U M W E L T Das Mysterium des Grünen Punktes
Mit Milliardenaufwand fischt das Duale System Wertstoffe aus dem Müll. Bericht aus einer geruchsstarken Branche
Tatort: Hamburg, Elbchaussee, neun Uhr früh. Beute: ein gelber Sack. Geruch nach dem Öffnen: säuerlich. Inhalt: ein Schlagsahnebecher ("Die Nordfrischen"). Vier Plastikschalen vom Wochenmarkt. Sechs Näpfchen ("Guten Morgen, Gesundheit") YaKult, 65 Milliliter. Diverse geknüllte Papierservietten, Folienreste, Fitzelkram. Ein leeres Tütchen Dr. Oetker Blattgelatine Rot. Eine Halbliterflasche biff supra Reinigungskonzentrat ("ergiebig wie ein Liter"). Am Boden ein klebriger Sumpf. Und eine verfaulte Erdbeere. Hier in der Nähe, kann man daraus schließen, hat jemand kürzlich rote Grütze auf den Tisch gebracht. Sauber gemacht wird bei ihm gründlich und der Müll getrennt. Wie in 90 Prozent aller deutschen Haushalte.
"Moin", sagt Jan Stölting. Er fährt heute die Tour Blankenese. Nebenher laufen Augustino Ramoz und Carsten Schweder, die beiden Auflader. Wir biegen in die Hauptstraße ein. Für Stölting "eine typische Sackstrecke". Das heißt kaum Platz auf den Grundstücken, dichte Bebauung, an der Straße reiht sich Sack an Sack. Theoretisch könnten die Anwohner ihr selbst Gesammeltes auch in eine Tonne tun. Die wäre dann gelb im Unterschied zur Restmülltonne (grau), zur Biotonne (grün) oder Altpapiertonne (blau). Sie könnten ihren Trennmüll auch zu einem der 15 städtischen Recyclinghöfe bringen.
Stattdessen wird er abgeholt. Alle zwei Wochen kommt die Wertstoff-Einsammlung GmbH vorbei, eine 100-prozentige Tochter der Hamburger Gesellschaft für Beteiligungsverwaltung mbH, die wiederum zu 100 Prozent im Besitz der Freien und Hansestadt Hamburg ist. Die Eigentumsverhältnisse sind nicht unwichtig. Denn es geht um die Frage: Wer macht das Geschäft? Was erst einmal im gelben Sack landet, ist kein gewöhnlicher Müll mehr, sondern "Abfall zur Verwertung". Heiß begehrt. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Zwölf Tonnen wiegt der Lkw mit dem Spezialaufbau, den Jens Stölting durch das Blankeneser Hanggebiet rangiert. Hinter ihm hat sich ein Stau gebildet, alles flucht. Stölting zuckt mit den Schultern, er kennt das: "Wir arbeiten eben auf der Straße." Sechs Tonnen kann er maximal zuladen, das entspricht 3000 Säcken. Zwischendurch werden sie hydraulisch gepresst, damit sich der Inhalt verdichtet. Im Abfallgewerbe geht es nach Volumen und Gewicht. Das eine treibt die Kosten, das andere den Gewinn.
Gegen Mittag ist das Blankeneser Labyrinth gesäubert, Stölting atmet auf. Am Strandweg ist Pause. Im Grunde ist es den Müllmännern egal, ob sie Müll fahren oder Wertstoffe. Weg muss beides. Aber Müllmänner sind neugierig, und sie kommen viel herum. Müllmänner können Geschichten erzählen. Alle enden so: Es gibt nichts, was Menschen nicht wegschmeißen. Autoschrott findet seinen Weg in die gelben Tonnen, komplette Motoren, Fernseher, Teppiche, Sperrmüll, Altkleider, Windeln, Gartenabfälle. Alles, wovon der Bürger meint, dass man es eventuell noch verwerten könnte. Dass es beim gelben Sack um den Grünen Punkt und damit um Verpackungen geht, ist trotz zehn Jahren Dualen Systems nicht wirklich ins Bewusstsein der Nation gedrungen.
