Paris

François Mitterrand, dem bisher letzten sozialistischen Präsidenten Frankreichs, haben seine Anhänger anfangs alles zugetraut, sogar die Macht über das Wetter. Als ein mitternächtlicher Platzregen das Straßenfest für das frisch gewählte Staatsoberhaupt übergoss, schallte es im Mai 1981 laut aus der durchnässten Menge: "Wir wollen Sonnenschein! Mitterrand, jetzt hol die Sonne hervor!"

Die Erwartungen an seinen möglichen Nachfolger Lionel Jospin sind von vornherein niedriger gehängt. Seit nunmehr vier Jahren kennen die Franzosen Jospin als Premierminister. Wenn er persönliche Verführungskraft besäße wie Mitterrand oder ein weit reichendes Programm für die Nation wie die französische Linke 1981, dann hätten sie das schon gemerkt.

Der uncharismatische Lehrerssohn Jospin ist unter besonders schwierigen Umständen Spitzenkandidat der Linken geworden. Zuerst bei der Präsidentschaftswahl 1995: Die Sozialisten hatten sich an der Macht verbraucht, und der aussichtsreichste Mann aus den eigenen Reihen, der ehemalige EU-Kommissionspräsident Jacques Delors, wollte nicht bei einer Wahl antreten, die er schon vorher verloren glaubte. Jospin stellte sich als Zählkandidat zur Verfügung. Doch im zweiten Wahlgang erreichte er zur allgemeinen Überraschung knapp die Hälfte der Stimmen. Das war der politische Adelsbrief für Lionel Jospin. Bis heute verleiht dieses Ergebnis seinen Auftritten in den Augen der Franzosen etwas Präsidentielles - auch wenn er bloß Premierminister und Chef einer äußerst heterogenen Linkskoalition ist, die der neogaullistische Staatspräsident Jacques Chirac sich 1997 mit leichtfertig angesetzten Neuwahlen zur Nationalversammlung eingehandelt hat.

In knapp einem Jahr werden die Franzosen ihren nächsten Staatspräsidenten wählen. Jospin selbst hat sich angeblich noch nicht entschieden, ob er wieder antreten wird. Seine Rede über Europa freilich, vor allem deren Inszenierung, lässt den Schluss zu, dass er sich auf die Kandidatur vorbereitet. Seit den Kommunalwahlen im März, bei denen die Linke insgesamt unerwartet schlecht abgeschnitten hat, kokettiert er öffentlich damit, dass er sich vielleicht nicht aufstellen lassen werde. "Mal sehen, wie die Dinge Anfang nächsten Jahres aussehen", sagte er jüngst im Gespräch mit dem konservativen Figaro-Magazine. Er habe jedenfalls nicht die Absicht, demnächst zurückzutreten, um den zermürbenden Druck des Alltagsgeschäfts loszuwerden und sich selbst mit mehr Ruhe auf die Präsidentschaftswahl vorzubereiten: "Ich werde meine Arbeit tun, bis zum Ende der Legislaturperiode." Im Übrigen sei er ein freier Mann, mit sich selbst im Reinen, körperlich gut in Form und privat glücklich. Die Fotos dazu zeigen ihn beim Tennisspiel mit seinem Sohn, beim Einkaufsbummel mit seiner zweiten Frau, der feministischen Philosophin Sylviane Agacinski, und, Akten lesend zwischen anderen Passagieren, auf der Wartebank im Flughafen. Ein Mensch wie du und ich.

Vor allem aber ganz anders als Jacques Chirac. Anders als jener, so die unverhohlene Botschaft, habe Jospin es nicht nötig, noch einmal zum Wahlkampf anzutreten. Weder aus privaten Gründen: Die Illustriertenversion von Lionel Jospins Familienglück wirkt weniger gekünstelt als vergleichbare Inszenierungen aus dem Hause Chirac. Noch gar wegen des Strafrechts: Lionel Jospin hat keine dunklen Geldgeschichten am Hals, derentwegen er der besonderen Immunität des Staatspräsidenten bedürfte. Jacques Chirac hingegen droht, sobald er das Amt verlässt, ein Strafverfahren wegen zweifelhafter Abkommen mit Baufirmen zur Finanzierung der neogaullistischen Partei, die er einst gegründet hatte.

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