Moral in der Wirtschaft - eine revolutionäre Idee? Vielleicht für die alten Ägypter. In deren Agrarplansystemen (um 1500 v. Chr.) kam Zwangsarbeit zum Einsatz - der Überlieferung nach wurde schon damals über die Moralität dieses Vorgehens diskutiert. Seitdem werfen Volkswirtschaften aller Epochen ethische Fragen auf: Darf man wie die Römer seine Provinzen ausbeuten? Worin liegt die Kunst, ein "ehrbarer Kaufmann" zu sein (und kein "Schieber" oder "Raffke")? Wie beantwortet man die Arbeiterfrage? Es debattierten Staatsmänner, Philosophen und Päpste, deren Sozialenzykliken stets eine praktische Sozial- und Wirtschaftsethik enthielten.

Der heute modische Begriff der Corporate Citizenship, der Bürgerpflichten des Unternehmens, ist der Debatte in den Vereinigten Staaten entliehen. Von dort stammt auch die Unternehmensethik (Business Ethics), die in den vergangenen 20 Jahren viele Lehrstühle, Diskussionsrunden und Schriften hervorbrachte. In Kontinentaleuropa haben diese Ideen nur langsam gegriffen - was auch daran liegt, dass die Europäer eine eigene Tradition der "sozialen Marktwirtschaft" haben (dank der Vordenker Röpke, Müller-Armack, Erhard) und Begriffe wie "Sozialpartnerschaft" hier nicht kontrovers sind. Die Begrifflichkeiten der sozialen Marktwirtschaft sind im Ordoliberalismus entstanden, der deutschen Ausprägung des Neoliberalismus. Dazu gehört auch die Vorstellung von der Sozialbindung des Kapitals. "Eigentum verpflichtet": Auf diesem Diktum wurden in der Gründerzeit ganze Unternehmen aufgebaut.

So beschäftigen sich die Moralphilosophen gleich mit zwei Unterdisziplinen, wenn es um die Wirtschaft geht. Zum einen mit der Ethik der Unternehmen: Nach welchen sittlichen Werten richten sich die Aktivitäten einer Firma aus? Zum anderen mit der Wirtschaftsethik: Wie schafft man eine moralische Ordnung für die Volkswirtschaft? Letztere setzt den Rahmen für Erstere. Beim libertären US-Ökonomen Milton Friedman ist nachzulesen, die erste Bürgerpflicht des Unternehmens sei, "so viel Geld wie möglich zu machen". Aber, so der oft vergessene Nachsatz, "konform mit den Grundregeln der Gesellschaft, nach dem Gesetz und den ethischen Gewohnheiten".