Aus dem Untergrund

Zwei deutsche Leben: Andres Veiels Dokumentarfilm "Black Box BRD" konfrontiert den Banker Alfred Herrhausen und den Terroristen Wolfgang Grams

Schwarz und glänzend ragen die Zwillingstürme in den Dunst über der Stadt. Nur Luftwesen gelangen auf Augenhöhe mit dieser Architektur. Sie gebietet Abstand, die Spiegelfassade verwirrt den Blick, man kann sie umkreisen, einnehmen lässt sie sich nicht. "We are dead pilots but we want it now." Eine schwarze Stimme singt von Begierden, von echter und imaginierter Welt. Eine Moritat auf Macht und Gewalt - Sirenengesang.

Andres Veiels Dokumentarfilm Black Box BRD beginnt mit einem Hubschrauberanflug auf die Schaltzentrale der Deutschen Bank in Frankfurt am Main. Ein klassischer Krimiauftakt - und eine falsche Fährte. Das Verbrechen bleibt eine Leerstelle, eine Pause in der Partitur des Films. Alfred Herrhausen, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, stirbt am 30. November 1989 durch ein Sprengstoffattentat der RAF. Wolfgang Grams, Mitglied der RAF, stirbt am 27. Juni 1993 in Bad Kleinen bei einem Einsatz von GSG-9, BKA und Polizei. Beide Fälle wurden nie aufgeklärt. Der eine hat mit dem anderen vielleicht nicht einmal etwas zu tun. Andres Veiel konstruiert keine Opfer-Täter-Beziehung, Veiel klärt nichts auf. Er fragt, er begleitet, er geht Wegen nach. Er ist ein Sammler, kein Fahnder, ein Zuhörer, kein Bescheidwisser.

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Veiel zeichnet das Doppelporträt zweier Opponenten, deren einzige Begegnung tödlich war, oder es hätte sein müssen, in der starren Logik des Frontenwahns. Held und Antiheld, David und Goliath, das Rätselgeflecht um ihren Tod - das Thema bietet Stoff für Überhöhung und Mythenbildung von allen Seiten, und jeder, der sich diesem Terrain nähert, gerät in Versuchung.

Bewaffnete Leibwächter, gepanzerte Limousinen, die gläsernen Adlerhorste der Macht: Auch Veiel nimmt sich davon, was er kriegen kann, es ist die Leimrute, die er auslegt, bevor er den Zuschauer in Zonen voll Trauer und Einsamkeit lotst. Er hat schon einmal gezeigt, dass er sich darin bewegen kann. In seinem Dokumentarfilm Die Überlebenden spürte er der Geschichte dreier Mitschüler nach, die sich umgebracht haben. Er unternahm Tastversuche, vorsichtige Annäherungen an das Schweigen- und Redenmüssen der Übriggebliebenen, der Eltern, Freunde und Geschwister. Dem Furor der Erklärungsmodellbauer widersetzte sich Veiel schon hier.

Jenseits der Ordensgemeinschaft

Mit Black Box BRD hat der Druck auf den Regisseur zugenommen. An diesem Stoff zerren Besitzansprüche. Da geht es um die allein gültige Wahrheit, um die Besetzung von öffentlicher Aufmerksamkeit, um Geschichtsschreibung und immer wieder um Gefolgschaft - falsch verstandene Loyalität. Veiel bewältigte den Rechercheparcours nach den Regeln des kaukasischen Kreidekreises. Wer zu sehr an ihm riss, war draußen. "Man kann nicht über die RAF sprechen, ohne Raum für die Opfer zu lassen", sagt Veiel. Wer das nicht begreifen wollte, kommt nicht vor. Und noch etwas stellte sich ihm in den Weg: das öffentliche Bild, festgefrorene Momente aus dem Zeremoniell von Wirtschaft, Banken und Politik.

Von Alfred Herrhausen gab es mehr Protokollaufnahmen als Bilder der Person.

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