Sowohl für Deutschland als auch für den ganzen Euro-Wirtschaftsraum ist gegenwärtig der Begriff "Inflation" eine irreführende Übertreibung. Das gilt auch für den überschaubaren Bereich der Zukunft - sagen wir: für den weiteren Verlauf des Jahres 2001. Mit "Inflation" meint man eine Vermehrung der Geldmenge (und/oder der Kreditschöpfung), sofern sie über die Vermehrung der Gütererzeugung weit hinausgeht und dadurch zu einer schnellen Anhebung des generellen Preisniveaus führt, das heißt: zu einer schnellen Entwertung des Geldes. Dagegen hat sich eine relativ langsame Anhebung des Preisniveaus im Laufe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in allen fortgeschrittenen, zugleich wohlgeordneten Volkswirtschaften der Welt als tatsächlich unvermeidlich erwiesen - entgegen mancherlei idealistischen ökonomischen Theorien und Ideologien. Zumeist wird dieser Preisanstieg in der Gestalt eines Indexes der Verbraucherpreise gemessen.

In den neunziger Jahren ist der deutsche Verbraucherpreisindex zunächst schnell, von 1992 bis 1995 im Durchschnitt jährlich um 3,5 Prozent gestiegen, sodann von 1996 bis 2000 im Schnitt jährlich nur um 1,0 Prozent. Dabei wurde seit Ende 1998 die Geldmenge nicht mehr durch die Bundesbank in DM, sondern durch die Europäische Zentralbank in Euro gesteuert. Seit dem Inkrafttreten des Euro liegen die deutschen Verbraucherpreise und der Index für ganz Euroland regelmäßig nahe beieinander. Erstmalig im Jahre 2000 stieg der deutsche Verbraucherpreisindex auf durchschnittlich 2,1 Prozent, was noch als normal gelten darf.

Gegen Ende des Jahres 2000 haben die Verbraucherpreise deutlich angezogen.

Hier wirken besonders der weltweite Rohölpreisanstieg und die in Europa durch die Seuchen der Rinder, Schafe et cetera ausgelöste Steigerung der Fleischpreise. Im April 2001 stand der Verbraucherpreisindex bei 2,9 Prozent.

Das ist ein Warnsignal, wenn auch der Preisanstieg immer noch deutlich unter demjenigen in der ersten Hälfte der neunziger Jahre liegt. Für die Zukunft darf mit einer langsamen Beruhigung gerechnet werden. Denn sowohl die Rohölpreise als auch die Seuchen gehen zurzeit etwas zurück aber man kann dieser Rückgänge nicht ganz sicher sein.

Für die Verbraucherpreise spielen immer auch Veränderungen der Steuersätze der Verbrauchs- und Mehrwertsteuern eine Rolle deshalb bleibt dem Steuergesetzgeber Vorsicht anzuraten. Die Europäische Zentralbank ist zu loben dafür, dass sie nicht - wie es die Bundesbank in den siebziger, achtziger Jahren tat - versucht hat, die Auswirkungen des Opec-Kartells auf die Verbraucherpreise in Euroland durch forcierte Einschränkung der Geldmenge abzufangen. Wohl aber hatte sie Recht, wenn sie umgekehrt und entgegen mancherlei Pressionen in der Frage der Zinssenkung bisher sehr vorsichtig operiert hat. Weil die industrialisierten Länder in eine Phase deutlich verminderten Wachstums eingetreten sind und weil deren Dauer ungewiss ist, können zukünftig Zinssenkungen angezeigt sein. Wenn allerdings die Pilotenvereinigung Cockpit - keine Gewerkschaft, sondern ein Kartell von Hochverdienern - sich mit ihren exorbitanten Gehaltsforderungen durchsetzen sollte, würde damit ein sehr unerwünschtes Signal gesetzt, welches anderen ein schlechtes, inflatorisches Beispiel gibt.

Uns droht heute zwar keine Inflation wohl aber müssen die europäischen Steuer- und Haushaltsgesetzgeber und die Lohn- und Gehaltstarifpartner wissen: Auch sie - und nicht die Zentralbank allein - sind für künftige Inflationsvermeidung verantwortlich.