"Da hat alles angefangen", sagt der 22-jährige Manuel zu Beginn von Augusti Villarongas Film El Mar, und der Betrachter, der sich in eine Gebetsstunde im Mallorca des Jahres 1936 zurückversetzt sieht, versteht: Schon in den Anfängen des Traumas, das für Manuel, seinen Freund Ramallo und die anhängliche Francisca Kindheit heißt, kreuzen sich religiöse Weltfremdheit und faschistische Gewalt. Die Nachricht vom Morden der Falangisten reißt den schwärmerischen Manuel für kurze Zeit aus seiner Andacht. Gemeinsam mit dem 10-jährigen Pau folgen Manuel und Francisca dem Draufgänger Ramallo auf den Friedhof. Nächtens werden sie Zeugen der Hinrichtungen, die ein katholischer Priester absegnet. Die Verstörung der Kinder wird sich zu einem lebenslangen Schuldgefühl auswachsen, als sie mit ansehen müssen, wie Pau seinen ermordeten Vater rächt. Er erschlägt den Sohn des Falangistenchefs und stürzt sich danach in einen ausgetrockneten Brunnen. In diesem Schacht liegen Selbstwertgefühl und Lebenslust der drei Freunde begraben, die sich zwölf Jahre später bezeichnenderweise in einem Lungensanatorium wiedertreffen.

Francisca ist Nonne geworden, Manuel zwingt seinem todgeweihten Körper die Geißel eines fanatischen, buchstäblich Wunden reißenden Glaubens auf, Ramallo gilt als heilbar, wird aber von den Tuberkeln der Scham zersetzt: Um zu überleben, hat er sich einem feisten Schmuggler unterworfen, der ihn seit Jahren zur Hure macht. Augusti Villarongas an Leib und Seele zehrender Romanverfilmung zieht die Schlinge eines ebenso unausweichlichen wie unerwiderten Begehrens so eng um seine Protagonisten, dass es noch dem Betrachter die Luft nimmt. Den Kampf gegen den eigenen Körper, den vor allem Manuels wahnhaft unterdrückte Liebe zu Ramallo in einen Glaubenskrieg verwandelt, wird keiner von ihnen gewinnen. Was aber soll das Meer, wenn eine Flut von Schuldgefühlen über die Sehnsucht hereinbricht, die sich die schwulen Liebenden so gewaltsam verwehren wie die körperlose Frau unter Gottes Haube? Das Meer, das ist in diesem schreckerregend gelungenen Film ein Hoffnungsschimmer und doch nur ein Tropfen auf heiße Steine.