Ein Höhepunkt im Berufsleben von Carsten Schweder waren 100 Liter Fischabfälle, die zwei Wochen lang vor sich hin gegammelt hatten. In solchen Fällen sind die Mitarbeiter gehalten, den Behälter stehen zu lassen, mit einem roten Aufkleber versehen: "Achtung! Ihre kostenfreie gelbe Wertstofftonne wurde mit Müll befüllt!" Es gibt sogar abschließbare Tonnen. Damit der Nachbar nichts reinschmuggelt. "Aber die Leute", sagt Jan Stölting, "kriegen alles hin."
Nur der Grad der Unverfrorenheit wechselt mit den Stadtteilen. Die Mittagspause ist vorbei, das Team von der Wert GmbH nimmt den Falkenstein in Angriff. Der Falkenstein hat eine hohe Rhododendron- und eine niedrige Bebauungsdichte. Kombiniert mit Elbblick, heißt das in Hamburg: Geld. Am Falkenstein stehen, nach etlichen Laufmetern Rhododendron, genau zwei gelbe Säcke, und das war's. "Vielleicht essen die hier nix", sagt Stölting, der seinen eigenen Einblick in die Sozialstruktur Hamburgs hat. Problematisch wird es immer da, wo tote Katzen in der Wertstoffsammlung landen. Umgekehrt kann man sagen: Je mehr Stiefmütterchen vor der Haustür, desto liebevoller wird in Deutschland Müll getrennt. Wo viele gelbe Säcke stehen, da lass dich ruhig nieder.
78 Kilo Abfall warf jeder Bundesbürger im vergangenen Jahr in die Behälter des Dualen Systems. Die Deutschen sind ein Volk der Sammler und Sortierer. Ohne zu murren, tragen sie ihr Altglas zum Container, bündeln Zeitungen und Kartons, reißen Aludeckel vom Jogurtbecher, stopfen Bioabfälle in die Tonne und rätseln noch beim Korken, zu welcher Müllfraktion der wohl zählen mag. Man kann darüber streiten, denn ein Korken ist beides, Wertstoff oder Müll, je nachdem. Man kann Korken schreddern und Dämmplatten daraus herstellen. Man kann Korken verbrennen. Man kann sie verrotten lassen. Man kann sie wahrscheinlich sogar zu Methanol vergären. Man kann Bergwerke damit verfüllen, sie nach China exportieren oder schlicht auf die Müllkippe schmeißen. Die Ökobilanz des Korkens muss erst noch geschrieben werden.
Genau wie die Geschichte des Grünen Punkts. Seit zehn Jahren pappt er nun auf Verpackungen aller Art. Und noch immer weiß keiner so recht, was das eigentlich bedeutet. Der Grüne Punkt ist eines der Mysterien unserer Zeit, und die Frage, was aus seinem leeren Jogurtbecher wird, dürfte selbst Günther Jauch nicht auf Anhieb beantworten können. Werden Parkbänke daraus hergestellt? Oder landet am Ende doch alles auf dem ominösen großen Haufen? Zehn Jahre Grüner Punkt - das ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Und ein Lehrstück in Sachen Umweltpolitik.
Mit einer Zwangspfanddiskussion fing es schon damals an. Ende der achtziger Jahre drängten die ersten Kunststoffflaschen aus Polyethylenterephtalat (PET) auf den Markt. Das Material war leicht, bruchsicher, durchsichtig wie Glas. Die PET-Flasche sollte nach dem Willen der Getränkeabfüller im Einwegsystem vertrieben werden. Das brachte die Umweltschützer auf die Palme. Ex und hopp entsprach Ende der achtziger Jahre nicht dem Zeitgeist. Von wachsenden Müllbergen war die Rede, vom drohenden Entsorgungsnotstand. Klaus Töpfer, damals Bundesumweltminister, ließ hochrechnen und kam zu dem Ergebnis, in wenigen Jahren seien die Kapazitäten erschöpft. Eine Vision wurde aus der Taufe gehoben: die Abfallwirtschaft in eine Kreislaufwirtschaft zu verwandeln.
