Voß, der Künder Homers, so kennen wir ihn, wie auch unsere liebe Post den teuren Mann gerade auf einer teuren Briefmarke gewürdigt hat, mit vielen Hebungen und Senkungen, und irgendwo schlägt ein Rohrstock den Takt dazu, und bleiche Büsten starren staubig vom Podeste. Voß, der Schulmeister, humanistisch, protestantisch und pedantisch und ein bisschen noch Poet dazu.

Aufrecht aller Wege, zu DDR-Zeiten sogar Erbe-kompatibel, hat, so hieß es, die Marseillaise übersetzt. Voß auf der Bank dann, in der Abendsonne, die Kinder um ihn her

er liest aus Luise, des deutschen Bürgers Tugendspiegel, und im häuslichen Winkel Ernestine, geborene Boie, die liebende Gattin, klopfet das Kissen. Zur Nacht schließlich, bei der Kerze, über die Ilias gebeugt - so hat ihn Herbert Eulenberg, der rheinische Schalk, 1915 in seinen Schattenbildern porträtiert: "Die Sichel des Mondes schwamm träumend / Auf dem See von Eutin und grüßte die Augen des Dichters, / Die durch das Fensterchen glänzten, berauscht vom hellenischen Geiste, / Wie von den hohen Gedanken, mit denen sein Säkulum schwanger."

Nein, schreibt der junge Wilhelm von Humboldt 1796 nach einer Begegnung mit dem 16 Jahre Älteren, Voß ist anders.

"Voß ist schlechterdings anders, als man ihn sich denkt" - dieser Satz Humboldts steht als Motto über der Geburtstagsausstellung, die just in Eutin eröffnet wurde. Hier in der kleinen holsteinischen Residenz am großen See, wo auch Goethes Freund Tischbein malte, wo die Stolbergs und Anton von Halem, Jacobi und Gerstenberg zeitweilig wohnten, Klopstock und Claudius gern zu Besuch kamen und manch anderer Geistesrepublikaner, wo 1786 Carl Maria von Weber geboren wurde, in diesem, oho!, "Weimar des Nordens", lebte Johann Heinrich Voß, der Schulrektor, mit der Familie von 1782 bis 1802. Hier entstand bald Buch um Buch, hier genoss er seinen ersten Ruhm, den er sich mit der Odüßee erworben hatte, übersetzt noch während seiner Zeit im kleinen Otterndorf bei Cuxhaven und 1781 "auf Kosten des Verfassers" in Hamburg gedruckt.

Voß in seinen Lebensrollen darzustellen, gegen das Klischee - das haben sich die Ausstellungsmacher, Frank Baudach von der Eutiner Landesbibliothek und Ute Pott vom Gleimhaus in Halberstadt, vorgenommen. Und so bieten sie keine bloße Chronik, sondern zeigen den Dichter, den Übersetzer, den Streiter und Freund in einer konzentrierten Folge intelligent ausgewählter Handschriften, Bilder und Lebensdokumente. Zeigen Voß' immense Leistung für die deutsche Literatur, aber auch die Bedingungen, denen sie abgetrotzt wurde, die Spannungen und Sprünge dieses ganz und gar nicht gipsblassen, pfarrhaussäuerlichen, sondern temperamentvollen, energischen Lebens.

Wie so viele Autoren des großen Zeitalters - von Winckelmann bis Friedrich Schiller, Anna Louisa Karsch, Klinger, Herder, Moritz oder Jean Paul - kam Voß aus so genannten kleinen Verhältnissen. Geboren 1751 im mecklenburgischen Flecken Sommerstorf, aufgewachsen in Penzlin, ist er jugendlang angewiesen auf Freitisch und Stipendium. Die Sorgen, aber auch der Stolz des Aufsteigers prägen sein Leben. Wir sehen den Entwurf für einen Bittbrief 1783 an Peter Friedrich Ludwig, Herzog von Oldenburg: die pflichtschuldige Höflichkeitsformel am Schluss ist von fremder Hand ins Untertänigste redigiert - Servilität fiel Voß schwer.