Als die Mutter merkte, dass die Lage alles andere als kinderfreundlich war, beschloss sie zu verreisen und ihr Kind auf Kreta zu bekommen. Fernab vom Getümmel, im Schutz eines Berges, kam so in mythologischer Vorzeit eine der prominentesten Führungspersönlichkeiten Europas zur Welt: Zeus, der Leuchtende, der Götterchef, wurde in einer Höhle des kretischen Ida-Gebirges geboren, sagen die Kreter, von einer göttlichen Ziege gesäugt, vom Honig der Bienen ernährt. Hat er in den Olivenhainen Disteln geköpft? Ein kindlicher Gott, eine göttliche Kindheitsgeschichte!

Wir erzählten sie in den Wolken hoch über Europa. Das gefiel den Kindern, die im Flugzeug nach Kreta saßen, vier Stunden lang festgeschnallt, ein Lego-Technik-Monster und die Puppe mit Wollpulli im Arm. Ein Flug lang genug für allerhand Mythen, auf dass die Füße die kinderlosen Mitreisenden in ihren Sitzen nicht treten, also mehr von der göttlichen Großfamilie! War nicht ein Held namens Herakles auch nach Kreta gezogen, um den Stier zu besiegen, der bei König Minos sein Unwesen trieb? Auf dem Klapptisch wackelt die Cola, Mama, warum hat die Mutter den Götterchef auf Kreta bekommen?

Schon schwieriger, die Frage. Weil die Überlieferung widersprüchlich ist, aber vor allem weil sich die Götter nicht an die Regeln der Eltern-Correctness hielten. Sage ich es meinem Kinde? Die Gefahr, aus der Rhea ihren Sohn Zeus rettete, bestand ja nicht in Bewegungsarmut und im Stress der Erwachsenen, sie bestand in der Gefräßigkeit des Kindsvaters Kronos, der seine Nachkommen verschlang, um den Thron nicht hergeben zu müssen. Aber diesen Teil der Geschichte haben wir dann doch nicht genauer erzählt, lieber noch mal den Stier.

So kamen wir unter die Griechen. Tauschten die heimische Großstadtwohnung gegen ein Familienparadies an der Südküste Kretas, unweit des Dorfes Agia Galini. Wir, das heißt: die Mutter, ihre zwei Kinder, fünf Jahre alt der Junge, drei Jahre das Mädchen, und deren Vater, Verwechslung mit Kronos ausgeschlossen. Abgeflogen aus einem Land, das in seiner Kinderlosigkeit ein Problem zu erkennen beginnt, gelandet in einem südlichen Soziotop, in dem es von Kindern wimmelt.

Von deutschen Kindern. Die meisten von ihnen im Vorschulalter. In ihren Herkunftsstädten eine Minderheit, beäugte Störfaktoren allzu oft, hier auf Kreta im Sonderzustand, willkommen zu sein. Frei wie die Götterlieblinge, ferienhalber zu Gast auf einem leuchtend weißen, weitläufigen Hotelterrain, das der Veranstalter Vamos für "Eltern-Kind-Reisen" entdeckt hat.

Kulturschutz für Familien! Willkommen im Hotel Irini Mare!

Familienreisen: Klingt nach offensiver Bespaßung, nach billigen Plastikbällen, nach abwinkenden Eltern und hysterischem Gequietsche am Pool.