende vergangenen Jahres das Votum des Unterhauses klar zugunsten des therapeutischen Klonens aus. Skeptische Gemüter unter den Abgeordneten wurden von Patientenverbänden wie der Stroke Society und der Parkinson-Gesellschaft heftig bedrängt, ihre Vorbehalte gegen das neue Gesetz zu überwinden; besonders wirkungsvoll trat die Labour-Abgeordnete Anne Begg auf, die wegen einer unheilbaren Knochenkrankheit an den Rollstuhl gefesselt ist.
Keine leichtfertige Entscheidung
Ob Unterhausabgeordnete oder Lords, die das Gesetz ein paar Monate später absegneten: Die britische Politik diskutierte auf hohem Niveau und nicht etwa vorrangig unter Gesichtspunkten der Standortkonkurrenz. Dennoch, dieses Motiv wird dazu beigetragen haben, dass am Schluss die Befürworter einer Lockerung des Embryonenschutzes als Sieger dastanden. Was vorauszusehen war: Die Labour Party hat, wie andere sozialdemokratische Parteien auch, den technisch-wissenschaftlichen Fortschritt seit je bejaht; New Labour gar bekommt geradezu feuchte Augen angesichts der Vorstellung, Britannien könne zur Avantgarde der Forschung zählen.
Die Regierung Blair gab zwar die Abstimmung frei, doch der Premier hatte seine positive Einstellung zur Humangenetik zuvor deutlich genug formuliert - offensiver noch als sein Kollege in Berlin. Für Blair ist es wichtig, "zu erfahren, was die Wissenschaft zu leisten vermag, bevor man ihr Grenzen zieht": Erst kommt das Testen, dann die Moral. Hier trifft man sich mit dem Wissenschafts- und Wirtschaftsflügel der Tories, wenngleich bei den Konservativen unter William Hague ein Stimmungswechsel zu beobachten ist. Der Parteichef der Tories stimmte, anders als sein Vorgänger John Major, gegen das therapeutische Klonen, und aus seiner Partei werden Hinweise auf den Compassionate Conservatism eines George W. Bush laut, dem Stammzellenforschung und Klonexperimente zuwider sind.
Auch die katholische Kirche lehnt alles rundheraus ab, das als "neue Form der menschlichen Reproduktion" zu sehen ist und damit als Anmaßung einer gottähnlichen Rolle des Menschen. Die anglikanische Staatskirche indes mag sich diesem Verdikt nicht anschließen. Ihr Ethikausschuss hält das der Wissenschaft zugestandene therapeutische Klonen für "moralisch ebenso akzeptabel" wie jene Experimente mit Embryonen, die bereits seit Jahren erlaubt sind. Nicht anders argumentiert das wissenschaftliche Establishment. Das Gesetz von 1990, heißt es bei der Royal Society, habe die Forschung an Embryonen schließlich schon in fünf Fällen zugelassen: bei der Reproduktions- und Verhütungsforschung, Vorbeugung von Fehlgeburten, Untersuchung von Chromosom-Anomalien und bei angeborenen Krankheiten. Mit der Nutzung von Stammzellen für die Gewebezüchtung, etwa für den Kampf gegen die Parkinsonsche Krankheit, sei nur eine weitere, sechste Kategorie hinzugefügt worden.
Letztlich kommt es, das sieht man auch in Großbritannien so, auf den ethischen Status des Embryos an. Die Befürworter des therapeutischen Klonens sehen in einem Embryo der ersten zwei Wochen lediglich "eine Gruppe von Zellen", die nicht den gleichen Respekt verdiene wie Mensch und Tier. Ein "Embryo ist noch kein Humanum mit Seele", so drückt dies der konservative Abgeordnete und Biologe David Wilshire aus. Die Gesellschaft sei daher "moralisch berechtigt", einem befruchteten Ei nicht den gleichen Schutz wie einem Fötus angedeihen zu lassen. Das ist die Linie des Gesetzes von 1990.
Als "skeptischen Realismus" verstehen politische und wissenschaftliche Entscheidungsträger der Insel den Kurs, den sie durch das Minenfeld der Biorevolution steuern. Man trachtet danach, die Chancen für die Medizin - und fürs Geschäft - zu nutzen, und glaubt doch zugleich, das "Frankenstein-Syndrom" durch Regulierung und Kontrollen vermeiden zu können.
Großbritannien verabschiedete deshalb nicht nur das erste Gesetz, das Embryonenforschung erlaubte, sondern das Land berief auch früher als andere Nationen spezielle Ethikräte wie die Warnock-Kommission, in der außer Experten auch interessierte Laien am Tisch sitzen; überdies gründete man hier mit der Human Fertilisation & Embryology Authority erstmals in der Welt eine eigene Behörde, die über alle Aspekte der Reproduktionsmedizin zu wachen hat. Zu der Nachrede, britische Forscher könnten treiben, was sie wollen, will das schlecht passen.
Eine andere Frage ist indes, auf welche Experten die Politik hört, wenn sie ihre Entscheidungen vorbereitet. In Großbritannien sind Industrie und Wissenschaft seit den achtziger Jahren eine Symbiose miteinander eingegangen. Das hat auch Vorteile, verleiht der Forschung Drive. In britischen Labors wird äußerst zielgerichtet gearbeitet, die Wissenschaftler gelangen oftmals rascher zu Ergebnissen als ausländische Kollegen, die in einem weniger kommerziell ausgerichteten Umfeld tätig sind. Doch die intensive Bindung an die Wirtschaft lässt die Diskussion über ethische Grenzen leicht zu kurz kommen - und dies schlägt auf die politische Willensbildung durch: Gerade in den heiklen Fragen lässt sich die Regierung in London vorzugsweise vom Sachverstand der Royal Society leiten. Viele ihrer Mitglieder stehen aber oftmals in unbehaglich enger Verbindung mit ebenjenen Unternehmen der Bio-Tech- oder Pharmabranche. Auch das ist ein Grund, warum das Unbehagen nicht weichen will, potenzielles Leben in pharmazeutische Produkte zu verwandeln.
Die Regierung Blair versucht die Zweifler davon zu überzeugen, dass die Büchse der Pandora verschlossen bleibt. Lizenzen für das Klonen von Embryonen sollen erst erteilt werden, wenn ein Ausschuss des Oberhauses strikte Sicherungen ausgearbeitet hat. Auch will Labour im nächsten Parlament reproduktives Klonen "für alle Zeiten" verbieten lassen.
Für alle Zeiten? "In zehn Jahren ist das alles wieder Makulatur", kommentiert ein führender Genetiker dieses Ziel. Und: "Das ist all jenen Forschern klar, die derzeit nach Großbritannien kommen. Hier findet die Zukunft statt."
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