Erst waren's zwei, dann drei, dann vier Milliarden. "Plus x", fügte vor dem Wochenende Berlins Finanzsenator Peter Kurth (CDU) vorsichtig hinzu, und nach dem Wochenende war das Loch im Berliner Haushalt dann plötzlich um sieben Milliarden Mark gewachsen. Schuld daran ist ein Defizit bei der Berliner Bankgesellschaft, die zu 56,6 Prozent dem Land Berlin gehört.

Irgendwie müssen die durch faule Kredite und spekulative Immobiliengeschäfte entstandenen Verluste ausgeglichen werden, am besten vom Mehrheitsaktionär.

Senator Kurth hatte die Idee, Bundesfinanzminister Hans Eichel könnte die Sache richten. Schließlich war Berlin schon immer der teuerste Kostgänger des Bundes - und der treueste. Seit gut 50 Jahren hängt der Stadtstaat am Tropf der Republik, und daraus ist eine einschläfernde Abhängigkeit geworden. Das fing 1948 mit dem Notopfer Berlin an. Es war die Antwort auf die kostspielige Luftbrücke. Auf jede Postsendung musste die blaue Zwei-Pfennig-Marke geklebt werden, alle Einkommen natürlicher und juristischer Personen wurden mit einer Sondersteuer von bis zu vier Prozent belastet. Ganze drei Monate lang sollte die Abgabe erhoben werden, doch das Notopfer verschwand erst Ende 1957.

Die "Besondere wirtschaftliche Einheit Berlin (West)", wie es im Bürokratenjargon hieß, musste allerdings weiter gestärkt werden, um den Stürmen des Kalten Krieges zu trotzen. Das war die hohe Zeit der "Zitterprämien". Wer in Berlin investierte oder dort arbeitete, wurde für das Ausharren belohnt: mit geringerer Umsatzsteuer und großzügiger Investitionsförderung, mit Reduktionen der Einkommensteuer und Arbeitnehmerzulagen. Mitte der siebziger Jahre machten die Subventionen 15 Milliarden Mark im Jahr oder 7500 Mark je Berliner aus.

Mit absurden Folgen: Fast ein Drittel des Berliner Industrieumsatzes entfiel plötzlich auf Tabakerzeugnisse und Kaffee, bis zur Wende kamen drei von vier in der Bundesrepublik erzeugten Zigaretten aus Berlin. Textilien wurden an die Spree verfrachtet und zwecks niedrigerer Umsatzsteuer mit dem Etikett "Hergestellt in Berlin" versehen. Für jeden Arbeitsplatz schoss der Bund allein durch das Umsatzsteuerprivileg 110 000 Mark im Jahr zu.

Parallel dazu (und das seit 1948) floss die direkte Bundeshilfe. Unterm Strich hieß das: Mehr als die Hälfte des Berliner Haushalts wurde regelmäßig aus Bundeszuschüssen bestritten. Berlin leistete sich dafür den mit Abstand üppigsten Beamtenapparat und die umfangreichsten Unternehmensbeteiligungen aller Bundesländer, ergänzt um jede Menge Liegenschaften. Dazu kam ein aufwändig subventioniertes Kulturleben, schließlich galt es, die Konkurrenz mit Ost-Berlin zu bestehen.

Es traf die Insulaner hart, als sie plötzlich umdenken mussten. Mit dem Ende des Kalten Krieges hörte der warme Geldregen aus der Bundeskasse auf. Binnen fünf Jahren wurde der Bundeszuschuss radikal zusammengestrichen, seit 1995 nimmt Berlin wie jedes andere Bundesland am Länderfinanzausgleich teil. Von den 20 Milliarden Mark, die der Bund noch 1991 überwies, blieben 1995 noch elf Milliarden übrig.