Die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt ist eine schöne Frau.

Dies zu bemerken ist unzulässig, weil es von der Tatsache ablenkt, dass Siri Hustvedt unter anderem zwei eindrucksvolle Romane geschrieben hat. Sie erzählen die Geschichte von Frauen, die mit Siri Hustvedt literaturgemäß nicht identisch sind. Wer zum Beispiel Die Verzauberung der Lily Dahl liest, ist besser dran, wenn er das Bild der Siri Hustvedt nicht kennt, auf dass er sich kein falsches Bild von Lily Dahl mache.

Heutzutage, da die Welt der Bilder die Welt ist, kann es keinem, der den Erfolg will, egal sein, wie der Dichter aussieht und folglich ankommt. Vor einiger Zeit machte ein Verlag für seinen Debütanten Werbung mit dem Satz, der habe das Zeug zum "literarischen Sexsymbol". Der Mann sah in der Tat gut aus, aber bis vor kurzem gab es neben dem Totengräber oder der Souffleuse keinen Beruf, bei dem das Aussehen eine derart geringe Rolle gespielt hätte wie beim Schriftsteller. Sartre schielte, Kafka hatte Fledermausohren, Rilke Glubschaugen. Macht das was?

In Kanada ist jetzt ein Bild aus dem Jahr 1603 entdeckt worden, das den jungen Shakespeare zeigt. Große Aufregung. Ist er es wirklich? Man weiß es nicht genau, wird es wohl nie genau wissen, denn Shakespeare ist tot, aber er lebt. Verstünden wir den Lear oder den Hamlet besser, wenn wir wüssten, wie sein Autor aussah? Wir wissen es ohnehin: Er sieht aus wie Joseph Fiennes in dem Film Shakespeare in Love.

Einer ehrwürdigen Literaturtheorie zufolge gilt nichts außer dem Text. Allein er steht im Zentrum der Interpretation, und die Frage, ob Goethes Neufassung des Mondliedes seine gewandelte Beziehung zu Frau von Stein spiegelt, ist für das Wesen des Werks unerheblich. Die werkimmanente Methode ist später zur Rezeptions- und zur Wirkungsästhetik weiterentwickelt worden: Der Text gewinnt seinen Reichtum erst durch uns, die Leser. Wir sind es, in deren Kopf aus toten Buchstaben ein Kosmos an Bedeutung entsteht. Indem wir lesen, erwecken wir den Text zum Leben, und dieses Wir ist jeweils ein historisch anderes, sodass erst die Kette der Lesarten jenes Etwas herstellt, das man Werk nennt. Wenn dies auch nur ein bisschen stimmt, dann ist es kontraproduktiv, das Leben der Dichter bis ins Konterfei kennen zu wollen.

Müssen wir tatsächlich wissen, ob hinter Thomas Manns traumatischem Verhältnis zur eigenen Homosexualität womöglich ein grauenvolles Erlebnis steckt?

Wir müssen nicht, aber wir wollen. Zwischen Text und Leser entwickelt sich nicht selten eine irreale Beziehung, die der realen Liebe gleicht. Wie ein Liebender will der Leser dem geliebten Autor so nahe kommen wie möglich. Ist er weise, wird er dem Wunsch widersagen. Aber ein Leser muss nicht weise sein. Er soll sein illegitimes Bedürfnis nach intimer Auskunft äußern dürfen.