Die Willkür hat Methode

Blick in das berüchtigte Teheraner Evin-Gefängnis, wo die kritische Intelligenz eines ganzen Landes einsitzt - Schriftsteller, Chefredakteure, abgesetzte Minister

Dem Gefangenen Abdollah Nuri scheint es an kaum etwas zu fehlen.

Regelmäßig geht er in Hafturlaub, er darf telefonieren und Besuch empfangen.

Er kann sich nicht beschweren. Dabei wiegt das Vergehen schwer, das Nuri die Haft in Evin eingebrockt hat. Er wurde vor anderthalb Jahren verurteilt, weil er die "heiligen religiösen Werte" der Islamischen Republik beleidigt hat.

Damit ist in der Regel Kritik am religiösen Führer gemeint.

Wenige Tage vor der iranischen Präsidentschaftswahl liest sich die Liste der Insassen des berüchtigtsten Gefängnisses Irans wie das Who's who? der kritischen Intelligenz: Bestsellerautoren, Geistliche, Verleger, Chefredakteure und Exinnenminister Abdollah Nuri sitzen hier, waren hier oder werden gelegentlich wieder für ein paar Monate eingeliefert.

Nuri mag es dabei noch verhältnismäßig gut gehen. Der oppositionelle Geistliche Haasen Yussefi-Eshkewari dagegen hat seit Wochen weder seinen Anwalt noch seine Familie gesehen. Niemand weiß, wo er sich befindet. Das Gleiche gilt für den Studentenführer Ali Afschari, dem dasselbe vorgeworfen wird wie Nuri. Nachdem Afschari 160 Tage in Einzelhaft saß und sein Anwalt ebenfalls nicht zu ihm durfte, teilte er sich der Nation nun in einem "Interview" des staatlichen Fernsehens mit. Darin gab Afschari zu, dass er seinerzeit das iranische Regime habe stürzen wollen

jetzt aber entschuldige er sich beim religösen Führer für seine Irrungen. Anzeichen physischer Folter zeigte er nicht, wirkte aber recht abwesend. Freunde Afscharis meinen, er sei zu dem Interview gezwungen worden und habe unter Beruhigungsmitteln gestanden. Den Eindruck, dass er nicht ganz bei sich war, hatte auch die Familie von Ezzatollah Sahabi. Bei einem der wenigen Besuche, die erlaubt wurden, erkannte nicht nur die Tochter den Vater kaum wieder, auch er erkannte seine Angehörigen nicht. Sahabi ist ein häufiger Gast im Teheraner Evin-Gefängnis, auch von ihm wurde vor einigen Jahren einmal ein Geständnis gesendet. Doch seinem Ruf als integrer Oppositioneller hat dies nicht geschadet. So wenig, wie es Afschari schaden wird. "Diese Methoden haben ihre Effektivität verloren. Zum Glück hat die Öffentlichkeit ein solches Niveau der Reife erreicht, dass sie derlei Dinge nicht länger glaubt", sagt Saradschoddin Mirdamadi, ein Kommilitone Afscharis.

Es ist reine Willkür, warum für dasselbe Vergehen der eine Häftling gehätschelt und der andere misshandelt wird. Die Unberechenbarkeit soll Kritiker verunsichern und einschüchtern

mitunter soll mit einer besonders harten Behandlung ein Exempel statuiert werden.

Nur Gutes über Evin weiß die Anwältin Shirin Ebadi zu berichten. Eigentlich ist Evin gar nicht so schlimm, war der Artikel überschrieben, in dem sie nach der Entlassung ihre Erfahrungen in der Haft schilderte. Ebadi durfte sich die beste unter den vielen noch freien Zellen aussuchen. Die Wärterinnen seien mit der Zeit immer freundlicher geworden, hätten sie sogar tröstend in den Arm genommen, schreibt Ebadi. Gleichwohl kratzte sie in guter alter Gefängnistradition mit einer Gabel Gedichte in ihre Zellenwand. Dieser Art der Übermittlung von Gedanken verdankt die iranische Musik eines ihrer schönsten Liebeslieder. "Küss mich, küss mich ein letztes Mal", ritzte einst - der Legende nach - ein Kommunist am Vorabend seiner Hinrichtung in die Zellenwand. Bis heute kennt jedes Kind dieses Lied.

Derzeit entsteht beinahe ein ganzes Genre von Evin-Literatur. Shahla Lahidschi, wegen der Teilnahme an der inzwischen schon legendären Iran-Konferenz der Heinrich-Böll-Stiftung zu vier Jahren verurteilt, hat ebenfalls über das Gefängnis geschrieben. "Ich sehe mich um. So sieht also eine Einzelzelle aus. Ein enger Raum, zwei Meter mal anderthalb. Eine graue Soldatendecke auf dem Boden. Ich klopfe an die Tür. - Das Wasser ist abgestanden und schmeckt nach Mottenkugeln. Ich will nur ein Glas ordentliches Wasser. - Madame, das hier ist das Evin-Gefängnis. Das Evin-Hotel ist die Straße weiter runter."

Ja, es gibt auch ein Hotel mit dem berüchtigten Namen. Beide, Hotel wie Gefängnis, sind nach dem Stadtteil Teherans benannt, in dem sie liegen, weit im Norden, am Vanak-Highway, beide in Sichtweite voneinander an einen Berg gebaut. Auf dem Weg dorthin sagt der Taxifahrer, demnächst, wenn alles anders werde im Iran, würden Führungskräfte nicht wie andernorts nach Harvard-Diplomen gefragt, sondern nach der Dauer ihres Aufenthalts in Evin.

Und dann werde es heißen: "Ach, ein halbes Jahr nur? Damit wird man heute nicht mehr Minister!"

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    • Von Katajun Amirpur
    • Datum
    • Quelle DIE ZEIT, 23/2001
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