Ein Ablass für das Zwangspfand
Töpfers ehrgeiziger Plan stand von Anfang an unter einem schlechten Stern. Autos, Computer, Elektrogeräte, Batterien, Kleider, Teppiche, Verpackungen - alles sollten die Hersteller wieder zurücknehmen. Doch die Automobilindustrie winkte sofort ab. Genauso laut lamentierte die Computerbranche. Die Textilindustrie dachte gar nicht daran, alte Klamotten wieder einzusammeln. Übrig blieben die Verpackungen, und für die warf Töpfer sein ganzes Gewicht in die Waagschale.
Es ist viel eingedroschen worden auf die Töpfersche Verpackungsverordnung, die 1991 tatsächlich kam. Und es gab allen Grund dazu. Schon bald häuften sich die Skandale, niemand wusste, wohin mit dem Zeug. Verwertungsmöglichkeiten für Kunststoff existierten praktisch nicht, also wurden ganze Lastwagen voll über die Grenzen verschoben. Verlangt und gezahlt wurden "Preise wie im Drogenhandel", so ein Sprecher des Gesamtverbandes der Kunststoffverarbeitenden Industrie. Das konnte nicht lange gut gehen. Im Sommer 1993 stand das Duale System kurz vor dem finanziellen Zusammenbruch. Ein Sanierungsplan kam in letzter Sekunde.
In den Glaubenskriegen um die Verpackungsverordnung hat die wahre Dimension des Abfallproblems selten eine Rolle gespielt. Den Überblick zu behalten fällt selbst Experten schwer, zu dicht ist der Verhau, in den sich die Interessenverbände gegenseitig verwickelt haben. Jede Seite kontert Gutachten mit Gegengutachten, kommt mit eigenen Öko- und Energiebilanzen. Dabei ist nicht einmal eine grundlegende Zahl verfügbar: die jährliche Gesamtmenge an Müll. Die jüngste Veröffentlichung des Umweltbundesamtes zu diesem Thema stammt aus dem Jahr 1997, die letzte Erhebung des Statistischen Bundesamts aus dem Jahre 1993. Danach verteilte sich das Aufkommen wie folgt: Bauabfälle und Bodenaushub (143 Millionen Tonnen), Produktionsabfälle (77 Millionen Tonnen), Material aus dem Bergbau (68 Millionen Tonnen), Gewerbemüll und Sondermüll (43 Millionen Tonnen), Hausmüll (23 Millionen Tonnen). Mit anderen Worten: Die privaten Haushalte steuerten gerade sieben Prozent zum Abfall dazu. Von diesen sieben Prozent entfiel nur ein knappes Drittel auf Verpackungen. Darin waren bereits Glasflaschen (2,4 Millionen Tonnen) sowie Altpapier (0,9 Millionen Tonnen) enthalten. Der Anteil der Leichtverpackungen (Kunststoff, Weißblech, Getränkeverbunde, Aluminium) am gesamten Abfallberg betrug höchstens ein Prozent. Und um dieses eine Prozent tobt der Streit bis heute.
