Die Willkür hat MethodeSeite 2/2
Es ist reine Willkür, warum für dasselbe Vergehen der eine Häftling gehätschelt und der andere misshandelt wird. Die Unberechenbarkeit soll Kritiker verunsichern und einschüchtern
mitunter soll mit einer besonders harten Behandlung ein Exempel statuiert werden.
Nur Gutes über Evin weiß die Anwältin Shirin Ebadi zu berichten. Eigentlich ist Evin gar nicht so schlimm, war der Artikel überschrieben, in dem sie nach der Entlassung ihre Erfahrungen in der Haft schilderte. Ebadi durfte sich die beste unter den vielen noch freien Zellen aussuchen. Die Wärterinnen seien mit der Zeit immer freundlicher geworden, hätten sie sogar tröstend in den Arm genommen, schreibt Ebadi. Gleichwohl kratzte sie in guter alter Gefängnistradition mit einer Gabel Gedichte in ihre Zellenwand. Dieser Art der Übermittlung von Gedanken verdankt die iranische Musik eines ihrer schönsten Liebeslieder. "Küss mich, küss mich ein letztes Mal", ritzte einst - der Legende nach - ein Kommunist am Vorabend seiner Hinrichtung in die Zellenwand. Bis heute kennt jedes Kind dieses Lied.
Derzeit entsteht beinahe ein ganzes Genre von Evin-Literatur. Shahla Lahidschi, wegen der Teilnahme an der inzwischen schon legendären Iran-Konferenz der Heinrich-Böll-Stiftung zu vier Jahren verurteilt, hat ebenfalls über das Gefängnis geschrieben. "Ich sehe mich um. So sieht also eine Einzelzelle aus. Ein enger Raum, zwei Meter mal anderthalb. Eine graue Soldatendecke auf dem Boden. Ich klopfe an die Tür. - Das Wasser ist abgestanden und schmeckt nach Mottenkugeln. Ich will nur ein Glas ordentliches Wasser. - Madame, das hier ist das Evin-Gefängnis. Das Evin-Hotel ist die Straße weiter runter."
Ja, es gibt auch ein Hotel mit dem berüchtigten Namen. Beide, Hotel wie Gefängnis, sind nach dem Stadtteil Teherans benannt, in dem sie liegen, weit im Norden, am Vanak-Highway, beide in Sichtweite voneinander an einen Berg gebaut. Auf dem Weg dorthin sagt der Taxifahrer, demnächst, wenn alles anders werde im Iran, würden Führungskräfte nicht wie andernorts nach Harvard-Diplomen gefragt, sondern nach der Dauer ihres Aufenthalts in Evin.
Und dann werde es heißen: "Ach, ein halbes Jahr nur? Damit wird man heute nicht mehr Minister!"
- Datum 31.05.2001 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 23/2001
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