Eine Woche vor der Wahl hat Tony Blair ein unerwartetes Manöver begonnen: Er will seinem Wahlvolk schnell noch den Euro unterjubeln. So sehen es zumindest politische Beobachter auf der Insel. Der britische Premier will "frühzeitig" in der ersten Hälfte der nächsten Legislaturperiode "prüfen", ob der Euro für die Insel ökonomisch sinnvoll sei. Neu ist das Wörtchen "frühzeitig". Fällt die Prüfung positiv aus, soll umgehend eine Volksabstimmung folgen. Wenn diese mit "Ja" ausgeht, kann Tony Blair sehr gut "die Erwartung" verstehen, dass in der kommenden Legislaturperiode Euro-Geldscheine auf der Insel kursieren. Bei so viel flammendem Euro-Enthusiasmus warnen Labour-Insider schon vor einem "Bruch" zwischen Blair und seinem Schatzkanzler Gordon Brown.

Immerhin: Die Töne aus Downing Street Number 10 sind ein kleines bisschen Eurofreundlicher als bisher, und in allgemeineren Europafragen hält der Premier wirklich engagiertere Reden als je zuvor. Er schimpft zum Beispiel gegen den "Isolationismus" der konservativen Opposition. Die setzt umgekehrt alles auf eine Karte. "Euro durch die Hintertür!", schimpft Oppositionsführer William Hague. Konservativ wählen, das sei die "letzte Chance, das Pfund zu retten". Selbst Margaret Thatcher ("Niemals!") durfte bei einer Kundgebung auf die Bühne, man schürt Ängste vor Gerhards Schröders Ideen einer europäischen Föderation, vor einheitlichen Steuern und vor der Brüsseler Bürokratie. Den Euro einzuführen, das koste jeden britischen Haushalt umgerechnet knapp 5000 Mark, behaupten die Konservativen.

Nun ist es ein offenes Geheimnis, dass sowohl Tony Blair als auch sein Schatzkanzler Gordon Brown schon vor einiger Zeit gern den Euro eingeführt hätten. Ebenso klar ist, dass sie das politisch immer weniger konnten. Nach jüngsten Umfragen sind 60 bis 70 Prozent der Briten gegen die Einheitswährung. Die Wirtschaftsverbände halten sich aus der Debatte heraus.

"Das Business ist gespalten", sagt David Sears, Vizechef der britischen Handelskammern (BCC). Warum gibt sich Tony Blair also jetzt überhaupt eine Breitseite?

Drei Theorien kursieren. Nummer eins: Die Konservativen haben Blair die Debatte aufgezwungen. Tatsächlich mogelt sich der Premier schon seit Beginn seiner Amtszeit am Thema vorbei - und die Konservativen reden in diesen Tagen von nichts anderem. "Der Euro ist bei dieser Wahl kein Thema", beschwor Blair gerade noch einmal, "das letzte Wort hat das britische Volk in einer Volksabstimmung." Doch das ist im Grunde eine Killer-Strategie, eine todsichere Entgegnung auf alle Tory-Anwürfe. Blair wählen - dann kann man frei über den Euro entscheiden. Die zweite Theorie: Blair glaubt, dass er die Wahl schon in der Tasche hat - und beginnt mutig, die zweite Legislaturperiode zu gestalten. Das sieht ihm allerdings nicht ähnlich. Blair warnt seine Mitstreiter eifrig vor complacency, jeder Art des siegessicheren Zurücklehnens.

Die letzte Theorie lautet: kalkuliertes politisches Spiel. Blair nutze den Schwung des Wahlkampfes und des erwarteten Wahlerfolges, um gleich danach in Siegerpose eine Debatte zugunsten der Einheitswährung anzustoßen. Er wolle im Wahlkampf ein bisschen proeuropäisch erscheinen, aber niemanden erschrecken, dann könne er einen deutlichen Wahlsieg geschickt als Mandat für eine frühe Volksbefragung ausgeben. Und vielleicht als eine Art Vorabvotum für den Euro.

Ein Indiz: Anti-Euro-Organisationen wie die "Business for Sterling"-Kampagne haben sich im Wahlkampf auffällig zurückgehalten. Sie wollen ihrerseits nämlich nicht gemeinsam mit den Euro-feindlichen Konservativen untergehen.