Im Hochofen "rohstofflich verwertet"
Ein Prozent Müll. Das klingt nach Peanuts. Ist es aber nicht. Rund vier Milliarden Mark kassiert das Duale System jährlich für den Grünen Punkt. Eine Art Ablass, den die Hersteller und der Handel zahlen, damit sie ihre Verpackungen nicht zurücknehmen müssen, wie von Töpfer ursprünglich geplant. Die Lizenzgebühr für den Grünen Punkt schlagen Hersteller und Händler dem Verkaufspreis zu; ein 250-Gramm-Jogurtbecher verteuert sich so um zweieinhalb, eine Tiefkühlpizza um vier und eine Weinflasche um sechs Pfennig. Auf der anderen Seite wird das Geld dazu verwandt, die Verpackungen wieder einzusammeln, sie zu sortieren und, wo möglich, zu verwerten. 26 so genannte Garantiegeber sollen dafür sorgen, dass die einzelnen Fraktionen des gelben Sacks tatsächlich auch recycelt werden und nicht auf dubiosen Wegen in Manila oder Hongkong landen.
Mittlerweile hat es zu nieseln begonnen. Um drei Uhr nachmittags ist endgültig Schluss am Sülldorfer Mühlenweg. Die Männer sind geschafft, Carsten Schweder fallen die Augen zu, sobald er im Wagen sitzt. Jetzt muss die Fuhre nach Billbrook. Knapp eine Stunde braucht Jan Stölting dafür, quer durch die Stadt. Er kommt als Letzter auf den Hof von Sanne, Kruse und Pape. Stölting fährt über die Waage und bekommt einen Wiegezettel in die Hand gedrückt. 3,5 Tonnen sind es. Stölting kippt sie ab. Da rauscht vom Wagen, was die Blankeneser zwei Wochen lang gesammelt haben: Milchtüten, Zigarettenschachteln, Spüli-Flaschen und so manches mehr. Für die drei von der Wert GmbH ist Feierabend. Morgen geht es nach Wilhelmsburg.
Nichts bleibt lange liegen in der Anlieferungshalle von Sanne, Kruse und Pape. Im Handumdrehen schiebt ein Radlader alles auf ein Band, wo die Säcke mechanisch aufgerissen werden. Trotzdem hängt ein stechender Geruch in der Luft. Knapp ein Drittel von dem, was da vor sich hin stinkt, sind so genannte Fehlwürfe, also ordinärer Müll. Rainer Hartmann von SKP weiß: "Das schwankt je nach Einzugsgebiet." Drinnen in der Sortieranlage herrscht Maschinenlärm. Förderbänder ziehen sich kreuz und quer, in die Höhe, in die Tiefe, und in endlosem Strom zieht Material vorbei, das sich direkt vor unseren Augen von Abfall in Wertstoff verwandelt.
Eisenhaltiges wird bei SKP durch Magnetabscheider aussortiert. Nichteisenmetalle wie Aluminium bleiben am Wirbelstromabscheider hängen. Trommelsiebe trennen Grobes und Kleines. Windsichter blasen Folien und Papier heraus, alles vollautomatisch. Die Technik hat Fortschritte gemacht seit jener Anfangszeit, als praktisch alles "händisch" sortiert werden musste. Kein Job, um den man die polnischen Arbeiter damals beneiden musste. Handarbeit gibt es beim Sortieren allerdings immer noch. Heute wird sie von Asylbewerbern gemacht.
Bei SKP stehen in einer Schicht sechs Schwarze am Band und sortieren Hohlkörper aus. Das ist im Grunde die wertvollste Fraktion aus dem gelben Sack. Hohlkörper sind Flaschen oder Behälter aus Polyethylen, Polypropylen oder PET, also sortenreiner Kunststoff von handlicher Größe, der sich gut recyceln lässt. Flasche nach Flasche wird einzeln vom Band gefischt und fliegt durch die Luke nach unten. Aus dem Lautsprecher kommt Reggae. SKP sortiert im Monat bis zu dreieinhalbtausend Tonnen Abfall. Angeschlossen sind Hamburg und Lübeck sowie die Landkreise Harburg, Lüchow-Dannenberg und Uelzen. Neun Fraktionen trennt die Anlage. Weißblech und Aluminium (22 Prozent) gehen zurück in die Produktion.
