Es gibt Tage, da geht es ihm besonders schlecht. Da spürt er seine Neigung mehr als sonst und weiß nicht, ob er ihr noch widerstehen kann. Vor allem wenn im Herbst der Regen prasselt und sich der Boden unter ihm auflöst zu Matsch und Modder, fühlt er sich hinfällig wie nie

es zieht ihn aus dem Lot, wieder ein Stück dem Ende entgegen.

Seit Jahren schon wird der Turm zu Pisa behandelt wie ein Todkranker auf der Intensivstation, sein siecher Körper ist verkabelt und mit 120 Sensoren übersät, die nun alle fünf Minuten einen Lagebericht ins Kontrollzentrum funken. Doch je mehr man forscht, desto unerforschlicher zeigt sich der Kampanile

je akribischer die Baudoktoren ihn kontrollieren, desto weniger glauben sie an seine Kontrollierbarkeit. An manchen Tagen erscheint er ihnen als ein Wesen von höchster Eigenwilligkeit.

Lange hatten sie an die Gutmütigkeit des schiefen Alten geglaubt, er würde es schon noch einige Jährchen machen. Doch als ein paar hundert Kilometer entfernt, im Örtchen Pavia, ein kerzengerader Kampanile zusammenstürzte, einfach so, ohne Vorwarnung, waren sie doch beunruhigt. Sie fütterten ihre Computer, ließen einige Waspassiert-dann-Programme laufen und stellten verblüfft fest, dass der Turm eigentlich hätte längst am Boden liegen müssen.

In ihren Simulationen jedenfalls fiel er bei einer Neigung von 5,44 Grad. Die Wirklichkeit aber hielt ihn - obwohl bereits um 5,5 Grad (oder fast 4,5 Meter) aus der Senkrechten gekippt. Den Sicherheitsbedachten war das der Unbegreiflichkeit zu viel, kurzerhand ließen sie das schräge Nationalsymbol am 7. Januar 1990 sperren. Niemand wusste damals, ob man die Fallsucht überhaupt kurieren könne und ob sich jemals wieder Besucher hinaufwinden würden, um die gekippte Weltordnung am eigenen Leibe zu erfahren.

Eine Kommission wurde berufen, um dem Kampanile wieder aufzuhelfen