Der Ossi ist ein Volksstücktyp. Schon dieser schrullige Dialekt. Genau genommen ist der Ossi (heute homo orientalis bundesrepublikanowitsch, im Herzen aber auf ewig homo sovieticus, vulgo eine faule Sau mit falscher Einstellung zum Leben) weniger ein Prototyp der Posse, vielmehr eine echte Figur des kritisch-emanzipatorischen Volksstücks Horváthscher Prägung.

Unverbesserlich unvornehm. Vom sozialistischen Stallgeruch durchtränkt und deshalb in einer parfümierten Gegenwart auf ewig zum Unterprivilegiertendasein verdammt.

Wo aber das Volksstück spielt, da liegt auch Heimat, zumindest nach landläufig denunziatorischer Begriffsbestimmung. Das düstre Tal, das Vaterland der frühen Demütigung, das man nicht lassen kann, weil es den Mutterboden unserer Gemütsbewegungen ausmacht. "Das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat." So formuliert Ernst Bloch.

Gebürtiger Ludwigshafener zwar, aber seit seiner Zwangsemeritierung 1957 einer unserer Lieblings-Leipziger und Leibphilosophen, ist er der würdigste aller möglichen Mottogeber für ein Theaterspektakel namens www heimat le, das eben neun Tage lang durch Leipzig tobte. Allabendlich zwölf Inszenierungen, verteilt auf acht Austragungsorte. Da raschelten volkseigene Dederonschürzen über den Gang, in mancher Inszenierung meinte man fernes Trabantgeknatter zu vernehmen, und selbst die Baguette-Theke im Foyer des Schauspielhauses roch nach Bockwurst. Heimat als DDR-Vergangenheit? Und Vergangenheit als Jux?

Freisein im Gefängnis

Das nostalgisch Miefige gehörte hier gottlob hauptsächlich zur Partyausstattung. Theater hingegen, hart am Thema, konnte man bei der Uraufführung von Vineta (oderwassersucht) sehen. Armin Petras, als Regisseur durchaus für wirre Spektakel berüchtigt, hat diesmal als Autor eine prägnante Beschreibung des neubundesdeutschen Zustands gehemmter innerer Übersiedelung vorgelegt. Frankfurt an der Oder 1992: Schwindelerregend kippt der Plattenbau in den Horizont. Schwarze Fenster wie offene Gruben, die Fassade abschüssiges Gelände. Auf diesem Bühnenbild balancieren nur Leute lässig, die schon nicht mehr abstürzen können. Das Haus ist das Land, ist die versinkende Trutzburg, wuchtig genug, jeglichen Blick in die Zukunft zu versperren. Mit kurzen, deftigen Dialogen skizziert Petras das unheimliche Idyll einer neu gewonnen Freiheit im altvertrauten Gefängnis. Der glücklose Boxer und das hoffnungsvolle Mädchen, die arbeitslose Mutter und der minderjährige Skinhead bilden eine Mieternotgemeinschaft, doch müht sich jeder allein, seiner Biografie zu entkommen. Sämtlich scheitern sie an einem privaten Phantomschmerz. Der Raum der unbegrenzten Möglichkeiten bleibt unerreichbar.

Man muss sich schließlich zu beschränken wissen! Warum soll es nachträglich denn nicht nützen, eine sozialistische Ära lang die Einsicht in Notwendigkeit geübt zu haben.