Richard Millet: Der Stolz der Familie Pythre

Alexander Fest Verlag, Berlin 2001

363 S., 44,- DM

Die Schönheit dieses schönen Buches ist die feste, klare und leuchtende Sprache, die Richard Millet beherrscht - er sie und sie ihn. Es sind oft schweifende Sätze, die da kleine Pflöcke in die Erde des Plateau de Millevaches schlagen, und jeder dieser Sätze hat das, was wir ja immer erwarten und doch nur selten so bekommen, dass nämlich etwas Fassbares drinsteht, dass sie randvoll sind mit Sachen und Gegenwart. (Was auch der glanzvollen Übersetzung von Christiane Seiler zu danken ist.)

Es ist die Geschichte einer Familie, aber eine Familiengeschichte ist es deswegen nicht. Zu sehr für sich will da jedes Mitglied der Pythres bleiben, und es sind seltsame und verschlossene Menschen, die im Grunde außer ihrer Verwandtschaft nichts gemein haben als den scheelen Blick, den die Dorfleute auf sie werfen. Die sind denn auch die eigentlichen Erzähler dieser Geschichte, sie sind es, die versuchen, hinter das Geheimnis vor allem des großen Pythre, André, zu kommen. Aber der lässt erst nach Jahren ahnen, dass sein Geheimnis nichts ist als seine Einsamkeit und deren Sprache nichts als Brutalität und Gewalt. Das Seltsamste aber ist, dass in diesem Buch von den Menschen so erzählt wird, wie jedes Leben es auch verdienen würde, erzählt zu werden: als zeitgenössische Heiligenlegende. Es gibt übrigens ein zweites Buch von Richard Millet auf Deutsch, Die Schwestern Piale, das in Frankreich nach und bei uns vor diesem erschienen ist. Welches das noch schönere ist, sei hier nicht verraten. Damit Sie beide lesen.*