Tetrapacks und Verbundstoffe (13 Prozent) landen zusammen mit den Papierfehlwürfen im Altpapierrecycling. Glasfehlwürfe wandern in die Glasschmelze. Restmüll (30 Prozent) wird von der Stadtreinigung entsorgt und, wie der übrige Hamburger Müll, verbrannt. Bleiben die Kunststoffe. 10 Prozent davon sind Folien, die wieder zu Folien verarbeitet werden, beispielsweise zu gelben Säcken. Weitere 10 Prozent bestehen aus Mischkunststoffen. Die Hohlkörper bilden das Sahnehäubchen: 3 bis 4 Prozent.
Hier hätten wir also auf dem Hof von SKP das Spitzenprodukt des Dualen Systems. 4 Prozent von einem Prozent des deutschen Gesamtabfalls. Konkret: ein Ballen Ketchupflaschen, Cola-Flaschen, Spülmittelflaschen, eingesammelt, sortiert, gepresst und verschnürt; vielleicht ist sogar die Halbliterflasche biff supra aus Blankenese dabei. Fehlt nur noch ein Interessent. Der einzige Interessent ist in diesem Fall die Deutsche Gesellschaft für Kunststoff-Recycling (DKR). Was macht die DKR daraus? "Fragen Sie bitte nicht wieder nach der Parkbank", fleht Uli Martin, der Pressesprecher (es gibt sie übrigens wirklich, die berühmte Parkbank, zum Beispiel als Modell Baden-Baden der Firma Hahn Kunststoffe GmbH, Hunsrück).
600 000 Tonnen Kunststoff hat die DKR im vergangenen Jahr entgegengenommen. Die Hälfte davon wurde "rohstofflich" verwertet, das heißt, sie wanderte in die Hochöfen der Stahlindustrie, wo sie als Reduktionsmittel bei der Stahlerzeugung eingesetzt wurde. Ein kleiner Teil wurde im ehemaligen DDR-Kombinat Schwarze Pumpe zu Methanol verarbeitet. Ein kleiner Teil, rund sieben Prozent, ging ins Ausland. 250 000 Tonnen schließlich wurden "werkstofflich" verwertet. Asche zu Asche, Plastik zu Plastik, so will es das Kreislaufwirtschaftsgesetz, und so schreibt es die Verpackungsverordnung vor.
Fahren wir unserer Halbliterflasche noch ein Stück hinterher. Nach Ibbenbüren in Westfalen, wo der ganze Stolz der DKR steht: die vollautomatische Flaschenveredelungsanlage der Firma TPP (Technologie für Plastik und Papier). Seit Februar läuft die Anlage, seit Mai unter Volllast. Viereinhalb Millionen Mark hat das Stück gekostet. "Weltweit is dat einmalig", schwärmt Bodo-Peter Knoll, der kaufmännische Geschäftsführer. Er öffnet die Tür zur Halle. Den Geruch kennen wir schon. Auch den Lärm. Die Veredelungsanlage entpuppt sich als weitere Sortieranlage. Allerdings als eine vom Feinsten.
In Ibbenbüren werden die vorsortierten Hohlkörper noch einmal getrennt, und zwar nach Polyethylen, Polypropylen und PET. Der PET-Anteil ist der, um den es vor allem geht. PET lässt sich hervorragend zu neuen PET-Flaschen verarbeiten (bottle to bottle). Allerdings nur, wenn die klare von der bunten Fraktion geschieden wird. Das geschieht in Ibbenbüren mittels Nahinfraroterkennung. Das Material wird gesiebt und gerüttelt, bevor es von einem Lichtstrahl gescannt wird. In Bruchteilen von Sekunden berechnet ein Computer das Absorptionsspektrum der einzelnen Kunststoffarten. Anschließend steuert er eine Reihe von Luftdüsen so, dass die Flaschen selektiv vom Förderband geblasen werden. 90 Prozent Reinheit und mehr sind am Ende drin.
