Es war schrecklich. Der junge Mann versuchte, der Geburtstagsgesellschaft etwas Gutes zu tun, las dialektbemüht einen Monolog von Karl Valentin. Das Komische blieb Papier, der sprachkritische Unterton aufgesetzt. Was dabei peinlich hörbar wurde: Die Stücke Karl Valentins sind auch die Stimme Karl Valentins (und Liesl Karstadts) oder, wie Valentin in Die Uhr von Loewe bemerkt: "Ich setz voraus, dass ich mich dabei selbst begleite."

Wenn er im Solovortrag Der hohle Zahn dentalpraktisch nachdenkt: "Dass einem das Nichts wehtun kann, das kann ich nicht begreifen", wird die fast existenzphilosophische Zweideutigkeit nur wirksam, spricht er sie mit diesem kopfschüttelnden Klang. "Diese Nummer erfordert eine eigene Vortragsweise, um zur Wirkung zu gelangen", notierte er gemeinerweise zu einem seiner Stücke, in vollem Bewusstsein, damit nur den einen zu meinen. Das Alltagsnahe seiner Szenen musste immer von der leicht verkünstelten Sprache - wie bei jedem großen Komiker, ob Gerhard Polt oder Jürgen von Manger - ver-rückt werden, das Surreale oder abstrakt Philosophische vom lebensnah Münchnerischen auf den Boden geholt werden.

Nach den wenig lustigen, weil dem wahren Weltelend zu nahen Geschichten aus der Nachkriegszeit, legt der Hörverlag mit Buchbinder Wanninger - Sprachclownerien die zweite Auswahl mit Monologen, Dialogen und Szenen vor, ein Projekt, das hoffentlich fortgesetzt wird, in dem sich aber Irritation in die helle Begeisterung mischt. Ein bisschen Wundertüte ist diese Zusammenstellung aus den Jahren 1928 bis 1940, dazu kommt der sprunghafte Begleittext von Professor Helmut Bachmaier, Mitherausgeber der Gesamtausgabe der Werke Karl Valentins, die 1998 abgeschlossen wurde. Man muss die Kritik an der Gigantomanie dieser Piper-Edition nicht aufwärmen

wer sich auf einen Komiker einlässt, der - ähnlich Chaplin und Keaton - Kinder wie Philosophen beschäftigt, wird sich auf die Gratwanderung zwischen Wissenschaftsunsinn und Lachen, zwischen Schriftlichem und Mündlichem begeben müssen. "Entschuldigen Sie also vielleicht vielmals" - sind das Verdreher aus Schlampigkeit, oder ist das unterschwelliger Widerstand?

Sicher ist, dass Valentin in zahllosen Variationen Sprachverrenkungen geübt, eingebaut und umgestellt hat, dass er als Sprachforscher ebenso erfolgreich war wie mit seiner Vereinsrede, in der er mit schnarrender Vorsitzenderstimme (1940!) die zeitlosen Hülsen aufreihte. Ob er Im Theater mit der Ernsthaftigkeit eines Erlebnisaufsatzes, vom Hundertsten zum Hundertersten kommt, im Aquarium mit Keatonschen Blick detailgenau Präpositionen verfolgt ("Natürlich wohne ich nicht in der Sendlingerstraße") und den Fisch im Wasser als natürliche Folge des Aquariumlebens entlarvt ("Weil de Fisch des so g'wohnt sind") - immer starrt er auf die Welt als unbekannte Versuchsanordnung, der man sich nur mit äußerstem Misstrauen nähern sollte.

Wie der Buchbinder Wanninger komme man sich manchmal vor - für Süddeutsche eine nachvollziehbare Metapher, dem Sisyphos oder Gregor Samsa vergleichbar, doch meist erntet man nur erstaunte Blicke. Nie gehört von jenem vergeblichen telefonischen Versuch des Buchbinders, seine Nachricht an die richtige Stelle zu bringen. "Entschuldigen Sie bitte, ich wollt nur mitteilen, dass die Bücher, wos bestellt haben, fertighabe. Ob ich die Bücher losschicken soll und ob ich die Rechnung auch da gleich mitschicken darf." Das "Einen Moment bitte, ich verbinde" wiederholt sich so oft, dass dem Buchbinder auf dem langen Weg sein Satz sinnlos wird und sein "Ja, is scho recht" in hilflosen Verdrehungen endet, bis am Ende sein Kommentar zur Welt exemplarisch bleibt: "Saubande, dreckade!"

Allein um dieser sechsminütigen Miniatur aus Godot und Schloss wegen verbietet sich jegliche Nörgelei an der Auswahl. Um der langen Liste der Lobredner Valentins (mit "V", bitte) aus Brecht, Hesse, Feuchtwanger, Tucholsky, Kerr und Beckett ("... habe viel und voll Trauer gelacht") den akustischen Grund nachzureichen und endlich über ganz Deutschland die "metaphysischen Sprachclownerien" (Polgar) des hypochondrischen Klassikers zu verbreiten. Da Valentins Nachlass in Köln liegt (der Stadt München schienen 7000 Mark zu viel), die Gesamtausgabe mit acht Bänden vor jedem Leser sicher ist, die Filme aus den 2001-Regalen wieder verschwunden sind, muss Valentin von München aus neu erobert werden.