Wir alle, die wir träumen und denken, sind Buchhalter und Hilfsbuchhalter in einem Stoffgeschäft oder in irgendeinem Geschäft in irgendeiner Unterstadt", befand Fernando Pessoa bereits in den zwanziger Jahren, "wir schließen die Bilanz, und der unsichtbare Saldo spricht immer gegen uns." Solche Aperçus sind gemeint, wenn vom Buch der Unruhe als dem traurigsten Buch Portugals gesprochen wird.

Die traurigste Band Portugals dagegen sind eindeutig Madredeus. "Umgetrieben von der Angst, mir ein endgültiges Bild der Gesellschaft zu machen, wandle ich zwischen sicheren Illusionen, die Wahrheit betreffend", singt Teresa Salgueiro im Eröffnungsstück von Movimento (EMI Electrola), dem neuen Album, während das Keyboard mit gebremster Dramatik synthetische Wellen schlägt.

Anders als für Pessoa, der 1935 als nahezu Unbekannter starb und erst posthum zum Lieblingsautor existenzialistischer Studenten avancierte, ist kultivierte Tristesse für Madredeus schon zu Lebzeiten ein Erfolgsrezept. Benannt nach dem Stadtviertel Madre de Deus, wo das erste Album entstand, wurde die Band weltweit durch Wim Wenders' Lisbon Story bekannt. Für einen gewissen wendersschen Resthumor spricht, dass er seinem Film die Form einer Komödie gab - möglicherweise aus Amüsement darüber, in Madredeus Geistesverwandte gefunden zu haben, deren Hang zum Tiefsinn den seinen noch zu übertreffen vermochte. Von der damaligen Besetzung sind heute nur noch Pedro Ayres Magahaes, der die meisten Stücke schreibt, wie auch Sängerin Teresa Salgueiro mit ihrer Vorsicht-zerbrechlich!-Stimme übrig - und natürlich das Mischungsverhältnis aus klassischen Gitarren, Kontrabass und "Sintetizadores", die Urformel gewissermaßen, das Rezept als solches. Von Anfang an ergab es bei nur leichtem Umrühren eine Musik, die dem Geist des Fado nahe zu kommen versucht, ohne dessen Traditionen verpflichtet zu sein, nun geht es nur noch um Variation und Wiederholung, ökonomisch: Reinvestition ins Feingeschmackliche portugiesischer Gefühlsfolklore. Movimento klingt, als stünden Madredeus am Rande Europas auf einer Klippe, ergriffen von der eigenen Ergriffenheit, und blickten auf die Weite des Atlantiks, sinnierend.

Erhaben klimpert das Keyboard, naturtrüb klampfen Gitarre und Bass, kein Augenzwinkern stört den Ernst des Augenblicks, wenn Teresa Salgueiro klagt, sie habe sich "in einem Labyrinth verlaufen, das Sehnsucht heißt", oder befindet: "Anmut ist die letzte Wissenschaft, die wir haben." Geht aber runter wie nichts, dieser Weltschmerz-Mix aus dem Hause Madredeus. Außerdem spricht der Saldo für sie.