Brüssel

Der pfeilschnelle Eurostar von Brüssel nach London bringt einen, so scherzen die Briten in Brüssel, von Waterloo (Belgien) nach Waterloo (Station).

Abfahrt zum Beispiel morgens um sieben, Ankunft 8.50 Uhr Ortszeit. So kann etwa Neil Kinnock, der britische EU-Kommissar, locker seinen Vormittag in Downing Street planen. Am Brüsseler Gare du Midi greift er nach der britischen Tagespresse, doch wird die Lektüre dem Waliser oft zur Qual: "Was da mitunter zu lesen ist, könnte einen glauben machen, dass das Vereinigte Königreich und Belgiens Hauptstadt auf verschiedenen Planeten liegen und Brüssel voller Aliens steckt, die nichts anderes im Sinn haben, als unser berühmtes Kleinod, in die Silbersee gefasst, zu versenken", lästert Kinnock mit Shakespeare.

Zu den Aliens zählt für die berüchtigte Londoner tabloid press der Commissioner Kinnock ebenso wie der zweite britische EU-Kommissar Chris Patten. Fremde vom anderen Stern sind erst recht das Dutzend Generaldirektoren und Kabinettschefs an der EU-Verwaltungsspitze, nebst allen übrigen der 1500 bestens ausgebildeten Bediensteten mit britischem Pass in der Kommission. Wer in Brüssel Spitze ist, ist für Mirror oder Times untendurch. Gone native, herabgesunken zum Eingeborenen: Das alte, vernichtende Urteil über jene Eliten des Empire, die irgendwo zwischen Indien und den West Indies ihre Mission vergaßen, zielt heute auf die Spitzen in Brüssel.

Doch das böse Verdikt über die Briten von Brüssel täuscht. Man muss sich nur umhören in den EU-Institutionen. Bewunderung mischt sich mit Neid im Urteil vieler Nichtbriten über ein angebliches takeover, über la dominance anglosaxonne. Keine Spur von Schwäche.

Erster Machtfaktor: Alle sprechen Englisch, die Akteure wie die Beobachter.

Wer etwa im Brüsseler Betrieb Bescheid wissen will, liest Financial Times, am Wochenende die European Voice und hält sich fürs Kulturprogramm The Bulletin.