Knoll verschwindet hinter einer Mühle. Man hört ihn fluchen: "Kerl, wat muss dat ausgerechnet heute hier so stinken!" Noch funktioniert die Brauchwasseraufbereitung nicht so, wie sie sollte. Aber das wird schon, versichert der Betriebsleiter. Unter lautem Poltern werden die Kunststoffflaschen jetzt zu Flockengröße vermahlen. Diese "Flakes" werden gewaschen, eingeschmolzen, am Ende kommt ein feinkörniges Granulat heraus. "Hier", sagt Knoll, und greift hinein, "ein wunderschöner Rohstoff. Könnse reinbeißen, so sauber is dat."
Bammel vor dem neuen Dosenpfand
Verpackt zu so genannten Oktabins, kommt der sortenreine Kunststoff wieder in den Rohstoffmarkt. Draußen vor der Halle steht ein Lkw, der gerade beladen wird. "Sieht so aus", sagt Knoll, "als wenn der nach England fährt." Da geht sie hin, die Flasche biff supra. Klaus Töpfer hat es so gewollt.
Machen wir zum Schluss zwei Rechnungen auf. Eine ökonomische. Und weil es, was man gern vergisst, irgendwie auch um Umweltschutz geht, eine ökologische Rechnung, die bei näherem Hinsehen freilich auch nur eine ökonomische ist. Man nennt das auf Neudeutsch eine Ökoeffizienzanalyse. Die ökonomische Rechnung sieht so aus: Für ein Kilo Kunststoffverpackung zahlt der Verbraucher zurzeit 2,67 Mark. Damit subventioniert das Duale System die Verwertung mit derzeit 654 Mark pro Tonne, Tendenz fallend. Erklärtes Ziel ist es, die Lizenzkosten für Kunststoffverpackungen auf 1,50 Mark pro Kilo zu senken. Käme Jürgen Trittin am 22. Juni mit dem Zwangspfand im Bundesrat durch, würde neben der Dose auch die Einweg-PET-Flasche aus dem gelben Sack verschwinden. Geschätzter Verlust für das Duale System: 550 Millionen Mark pro Jahr. Landauf, landab hört man die Sammler bereits klagen: Lasst uns um Himmels willen den Müll! Denn er ist ja wirklich eine Menge wert. Und schon von daher ein Wertstoff.
Zur ökologischen Rechnung: Wolfgang Holley vom Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung hat sie stellvertretend für die PET-Flasche aufgemacht. Angenommen, sämtliche Einweggetränkeverpackungen würden in Deutschland aus PET hergestellt (der Trend geht in diese Richtung). Das wären 15 Milliarden Stück pro Jahr, wofür ein Primärenergieaufwand von 45 Millionen Gigajoule nötig wäre.
Auf dem Umweg über den gelben Sack kann man heute 60 Prozent der PET-Flaschen recyceln. Das würde 12 Millionen Gigajoule sparen. Mithilfe eines Pfandsystems könnte man die Rückgabequote auf 90 Prozent steigern; irgendwann müsste aber auch dieses PET recycelt werden, denn es hält nicht ewig. Wobei die Frage, ob eine PET-Flasche, die recyceltes PET enthält, ihrerseits wieder recycelt werden kann und was dieses im positiven wie im negativen Fall für die jeweilige Öko- und Energiebilanz bedeutet, so kompliziert ist, dass sie noch niemand beantworten konnte. Mögliche Einsparung immerhin: weitere 12 Millionen Gigajoule. Das entspricht 12 000 Tankzugladungen Heizöl. Bei einem (steuerfreien) Heizölpreis von 500 Mark pro Tonne sind das 150 Millionen Mark pro Jahr, die man durch ein Zwangspfand zusätzlich sparen könnte. Der Handel, sagt Wolfgang Holley, rechnet mit Mehrkosten zwischen 1,5 und 4 Milliarden Mark pro Jahr.
So viel zum Thema Recycling und Ökoeffizienz. Es war schon immer etwas teurer, der Umwelt Gutes zu tun.
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